Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Die Ludwigshafener Kümmerer: Wo Günther Henkel in Friesenheim Schwerpunkte setzen will

Günther Henkel mit dem Friesenheimer Wappen.
Günther Henkel mit dem Friesenheimer Wappen. Foto: ier

Die 1250-Jahr-Feier vor der Brust und Tschechien im Blick – Friesenheims Ortsvorsteher Günther Henkel hat einen genaue Vorstellung davon, was er in seiner Amtszeit alles bewegen will. Aber auch, wo sein Lebensmittelpunkt danach sein soll. Er plädiert für einen Abriss der Eberthalle und weiß, warum seine Partei, die SPD, seit Jahren bundesweit abschmiert.

Die Eulen Ludwigshafen und Günther Henkel haben eins gemeinsam: Beide haben es gerade so geschafft. Die Bundesliga-Handballer aus Friesenheim haben sich in den vergangenen beiden Spielrunden auf den letzten Drücker den Klassenverbleib gesichert. Und dem Sozialdemokraten gelang es jeweils erst in der Verlängerung, sich durchzusetzen: mit einem hauchdünnen Vorsprung in den Stichwahlen gegen zwei CDU-Rivalen. 2004 gegen Constanze Kraus, vor fünf Monaten gegen Thorsten Ralle. „Bei einer Wahlbeteiligung von 20 Prozent ist das ein Glücksspiel“, blickt der 62-Jährige auf den Urnengang im Sommer zurück. Am Ende bescherte dem mit 1,93 Meter Körperlänge hoch aufgeschossenen Amtsinhaber ein winziges Plus von 34 Stimmen die Titelverteidigung – in einem Stadtteil, der knapp 19.000 Einwohner zählt.

„Mir ist Teamwork wichtig“

„Ich bin kein klassisches Alpha-Tier“, sagt der gebürtige Schwetzinger. „Mir ist Teamwork wichtig.“ Das mag im Wahlkampf, wenn es Spitz auf Knopf steht, ein Nachteil sein. Für das Alltagsgeschäft im Ortsbeirat sei diese Einstellung von Vorteil, ist Henkel überzeugt. Er habe zwar kein Problem mit Führung, suche aber eher den Ausgleich und favorisiere einen kooperativen Stil. Das sei mitunter „schwieriger, als einfach draufzuhauen“. Doch auf Konsens ausgerichtete Entscheidungen stärkten letztlich die Position des Ortsbeirats. „Das registriert auch die Verwaltung. Die merken, in Friesenheim ziehen die an einem Strang“, meint Henkel.

„Übersetzer zwischen Verwaltung und Bürgern“

Unter anderem das habe er in den ersten fünf Amtsjahren gelernt. Davon profitiere er nun. „Ich sehe mich als Übersetzer zwischen der Verwaltung und Bürgern sowie umgekehrt.“ Das Behördendeutsch sei häufig unverständlich für Otto Normalverbraucher. Dass die Gelben Säcke mittlerweile viel dünner seien als früher, worüber sich viele Leute aufregen, liege vor allem daran, dass die Säcke häufig für andere Zwecke missbraucht worden seien – und eben nicht an Sparzwängen, nennt Henkel ein Beispiel. Außerdem stehe Friesenheim für politische Kontinuität. Seit 1966 ist Henkel der erst sechste Ortsvorsteher – fünf davon stellte die SPD. Nur Henkels Vorgänger Carlo Saxl hatte ein CDU-Parteibuch.

Verein „771“ vor Gründung

Das Zusammenspiel von Solidarität und Gemeinsinn auf der einen sowie Verantwortung und Durchsetzungsvermögen auf der anderen Seite hat Henkel in seinem Job bei der BASF sowie als Gewerkschafter gelernt. In der Anilin wurde er zum Chemikanten ausgebildet, später machte er seinen Meister, mischte im Betriebsrat mit und war zuletzt Vertrauensmann. Nach zwei gesundheitlichen Rückschlägen hat sich der in Mannheim aufgewachsene Henkel Mitte des Jahres abfinden lassen und kann sich nun voll und ganz auf die Aufgaben als Ortsvorsteher konzentrieren. Und die sind nicht ohne: die Verkehrsbelastung durch die Hochstraßenkrise, die weitere Innenverdichtung, weil Bauland und Wohnraum in Friesenheim begrenzt sind, die Sanierung der Straßenbahnlinie 10 oder die Zukunft der bald 60 Jahre alten Eberthalle. Zu letzterem Punkt hat Henkel eine klare Haltung: abreißen und neu bauen. „Als ich vor sechs, sieben Jahren dafür geworben habe, hat man noch mit Steinen nach mir geworfen“, sagt er. „Inzwischen sind es immer weniger Kritiker, weil die Einsicht für das Notwendige zunimmt.“

Moderne Arena für die Handballer

Um im Profibetrieb überlebensfähig zu bleiben, benötigten die Handballer dringend eine moderne Arena, die 4000 Zuschauer fasse. „Für andere Formate ist die alte Halle nicht mehr geeignet.“ In puncto Verdichtung sei zuletzt ein wichtiger Schritt eingeleitet worden: Die Stadtratsentscheidung, in der „Luitpoldstraße Nord“ am Zehnmorgenweiher eine Bebauung zu ermöglichen, sei eine „Win-win-Situation“, weil einerseits Wohnraum geschaffen und andererseits die Hälfte des Baumbestands in dem Biotop erhalten werde. Besorgt beobachtet Henkel die Zunahme von Spielhöllen, Shisha-Bars und Autoposern im Stadtteil. Schlichten will er im Konflikt zwischen Hundebesitzern und deren Kritikern. Dieser sensiblen Themen wegen tagte der Ortsbeirat vor wenigen Wochen ausnahmsweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die Arbeitsgemeinschaft der Vereine (Arge), die von einst über 50 Mitgliedsvereinen auf aktuell vier geschrumpft ist, will Henkel organisatorisch und satzungsmäßig auf neue Beine stellen – auch um das Stadtteilfest 2021 professionell vorzubereiten. Dann wird Friesenheim 1250 Jahre alt. Angelehnt an das Gründungsjahr soll der neue Verein „771“ heißen.

„Es ist eine Katastrophe“

Mit Blick auf die Hochstraßen stellt Henkel die Grundsatzfrage „Wo wollen wir hin in Ludwigshafen?“ Möchte die Stadt nur eine Ansammlung von zehn Stadtteilen sein oder als urbanes Oberzentrum wahrgenommen werden? Er plädiert für die zweite Variante. Die „City West“ und die neue Stadtstraße böten in zehn, 15 Jahren echte Entwicklungschancen.

Viele Chancen verpasst habe hingegen seine Partei. „Es ist eine Katastrophe“, sagt Henkel zum Niedergang der SPD, der er erst mit 35 beigetreten ist, als er bereits im Hemshof lebte. Mit 22 kam er „der Liebe wegen“ nach Ludwigshafen. Zwei Gründe motivierten den Vater dreier Kinder, sich später politisch zu engagieren: die Trennung von seiner ersten Frau. „Da stand ich vor der Alternative, beginne ich jetzt mit dem Saufen oder mache ich etwas Gescheites?“ Und der Tod einer Nachbarin. Die ältere Frau war in ihrer Wohnung verhungert. Henkel: „Das darf es bei uns nicht geben.“

„SPD hat Entwicklungen verpennt“

Als es ihn zur Jahrtausendwende nach Friesenheim verschlug, lotste ihn der damalige Ortsvorsteher Reinhold Schuhmacher in den Ortsverein, den Henkel bis zur Vorwoche 13 Jahre führte. Es war eine Zeit, in der die SPD 20 Prozentpunkte hinter der CDU lag. Mit großer Geschlossenheit sei es fortan gelungen, zur Union aufzuschließen. „Mit der Friesenheimer SPD bin ich auch ganz zufrieden“, sagt Henkel. Die Bundespartei indes habe gesellschaftliche Entwicklungen „verpennt“. Als zunächst erfolgreiche Stimme des Industrieproletariats habe die SPD den Fehler gemacht, das in der Folge entstehende Dienstleistungsproletariat in zunehmend prekären Arbeitsverhältnissen aus den Augen zu verlieren. „Heute weiß keiner mehr, wofür die SPD steht.“

Keine dritte Amtszeit

Pläne hat Henkel bereits für die Zeit nach der zweiten Amtsperiode, denn eine dritte schließt er kategorisch aus. Er möchte seinen Lebensmittelpunkt gerne nach Ostrau verlegen. Dort hat er mit seiner zweiten Frau (65), einer Tschechin, ein Domizil. „Darauf freue ich mich schon. Dann bin ich nur noch Politikkonsument.“

Die Serie

In dieser Reihe stellen wir die zehn Ortsvorsteher in Ludwigshafen vor, wie sie ticken und was sie sich vorgenommen haben.

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