Ludwigshafen Die Revolution muss Spaß machen

Das Ehepaar Karola und Ernst Bloch mit Rudi Dutschke.
Das Ehepaar Karola und Ernst Bloch mit Rudi Dutschke.

Ludwigshafen gilt nicht gerade als Hochburg der Studentenrevolte von 1968. Gleich zwei Ausstellungen in der Stadt erinnern aber an die Ereignisse vor 50 Jahren. Das Wilhelm-Hack-Museum zeigt noch bis 18. November die Grafikausstellung „Make Love, Not War“, das Ernst-Bloch-Zentrum hat nun die Ausstellung „Remember 68“ eröffnet.

Im Bloch-Zentrum kommen Jimi Hendrix und Andy Warhol, Stalin und Mao, Rainer Langhans und Uschi Obermaier zusammen. ’68 sei eine wichtige geschichtliche und kulturgeschichtliche Bewegung von internationaler Bedeutung gewesen, die auch die Mode und die Künste beeinflusst habe, sagte bei der Eröffnung vor zahlreichen Gästen Immacolata Amodeo, die neue Leiterin des Bloch-Zentrums, bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt. Ernst Bloch könne als eine der Leitfiguren der Bewegung betrachtet werden. Die von dem früheren Professor für Kunsterziehung Josef Walch kuratierte Ausstellung zerfällt in drei Teile. Der erste besteht aus Fotos, die der junge Polizeireporter Uwe Dannenbaum seinerzeit aufgenommen hat. Sie sind in dem Bildband „Berlin 1968: Die Studentenrevolte in Bildern“ erschienen, 25 seiner Aufnahmen hat der mittlerweile betagte Fotograf der Ludwigshafener Ausstellung zur Verfügung gestellt. Was da zum Beispiel wie eine launige Schneeballschlacht zwischen Polizisten und Studenten aussieht, war eine der zahlreichen konfliktbeladenen Kundgebungen, auf denen Ordnungsmacht und aufbegehrende Jugend zusammenstießen. Die Szene kann als symptomatisch gelten, denn ’68 war wohl die erste Erhebung in der Geschichte, die Umsturz mit Fun verbinden wollte: Die Revolution muss Spaß machen. Ausstellungskurator Josef Walch, der in seine Einführungsrede viele eigene Erlebnisse aus der damaligen Zeit einfließen ließ, machte diese Verbindung sinnfällig, als er in seine linke Jackentasche griff und es Konfetti regnen ließ, dann in seine rechte und eine Mao-Bibel in die Höhe reckte. Die nicht unproblematische Verbindung von Gewalt und Spaß wird deutlich, wenn auf einem der Dannenbaum-Fotos ein VW-Bus mit großen Postern der Massenmörder Stalin und Mao zu sehen ist, auf einer anderen Stellwand ein Poster von John Lennon. Der Beatle erteilte damals den gewalttätigen Protesten in dem Song „Revolution“ eine Absage: „Und wenn du mit Bildern vom Vorsitzenden Mao marschierst, weißt du nicht, dass du damit keinen einzigen auf deine Seite ziehst?“ Die Rolling Stones hingegen, auch sie mit Postern vertreten, schlugen sich mit „Street Fighting Man“ – ob nun aus Überzeugung oder auf Anraten des Managements – bedenkenlos auf die Seite der Demonstranten. „Die Fantasie an die Macht!“ Die Parole der 68er im Pariser Mai gehört ebenfalls in den Zusammenhang von Gewalt und Fun. Der zweite Teil der Ausstellung zeigt rund 40 Plakate aus Frankreich, etwa eines, das von Gummiknüppeln getroffene Skelette zeigt und darüber die trotzige Aufschrift setzt: „Man kann die Fantasie nicht niederknüppeln!“ Ein anderes zeigt einen Scherenschnitt von Präsident de Gaulle, der sich nach der Verbrüderung der Arbeiter mit den Studenten aus der Hauptstadt geflüchtet hatte und angesichts eines Generalstreiks kurz vor dem Rücktritt stand. Davor die Anklage: „Das Chaos ist er!“ Der dritte Teil schließlich gilt Ernst Bloch und Rudi Dutschke. Das dem Bloch-Zentrum angegliederte Ernst-Bloch-Archiv hat zu der Ausstellung Fotos von der ersten Begegnung des 55 Jahre älteren Professors mit dem Studentenführer beigetragen. Auf einer Tagung der evangelischen Akademie in Bad Boll kamen die beiden zusammen und blieben einander bis zu Blochs Tod 1977 in Freundschaft verbunden. Zwei Jahre später erlag Dutschke den Spätfolgen eines Attentats. Auch während der Tagung sah sich Dutschke in der Presse Vorwürfen und Unterstellungen ausgesetzt. Aus Blochs Vortrag auf der Tagung zitiert die Ausstellung den Satz: „Auf Tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen, so schwer ist der aufrechte Gang. Und selbst wo sie gelungen waren, zeigten sich in der Regel die Bedrücker mehr ausgewechselt als abgeschafft.“ Das gilt wohl auch für den „Langen Marsch durch die Institutionen“, den die Reformer unter den Studenten damals propagierten. Die beiden Studenten, die bei der Rektoratsübergabe an der Universität Hamburg das berühmte Transparent mit der Aufschrift: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ hochhielten, machten jedenfalls später Karriere in der Hamburger Senatsverwaltung. Termine Bis 14. März: dienstags und mittwochs, 14-17, donnerstags, 14-20 Uhr. Am 13. Dezember, 19 Uhr, läuft Helga Reidemeisters Film über Rudi Dutschke. Am 17. Januar, 19 Uhr, lassen Irene Scherer und Welf Schröter mit einer Lesung die Freundschaft zwischen Bloch und Dutschke lebendig werden.

Eine Premiere: Immacolata Amodeo begrüßte bei der Eröffnung die zahlreichen Gäste.
Eine Premiere: Immacolata Amodeo begrüßte bei der Eröffnung die zahlreichen Gäste.
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