Ludwigshafen „Die Politik muss endlich in die Pötte kommen“

Interview: Sie sind ganz nah dran an den Flüchtlingen – Frank Haag vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Ludwigshafen und André Kühner von den Johannitern in Mannheim. Beidseits des Rheins kümmern sie sich ehrenamtlich um Zuwanderer. Ein Gespräch über ihre Arbeit, Stammtischparolen, Stress und politische Debatten.
Es geht. Zwischendurch braucht man mal ein paar Tage Luft, aber die Arbeit motiviert schon sehr. Ihr Job ist also so wichtig, dass man die Kraft dafür einfach aufbringen muss? Haag: Das ist eine gute Frage, wenngleich sie schwer zu beantworten ist. Versuchen Sie’s! Haag: Wenn man vor Ort mit den Menschen arbeitet – da kommt so viel zurück, das kann man mit Worten gar nicht beschreiben. Das ist Wahnsinn, das ist wie eine kleine Infektion. Ich sehe das auch bei meinen Helfern. Das muss man erlebt haben. Das gibt einem unglaublich viel Energie. Herr Kühner, Sie koordinieren für die Johanniter alle Aufgaben, die mit Flüchtlingen zu tun haben. Seit September ist Ihr Team jede Nacht am Mannheimer Hauptbahnhof im Einsatz, wenn neue Menschen ankommen. Wie hoch ist die Belastung? Kühner: Hoch, aber noch nicht so hoch, dass wir am Ende sind. Bis jetzt läuft das Drehkreuz weitgehend ehrenamtlich. Wir müssen jetzt aber dringend hauptamtliches Personal nachschieben, denn unser Auftrag geht wohl noch ein Weilchen. Wir müssen Ehrenamtliche ein Stück weit herausnehmen, damit sie ihre originäre Aufgabe – die Sanitätsdienste – wieder wahrnehmen können. Wir wollen schauen, dass wir da noch vor Weihnachten etwas drehen. Was ist Ihr konkreter Job vor Ort? Kühner: Es kommt jeden Abend ein Zug aus München mit 600 bis 800 Menschen, die in den Abteilen vom DRK betreut werden. Wir werden dann informiert, ob sich Schwerkranke oder medizinische Notfälle darunter befinden – Kinder mit Fieber, schwangere Frauen, an Durchfall Erkrankte oder Leute mit Kreislaufproblemen. Falls notwendig, werden diese Menschen in unserem Auftrag von den Rettungsdiensten in Kliniken transportiert. Das Regierungspräsidium und die Polizei achten dabei darauf, dass Familien nicht auseinandergerissen werden. Letztlich verteilen wir die Menschen in Unterkünfte in Mannheim und Umgebung. Entgegengenommen werden sie zunächst mal von der Polizei. In erster Linie ist das nämlich ein Polizeieinsatz. In Ludwigshafen basiert die Betreuung der Flüchtlinge auf dem Prinzip des Katstrophenschutzes – mit im Boot sind Hilfsorganisationen und auch die Feuerwehr. Wie lange lässt sich das noch ehrenamtlich stemmen? Haag: Das DRK betreibt die Notunterkunft in der Wattstraße seit 30. Juli. Bisher lief das rein ehrenamtlich. Seit November, Dezember sind Hauptamtliche im Einsatz. Also Ehrenamtliche, die sich für diese Stellen beworben haben – das ist ein fließender Übergang. Im Tagesbetrieb sind zwei Festangestellte und bis zu sechs 450-Euro-Kräfte oder freiwillige Helfer vor Ort. Unsere Leute sind zwar hochmotiviert, aber irgendwann ist natürlich auch die Toleranz der Arbeitgeber erschöpft. Wir betreiben ja quasi noch nebenher die Kurpfalz-Kaserne in Speyer, eine Nebenstelle von Ingelheim mit 500 Menschen aus 16 Nationen, die tagsüber von 25 Einsatzkräften betreut werden. Auch da haben wir Ende September ehrenamtlich angefangen, aufgrund unserer Erfahrungen aber schnell auf Hauptamtliche umgestellt. Ehrenamtliche unterstützen uns nur noch zu Stoßzeiten, etwa wenn dienstags und donnerstags aus Trier und Ingelheim Transporte mit Flüchtlingen bei uns ankommen. Fakt ist: Ohne das Ehrenamt wäre diese Aufgabe nicht zu stemmen. Der Anteil Hauptamtlicher beim DRK beträgt nur zehn Prozent. Werden Sie von der Stadt ausreichend unterstützt? Haag: Ja. Die Behördenmitarbeiter laufen auch alle am Limit. Auch da gibt es ein Wahnsinns-Engagement. Nach den ersten turbulenten Tagen haben wir schnell den Weg für eine gute Zusammenarbeit gefunden. Das funktioniert wunderbar. Herr Kühner, in Mannheim ist die Situation eine besondere, weil viele Flüchtlinge zunächst in den Landeserstaufnahmeeinrichtungen landen, also nicht der Kommune zugeordnet werden, sondern nur eine gewisse Zeit hier sind, bis sie weiterverteilt werden. Wie läuft da die Zusammenarbeit der verschiedenen Institutionen? Kühner: Die Zuständigkeiten sind vom Regierungspräsidium fest vergeben. Die ehrenamtliche Tätigkeit der Johanniter bezieht sich auf das Drehkreuz und übernimmt den Sanitätsdienst in drei Kasernen – Hammond und Spinelli in Mannheim, Tompkins in Schwetzingen. Das läuft auf einer hauptamtlichen Basis mit einem rollierenden Dienstplan. Das bekommen wir mittlerweile ganz gut geregelt. Auch die Zusammenarbeit mit den Behörden läuft gut. Die Hauptbelastung ist das Drehkreuz am Hauptbahnhof, weil sich da alles nachts abspielt. Wenn sich Züge verspäten oder sich der Ablauf verzögert, ist das problematisch für alle, die morgens zur Arbeit müssen. Noch funktioniert das mit den Arbeitgebern. Aber das wird immer schwieriger, weil die ja auch ihre Geschäfte erledigen müssen. Wie ist die Stimmung im Team? Kühner: Das ist personenabhängig, der eine fühlt sich mehr, der andere weniger belastet. Momentan spielt sich alles noch nicht im roten, aber schon im gelb bis orangefarbenen Bereich ab. Doch auch wir sind auf einem guten Weg, das Ehren- gegen das Hauptamt zu tauschen. Herr Haag, Sie haben direkten Kontakt zu den Flüchtlingen – wie erleben Sie diese Menschen, die zum Teil ihr Leben riskiert haben, um nach Deutschland zu kommen? Deckt sich Ihre Erfahrung mit den Medienberichten? Haag: Nein, das deckt sich oft nicht mit meinen Erfahrungen, ich erlebe etwas komplett anderes. Inwiefern? Haag: Diese Menschen sind müde. Sie waren Tausende von Kilometern auf abenteuerlichen Wegen unterwegs und sind hier in Deutschland teilweise durch sechs verschiedene Camps gegangen. Ich hatte einen Bewohner, der ist über München, das saarländische Lebach, Magdeburg und Ingelheim nach Ludwigshafen gekommen. Trotz allem sind diese Menschen sehr hilfsbereit und dankbar. Man hört immer wieder von ethnischen Konflikten und Schlägereien in den Unterkünften. Wie kommen die Menschen in der Wattstraße miteinander klar? Haag: Wir hatten hier zunächst alleinstehende Männer aus sieben Nationen. Pro Nation haben wir je einen Sprecher wählen lassen, der für uns der zentrale Ansprechpartner war. So wurden ethnische Konflikte im Vorfeld vermieden. Eine erste Lektion von unserer Seite war, dass wir gesagt haben: Wir sind hier in Deutschland, eure ethnischen Konflikte interessieren hier erst mal keinen. Hier leben verschiedene Ethnien friedlich unter einem Dach zusammen. Am Ende war das eine Gemeinschaft von fast 170 Männern, die geschlossen ins Containerdorf in die Mannheimer Straße umgezogen ist. Der Umgang untereinander war sehr herzlich. Dennoch bleibt der eine oder andere Knatsch nicht aus, wenn Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Und darauf stürzen sich viele Medien? Haag: Für viele Medien ist es natürlich interessanter, darüber zu berichten, wenn es in einer Unterkunft mal knallt, anstatt darüber zu berichten, wie weitgehend harmonisch diese Menschen dort zusammenleben. Das ist teilweise schlagzeilenfixiert. Gewiss gibt es Ausschreitungen, aber dafür gibt es auch Ursachen. Welche denn? Haag: Wir haben hier Menschen, die einer extremen Belastung ausgesetzt sind. Viele Männer haben ihre Familien zurückgelassen. Nicht etwa, weil sie sich von ihr trennen wollen, sondern weil die Fluchtrouten extrem gefährlich sind. Viele Syrer beispielsweise werden aufgerieben zwischen Assad-Leuten und Revolutionstruppen. Alle haben Angst vor dem Islamischen Staat. Wenn jemand bereit ist, seine Familie zurückzulassen, dann geschieht das nicht leichtfertig. Da muss schon eine Menge passiert sein. Kühner: Es gibt Geschichten, die sich ständig wiederholen, aber dadurch nicht richtiger werden. Zum Beispiel? Kühner: Oft hört man von ehrenamtlichen Kollegen, dass die Kinder keine Schuhe oder Socken anhaben. Diese Kinder sagen teilweise auf Nachfrage, dass die gar keine tragen möchten, weil sie das nicht gewohnt sind. Und Stammtischparolen wie: Den Flüchtlingen kann’s so schlecht nicht gehen, die haben ja alle Smartphones? Haag: Diese Menschen kommen ja nicht aus dem Busch oder aus einer Höhle. Gerade Syrer haben in ihrer Heimat in einer durchaus normalen Kultur und je nach Beruf auch in bescheidenem Wohlstand gelebt. Smartphones sind weltweit verbreitet, die werden nicht für die Flucht beschafft, die hatten die Leute schon zu Hause. Das Handy ist dort ein Gebrauchsgegenstand wie bei uns auch. Außerdem ist das hier oft die einzige Verbindung in die Heimat. Auf der Flucht haben sich viele mit der GPS- und Landkartenfunktion orientiert. Herr Kühner, wie sind da Ihre Erfahrungen in Mannheim? Kühner: Wir haben ja nur relativ kurzen Kontakt mit den Menschen. Sie sind am Ende eines langen Wegs und guter Dinge, dass sich die Situation jetzt verbessert. Sie sind natürlich sehr abgekämpft, aber immer noch im Reisemodus. Das heißt, sie kommen hierher und werden in die verschiedenen Bundesländer verteilt. Dennoch gibt’s Gespräche, etwa mit Müttern, deren Kinder erkrankt sind. Schaut man am Hauptbahnhof seit den Pariser Anschlägen genauer hin? Kühner: Eigentlich nicht. Natürlich hat Paris etwas verändert, es gibt eine neue Situation. Das hat bei uns Europäern etwas ausgelöst. Aber große Auswirkungen auf unsere Arbeit hat das nicht. Die Sicherheitsorgane haben wahrscheinlich etwas nachgelegt. Aber generell ist der Bahnhof ein geschlossener Bereich. Die Menschen steigen in München in den Zug und in Mannheim wieder aus. Ich sehe da kein höheres Gefahrenpotenzial. Haag: Als die Anschläge in Paris passiert sind, war ich bei einem Lehrgang in Koblenz. Ich hatte von unseren Bewohnern zig E-Mails auf meinem Handy. Sie waren total fassungslos und hatten Angst, dass der Terror auf sie zurückfällt. Viele haben geschrieben: Genau davor sind wir geflüchtet. Seit Monaten prägt die Flüchtlingsfrage die politische Debatte. Im März sind Landtagswahlen in beiden Bundesländern. Wie verfolgen Sie die Diskussionen im Spektrum zwischen den Polen Pegida und Linkspartei? Haag: Das ist natürlich ein Wahlkampfthema, jeder stimmt sich schon darauf ein – im Guten wie im Schlechten. Für uns als DRK ist das zweitrangig. Wir konzentrieren uns auf die Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Auf das Drumherum kommt es da nicht an. Selbst wenn es manchmal schwer fällt, da seine eigene Meinung rauszuhalten. Aber die Neutralität zu wahren, ist ganz wichtig. Schauen Politiker bei Ihnen vorbei? Haag: Notunterkünfte werden von Politikern jedweder Couleur besucht. Manchmal fällt es einem da schon schwer, neutral und ruhig zu bleiben, weil man weiß, dass nicht jeder allein aus persönlichem Interesse kommt. Es schauen zwar genug Politiker vorbei, die tatsächlich betroffen sind und auch später anrufen, um sich zu erkundigen. In anderen Fällen ist der Besuch aber eine pure Einstimmung auf den Wahlkampf. Das fällt auf. „Wir schaffen das“ – wie kommt dieser Satz der Bundeskanzlerin bei Ihnen an? Ist er grundsätzlich richtig? Haag: Prinzipiell ja. Deutschland kann das. Was wir brauchen, sind bessere Strukturen. Das wollen wir als Hilfsorganisationen rüberbringen. Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen im Hinblick auf ehrenamtliche Helfer. Momentan macht man es sich relativ einfach. Wie meinen Sie das? Haag: Es wird gesagt, das ist ein humanitärer Einsatz, und man fragt die Hilfsorganisationen und Freiwilligen. Man beruft sich aufs bürgerschaftliche Engagement und freut sich, dass es funktioniert. Aber für meine Begriffe müssten wesentlich mehr Signale kommen. Welche denn? Haag: Etwa eine ganz klare Aussage von der Politik: Wir stehen hinter diesen ehrenamtlichen Helfern. Und: Wir als Landes- oder Bundesregierung sprechen mit den Arbeitgebern. Das müssen die Hilfsorganisationen derzeit selbst organisieren und verhandeln. Hier muss die Politik endlich in die Pötte kommen. Wir machen das ja in ihrem Auftrag. Die Politik trägt die Kosten, wir rechnen den Verdienstausfall ab – so weit ist das okay, aber das ist nicht das Problem. Das wird anstandslos bezahlt. Aber wenn in kleineren Firmen jemand ausfällt, spüren die das sofort. Da muss von der staatlichen Seite aus jemand mit dem Arbeitgeber reden. Nur so stärkt man den Helfern den Rücken. Sie fordern also einen direkten Draht vom Ministerium oder vom Rathaus in die oberen Firmenetagen? Haag: Genau. Kühner: Es wäre schade, wenn die Situation der Flüchtlinge ein reines Wahlkampfthema wird. Dafür ist es zu wertvoll. Ich finde es gut, dass Deutschland so viele Menschen aufnimmt. Zur Aussage „Wir schaffen das“ – sie ist zu kurz gegriffen, weil die Rahmenbedingungen fehlen. Konkret heißt das? Kühner: Die Schnittstellen zu den Ministerien sind noch verbesserungswürdig. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge muss eine Herkulesaufgabe stemmen und kann diese nicht immer erfüllen. Da fehlt viel Futter, da hat man zu lange gezögert. Das zweite Thema ist: Man muss für das Ehrenamt mehr tun. Da ist lange zu wenig passiert, und jetzt holt uns das ein. Wir kriegen die Ehrenamtlichen nicht so gut aus den Firmen raus. Im Prinzip sind auch die Kostenerstattungen nur halbwegs gut geklärt, zumindest in Baden-Württemberg. Wir sind auf einem guten Weg, aber es gibt noch große Lücken. Das ehrlich gemeinte Danke könnte man noch verbessern. Was fordern Sie? Kühner: Verbesserte Abläufe zwischen Bund, Land und Kommunen. Ich wünsche mir zudem, dass der Weg für Flüchtlinge nicht so holprig ist. Und einen geradlinigen, menschenwürdigen Umgang mit Leuten, die nicht hier bleiben können. Haag: Die Wartezeiten, bis die Flüchtlinge ihre Anerkennung bekommen, müssen sich massiv verkürzen. Die Menschen warten bisweilen vier bis sechs Monate auf einen Interview-Termin in der Erstaufnahmestelle in Trier. Das heißt, sie warten viel zu lange, bis sie zu ihrer Situation Stellung nehmen können. Das muss wesentlich schneller abgearbeitet werden – in vier bis sechs Wochen.