Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Die (N)ichtmeile

Ein bisschen Grusel ist inbegriffen: Ein Verein nutzt das Alte Volksbad für Ausstellungen.
Ein bisschen Grusel ist inbegriffen: Ein Verein nutzt das Alte Volksbad für Ausstellungen.

Stell dir vor, es ist Lichtmeile und keiner geht hin: Dann wartet die Ausstellung „Licht“ der Geschichtswerkstatt Neckarstadt eben, bis wieder Besucher ins Alte Volksbad kommen dürfen. Auf „virtuelle Übertragungsformate“ verzichtet der Verein bewusst.

Und doch mutet schon der Weg über den Alten Messplatz hin zum 1930 neu erbauten Alten Volksbad an wie in einem digitalen Endzeit-Shooter. Nur wenige maskierte Silhouetten huschen nach Einbruch der Dunkelheit vorbei oder stehen in der Schlange vorm Fast-Food-Restaurant.Allein dessen violett angestrahlte Fassade scheint daran erinnern zu wollen, das der prä-coronäischen Zeitschreibung nach am vergangenen Wochenende die Lichtmeile hätte stattfinden sollen. Doch in diagonaler Linie weist schon die nächste illuminierte Fassade in die Mittelstraße und noch eine, bis zur Hausnummer 42.

„(N)ichtmeile“ steht am hölzernen Portal, das sich eigens für den Pressetermin öffnet. Das vorherige kurze Zusammentreffen auf der Straße mit Philipp Zechner und Ralf Philipp von der veranstaltenden Geschichtswerkstatt zur abständigen Begrüßung zieht nach einigen Sekunden die Augen der einzelnen Passanten auf sich.

Der Grusel wird stärker die Stufen hinab zum „Damen-Trakt“: Den langen Flur entlang lassen die gilb gekachelten Dusch- und Badewannenkabinen von außen nur erahnen, ob sich durch Eintritt in die Nasszelle etwas zum Ergründen findet.

Licht, Raum, Dunkelheit: Irgendwo hier treffen eine Skulptur und Bilder von Stefan Wiegand auf Fotoarbeiten von Cordula Hilgert oder Öl-Porträts von Magdalena Hochgesang. Robert Meldrum schickte zur (N)ichtmeile ein Bild aus London. Zumeist steht sich etwas gegenüber – in den Augen der Künstler hier unten bei ihren Installationen wie auch oben auf der Straße.

Ein dickes Daunenbett mit kuscheligem Kissen hat Magdalena Hochgesang in die angeranzte Badewanne ihrer zum Kinderzimmer mutierten Nasszelle gelegt. Ob aus den fleckigen Chrom-Hähnen zu Füßen des Bettes Sterilium fließt? Das Kinderbuch ist aufgeschlagen, schon oder noch?

Darüber ein Gemälde, in dem eine Kette glücklicher Kinder gen Himmel treibt. Ein anderes zeigt groß das Konterfei der Mutter zur Hälfte verhüllt. „Die Kälte des Raums steht im Gegensatz zur Geborgenheit, die ich suche und zugleich vermitteln will“, sieht die 48-Jährige Kunstpädagogin aus Böhl-Iggelheim den Anschluss an die „gereizte Lockdown-Stimmung“.

Als „Ventil über die Sprache hinaus“ versteht sie auch die schwarz-welken Sonnenblumen in der Wanne der nächsten Zelle. An der Wand ein Bild eines entzweiten Paares. Beide haben nur einen schwarzen Flügel und müssen „einander umarmen, um fliegen zu können“ sagt Hochgesang.

„Inside Trump“ lässt der fratzenhaft verzerrte Anblick des noch amtierenden US-Präsidenten in der Umkleidekabine von Kathrin Schneider erschauern. Die Großaufnahme einer umgestülpten Gummi-Maske mit Trumps Gesichtszügen zeige, wie seine Person auf die 38-jährige Künstlerin mit Atelier in Heidelberg wirke: „Flach und dreidimensional zugleich, nicht greifbar.“

Ihre leuchtenden Filzkugeln stehen mit ihrer „Wärme des Materials in Opposition zur Kälte des Raums“, erklärt Inessa Siebert. „Alle versetzt, doch angepasst aufs Raumgefüge“ seien die Lichter ihren Gefühlen zugeordnet, sagt die 43-Jährige.

So harrt die Ausstellung im Alten Volksbad ihrer analogen Entdeckung. Auf eine Art der Internet-Übertragung habe die Geschichtswerkstatt „bewusst verzichtet“, betonen Philipp Zechner und Ralf Philipp.

Die Kommune stelle dem eingetragenen Verein das Alte Volksbad mietfrei zur Verfügung, erklärt Philipp. „Wir können es uns leisten, mit der Ausstellung zu warten, bis wieder Besucher kommen dürfen“, ist Zechner sich bewusst: „Anderen Kulturveranstaltern geht es schlechter.“

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