Ludwigshafen
Die Ludwigshafener Kümmerer: Frank Meier macht’s auf seine Art
Frank Meier ist der „Neue“ im Oppauer Rathaus. Der 57-Jährige ist der Nachfolger von Udo Scheuermann, der rund 25 Jahre lang Ortsvorsteher war. Meier will seinen eigenen Weg gehen, und dafür hat er schon ein paar Ideen.
Eine rote Plastiktüte hat Frank Meier vor Augen geführt, dass er seit seiner Wahl zum Ortsvorsteher nun eine öffentliche Person ist. Seine Frau hatte ihn gebeten, noch ein paar Dinge aus einem Drogeriemarkt zu besorgen, der gegenüber vom Oppauer Rathaus liegt. Der Ortsvorsteher schnappte sich eine alte Tüte aus seinem Rucksack und erledigte die Besorgung. Ein paar Tage später wurde er auf einem Fest angesprochen: „Du benutzt noch Plastiktüten? Als Ortsvorsteher ist man doch ein Vorbild!“
Meier weiß seitdem: „Ich kann nichts mehr machen, ohne dass dies jemand beobachtet.“ Der Ludwigshafener Norden ist dörflich geprägt. Rund 23.000 Menschen leben in der Pfingstweide, Edigheim und Oppau. Meier ist hier aufgewachsen. Sein Opa hatte ein Zoogeschäft in Oppau. Sein Vater spielte in der Oberliga-Mannschaft des BSC Oppau. Seine Eltern hatten als Gastronomen die „Athletenhalle“ in Oppau gepachtet und auch die „Kurpfalzstuben“ in Edigheim. Frank Meier half in seiner Freizeit bei den Eltern in der „Wirtschaft“ aus. Es war ein sozialdemokratischer Stammtisch in der „Athletenhalle“, der Meier in Kontakt mit der SPD und der Kommunalpolitik brachte. Dass er einmal Ortsvorsteher werden würde, hätte er nie gedacht.
Vom Bäcker bis zum Betriebsrat
Frank Meier hat bei der Bäckerei Mielke in Edigheim nach seinem Hauptschulabschluss ursprünglich mal das Bäckerhandwerk gelernt. „Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, aber die Bezahlung war nicht gut. Meine Kumpels, die in der Industrie arbeiteten, hatten alle mehr Geld und Freizeit“, erinnert sich Meier. Er hat dann mit dem Auto Firmen in Ludwigshafen abgeklappert, um nach einem Job zu fragen. Bei Giulini wurde er fündig. Dort wurde ein Rangierer gesucht. Meier machte den Lokführerschein und arbeite dreieinhalb Jahre als Rangierlokführer auf dem Werksgelände. Sein Bruder arbeitete auf der anderen Rheinseite bei John Deere. Dort wurden Lagerarbeiter gesucht und die Bezahlung war gut. Also wechselte Meier nach Mannheim und arbeitete als Staplerfahrer. Doch der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran (1980 bis 1988) führte zu einem Handelsembargo, von dem auch Traktoren betroffen waren. „Das hat mich damals den Job gekostet“, erzählt Meier. Eine neue Stelle fand er dann bei der BASF, wo er bis heute beschäftigt ist.
In der Ammoniakatalysatorenfabrik fing er 1984 im Alter von 24 Jahren an. Als einfacher Arbeiter. „Dort wurde Eisen geschmolzen. Es war sehr heiß“, erinnert er sich. Der Chemiekonzern ermöglichte ihm eine Chemikanten-Ausbildung. Dann hat er sich bis zu einer Meisterstellung hochgearbeitet. Darauf ist er stolz. Es war ein Arbeitskollege, der ihn schließlich ansprach für ein Engagement im BASF-Betriebsrat: Reinhold Schuhmacher, Sozialdemokrat und von 1992 bis 1999 Ortsvorsteher von Friesenheim. „Du kannst doch gut mit Menschen“, meinte Schuhmacher. Seit mittlerweile zehn Jahren ist Meier im Betriebsrat der BASF. Vor sechs Jahren wurde er für diese Tätigkeit vom Betrieb freigestellt. Heute betreut er den Bereich Petrochemie, dazu gehört etwa der Steamcracker. Meier ist für 1200 Mitarbeiter der Ansprechpartner.
Zwei Jobs unter einen Hut bringen
Wegen seiner Stammtischkontakte ist er im Jahr 2000 in die SPD eingetreten. 2009 wurde er Stadtrat. Als Ortsvorsteher Udo Scheuermann nach 25 Jahren nicht mehr kandidierte, trat Meier bei der Kommunalwahl an und gewann bei der Stichwahl im Juni gegen CDU-Kandidatin Rebecca Wild. Jetzt muss Frank Meier zwei Jobs unter einen Hut bringen – den in der Anilin und den im Oppauer Rathaus. „Ohne meine Freistellung bei der BASF wäre das nicht möglich“, sagt er. Aber auch so ist es nicht einfach. In seinem Ortsvorsteherbüro hat er sein BASF-Laptop und ein Handy auf dem Schreibtisch liegen, um immer erreichbar zu sein. Oft arbeitet er abends noch Dinge nach, die sonst liegen bleiben würden.
Durch sein Ortsvorsteheramt ist Meier nicht nur in Sachen Politik und Verwaltung gefordert. Allein im Oktober stehen 73 Gratulationstermine an: runde Geburtstage sowie Hochzeitsjubiläen. Für einen Rentner ist das schon ein strammes Programm, aber für einen Berufstätigen eine echte Herausforderung. „Das geht an manchen Tagen in Richtung Ganzstagsjob“, räumt Meier ein. Hinzu kommt noch die Bürgersprechstunde, die er jeden Donnerstag im Rathaus abhält. Die Themen, die dabei angesprochen werden, sind vielfältig. Manche Leute wollen, dass der Ortsvorsteher bei Problemen mit dem Nachbarn vermittelt. „Für viele Leute bin ich wie ein Bürgermeister“, hat Meier festgestellt. Aber auch die Verwaltung braucht den Ortsvorsteher, etwa, wenn in einer Straße gebaut werden soll. Dann steht ein Ortstermin mit dem Tiefbauamt an.
Zwei Jahre Stellvertreter gewesen
Teils hat Frank Meier gewusst, was auf ihn zu kommt. „Ich war ja zwei Jahre Udo Scheuermanns Stellvertreter. Aber jetzt als Ortsvorsteher ist das alles viel intensiver“, sagt er und lacht. Mit 23.000 Einwohnern ist sein Ortsbezirk so groß, dass er andernorts hauptamtlicher Bürgermeister wäre. Aber in Ludwigshafen sind die Ortsvorsteher ehrenamtlich tätig. Dabei ist auch Fingerspitzengefühl gefragt. „Als Ortsvorsteher sehe ich mich als Ideengeber und Vermittler. Ich will auch im Ortsbeirat einen verständnisvollen Umgang miteinander“, sagt der „Neue“. Bisher hat es geklappt. Bei der viel diskutierten Freigabe einer Oppauer Unterführung für Graffiti-Sprüher wurde eine Lösung gefunden, die alle Fraktionen mittragen konnten.
Auch bei den großen Projekten in seiner fünfjährigen Amtszeit will Meier diesen Stil pflegen: Oppau soll ein Ärztehaus bekommen. „Das ist wegen des demografischen Wandels ein Muss. Es gibt außer der Horst-Schork-Straße keinen anderen vernünftigen Standort dafür“, ist der Ortsvorsteher überzeugt. Er weiß, dass es bei den Anwohner Widerstand gibt, doch er ist von der Wichtigkeit des Projekts überzeugt. Bei der Frage eines neuen Kerweplatzes in Oppau will Meier noch mal „alles auf Null stellen“. Die Idee seines Vorgängers, für den neuen Festplatz auf einem Acker am Ortsrand einen Parkplatz mit der BASF zu bauen, will Meier nicht weiterverfolgen. „Wir müssen einen Kompromiss finden“, sagt Meier und sieht dabei alle Fraktionen in der Verantwortung. Ein weiteres Problem sei die Parkplatznot in Oppau, wo alle Straßen in der Nähe zur BASF zugeparkt seien. Meier sieht die BASF in der Pflicht, die ein weiteres Parkhaus am Tor 12 planen müsste. Was den Ausbau der Straßenbahn über Oppau hinaus durch Edigheim bis hin die Pfingstweide betrifft, will Meier das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie abwarten. „Wenn das Projekt nicht bald wegen der Hochstraßenproblematik angegangen wird, dann wird es wahrscheinlich nie kommen“, sagt der Oppauer.
Auch Frau und Tochter unterstützen ihn
Durch seinen Lebenslauf fühlt sich Meier ganz gut gewappnet für den Umgang mit den Menschen, die auf ihn zukommen. Seine Tage sind länger geworden, die Freizeit knapper. „Meine Frau hat Sekretariatsaufgaben für mich übernommen, auch meine Tochter unterstützt mich. Ich hoffe, dass bleibt so. Das Ortsvorsteheramt macht mir Spaß. Man kann was bewegen. Wichtig ist für mich, dass die Tage, an denen es Spaß macht, überwiegen.“ Sein Vorgänger Udo Scheuermann mischt sich nicht ein. „Ich kann ihn jederzeit etwas fragen und seinen Rat suchen, wenn ich ihn brauche. Jeder hat seine Art zu schaffen. Ich mach’s auf meine Art“, sagt der „Neue“. Er weiß, dass er noch in das Amt reinwachsen muss, etwa, wenn’s darum geht, Reden vor großem Publikum zu halten. „Das muss ich noch üben“, sagt er freimütig. Manchmal braucht ein Ortsvorsteher auch ein „dickes Fell“, weil er in der Öffentlichkeit steht – und wenn’s dabei um eine rote Plastiktüte beim Einkaufen geht.
Die Serie
In dieser Reihe stellen wir die zehn Ortsvorsteher in Ludwigshafen vor, wie sie ticken und was sie sich vorgenommen haben.