LUDWIGSHAFEN RHEINPFALZ Plus Artikel Die Rückkehr ins Rampenlicht: Julia Neigel veröffentlicht neues Album

Am liebsten, sagt Julia Neigel, sei sie in der Natur. Joggen im Ebertpark oder auf der Parkinsel gehören zu ihren Lieblingsbesch
Am liebsten, sagt Julia Neigel, sei sie in der Natur. Joggen im Ebertpark oder auf der Parkinsel gehören zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, wenn sie zu Hause in Ludwigshafen ist. An den Ludwigsplatz, wo sie mit Hund Holly auf einer Bank sitzt, hat sie besondere Kindheitserinnerungen.

Was macht eigentlich Julia Neigel? Immer noch Musik. Am 21. August erscheint ihr neues Album „Ehrensache“, das erste seit neun Jahren. Untätig ist die Ludwigshafener Sängerin in der Zwischenzeit nicht gewesen. Sie hat viele Konzerte gespielt, mit Silly zum Beispiel. Und sie hat eine neue Leidenschaft entdeckt: für Gesetzestexte.

Es ist heiß, sehr heiß. Aber Holly schlägt sich wacker. Sie liegt brav bei den Füßen ihres Frauchens unter dem Tisch, schlabbert ab und zu ein bisschen Wasser aus ihrem improvisierten Napf und verhält sich ansonsten sehr brav während des Gesprächs, das ungeplanterweise am Ende geschlagene vier Stunden gedauert haben wird. Und beim Fototermin auf dem Ludwigsplatz zeigt sich: Holly, ein sechs oder sieben Jahre alter Mischling aus Pekinese, Shih Tzu und Sir-Charles-Cockerspaniel, ist schon ein echter Medienprofi.

Kindheitserinnerungen aus Ludwigshafen

Als sie in dieser schönen Grünanlage auf einer Parkbank sitzt, kommt Julia Neigel ein Bild aus ihrer Kindheit in den Sinn. Fast 50 Jahre ist es her, da wurde sie hier mit ihrer kompletten Familie, sie ist das jüngste von fünf Kindern, für die RHEINPFALZ fotografiert. „Wir waren die ersten Russlanddeutschen, die in Ludwigshafen ankamen“, sagt die heute 54-Jährige. Und erzählt von Anfeindungen, von sie verprügelnden Mitschülern, Mobbing würde man heute dazu sagen.

In Ludwigshafen, im Hemshof lebt Julia Neigel bis heute. „Ich wohne hier“, sagt sie, „normalerweise bin ich aber 300 Tage im Jahr unterwegs.“ Die Corona-Pandemie habe ihr und all ihren Künstlerkollegen de facto ein Beschäftigungsverbot beschert. Zu dem Thema hat sie im Juni als Sachverständige vor dem Bundestagsausschuss für Kultur und Medien gesprochen. Sachverstand – den hat sie, definitiv. In dem Gespräch, dessen Anlass eigentlich die Veröffentlichung ihres neuen Albums ist, wird sie am Ende mehr über Politik als über Musik gesprochen haben, mehr Paragrafen zitiert haben als Songzeilen. Sie rattert Verordnungen herunter, Verfassungsartikel, zitiert aus Gutachten, Petitionen und Offenen Briefen, dass man kaum hinterherkommt.

Politisches und Persönliches

Und dabei geht es irgendwie doch um die neue Platte. Die kann man auch politisch nennen, in Teilen zumindest. Julia Neigel deutet an, dass es Plattenfirmen gab, die bei dem Song „Im Namen der Nation“ nicht gerade Hurra geschrien haben. „Es kotzt mich an“ heißt die erste Zeile, und dann folgt eine Aufzählung über politische Schweinereien. Auch Persönliches arbeitet sie mit klaren Worten auf. Eine nicht näher benannte Person hat sie in dem Song „No.1“ mit sehr unfreundlichen Attributen belegt. Aber es gibt auch ganz andere Songs, träumerische, poetische. Und immer wieder formuliert sie – die die allermeisten Songs selbst geschrieben hat – einen hohen moralischen Anspruch.

„Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit“ wolle sie, sagt Julia Neigel im Gespräch nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal. „Ich kenne meine Rechte.“ Woran nicht der geringste Zweifel bestehen kann. Nicht nach dem Gespräch und nicht nach ihrer Vorgeschichte. Sie führt Kämpfe an verschiedenen Fronten. Die juristische Auseinandersetzung mit Mitgliedern ihrer früheren Jule Neigel Band um Urheberrechte sei noch nicht beendet, sagt sie. Über Details möchte sie nicht öffentlich sprechen. Zudem widmet sie dem Protest gegen die geplante Ansiedlung einer Tesla-Fabrik im brandenburgischen Grünheide viel Energie. So viel, dass sie in Zeitungsartikeln schon als „die Naturschützerin Julia Neigel“ betitelt wurde.

Julia Neigel, die Naturschützerin

Brandenburg? Sie ist verwundert über die Verwunderung. „Wir würden uns doch hier auch freuen, wenn sich jemand mit uns solidarisch zeigen würde, oder?“ Aufmerksam wurde sie auf das Projekt, das Naturschützer wie sie wegen des Eingriffs ins Grundwasser problematisch finden, weil sie oft dort ist. Bei der Band Silly, als deren Gastsängerin sie – neben Anna R. von Rosenstolz – oft auftritt. „Wenn sich etwas ungerecht anfühlt, informiere ich mich und nehme meine Rechte wahr. Ich überlasse mein Leben nicht Dritten.“

Die Musik, sagt sie, sei dabei keineswegs in den Hintergrund gerückt. Auch wenn es lange still war um die Sängerin Julia Neigel. „Ehrensache“ ist das erste Album seit neun Jahren. „Ich habe mich nicht unter Druck gesetzt“, sagt sie. „Ich kann zum Beispiel nicht nach einem dreistündigen Konzert nachts noch Lieder schreiben.“ Ihre Stimme, die 1988 bei ihrem Durchbruch mit „Schatten an der Wand“ ganz Deutschland beeindruckte, schaffe es noch immer über dreieinhalb Oktaven. „Ich pflege sie auch“, sagt sie, „indem ich auf meine geistige, seelische und körperliche Fitness achte.“ Denn Stimme sei Seele. Und dann zitiert sie zum wiederholten Mal: „Böse Menschen haben keine Lieder.“ Holly unter dem Tisch brummt zustimmend.

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