Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Die leichte Seite der Blasmusik: Orchester verlegt Probe an die frische Luft

Weit voneinander verteilt im Grünen probt das Sinfonische Blasorchester. So mancher Zuhörer packt die Picknickdecke aus.
Weit voneinander verteilt im Grünen probt das Sinfonische Blasorchester. So mancher Zuhörer packt die Picknickdecke aus.

Bläser haben es derzeit besonders schwer. Weil sie nicht nur Töne, sondern damit auch viel Luft aus ihren Instrumenten pusten, waren Ensembleproben eine Zeit lang ganz untersagt. Kein Konzert, nur eine Freiluft-Probe des Sinfonischen Blasorchesters in der Karl-Müller-Anlage lockt nun Zuhörer an. Die Musiker sitzen in einem sehr weit gezogenen Halbkreis – was unerwartete Vorteile hat.

Jetzt gibt es Lockerungen der Verbote. Wichtigste Auflage sind dabei die Abstände zwischen allen Beteiligten. Die sind aber in geschlossenen Räumen für Orchester kaum umzusetzen. Und bei singenden Gemeinden, die ähnlich viel Atemluft wie die Bläser ausstoßen, gab es schon Infektionen. Gefährlich sind mit dem Atem freigesetzte winzige Tröpfchen, Aerosole, die sich länger in stehender Luft halten und mit Viren belastet sein können. Wie also könnte man sicher proben?, fragte sich der SBO-Vorsitzende Marco Mertz, der im Orchester Tuba spielt.

Er radelt auf dem Weg zur Arbeit täglich an der Karl-Müller-Anlage vorbei. Diese befindet sich nahe des BASF-Feierabendhauses an der dort abzweigenden Karl-Müller-Straße. Die in Stufen angelegten Ebenen erinnern ein bisschen an Amphitheater, auch wenn die Terrassen hier nicht halbkreisförmig, sondern in einem Winkel angelegt sind. Und hier ist genügend Platz, dachte sich Mertz. Er fragte nach und die BASF als Grundbesitzer gab ihre Zustimmung. Jetzt treffen sich die Orchestermusiker Montag abends hier für Proben in der frischen Luft.

„So schlimm wie bei den Sängern ist es nicht“

Dirigent Dorian Wagner hat sein Pult als eine Art „Empfangsschalter“ hingestellt. Ankommende Musiker tragen hier Name und Kontaktdaten ein und die Grafik einer Sitzordnung weist ihnen einen Platz zu. Das ist wichtig, damit die Instrumentengruppen entsprechend der üblichen Anordnung des Orchesters sitzen. So sieht der Dirigent in der Mitte hinten, etwas erhöht das Schlagwerk, rechts davor die Bässe mit Tuba und Sousaphon, während zu seiner Linken und hinten die Trompeten stehen, vorne sitzen die Klarinetten und so weiter.

Drei Meter in alle Richtungen müssen die Musiker untereinander Abstand halten. Das lässt sich hier umsetzen. Dass Bläser gefährliche Aerosol-Schleudern seien, wird von Wagner dementiert. „So schlimm wie etwa bei Sängern ist es nicht, das haben Untersuchungen gezeigt“, sagt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ.

Vor der Pandemie habe das Orchester in der Aula der Berufsbildenden Schule in der Mundenheimer Straße, der Rheinschule, geprobt. 50 bis 60 Musiker seien da jeden Montag hingekommen. „Deshalb war klar, dass wir die Abstandsregeln nur im Freien einhalten können“, sagt Mertz. Nach den ersten Freiluft-Proben haben die Musiker beschlossen, noch bis in den Herbst im Freien zu proben – wenn das Wetter es zulässt.

Kein Konzert, kein Geld

Seit Mitte März konnte das SBO nicht mehr proben. Das für Anfang Mai geplante Frühlingskonzert musste ausfallen. Besonders bitter sei die Absage des Deutschen Orchesterwettbewerbs, der Ende Mai hätte stattfinden sollen. Das SBO hatte sich als Sieger des Landeswettbewerbs qualifiziert, alle hatten sich auf die vier Wettbewerbstage gefreut. „Nicht nur der Wettbewerb, auch das Drumherum, das Erleben der Gemeinschaft wäre sehr schön für uns gewesen“, sagt der Dirigent. Auch das übliche Jahreskonzert im Herbst ist abgesagt. Was natürlich für die Musiker frustrierend ist. „Es ist wichtig, ein gemeinsames Ziel zu haben und darauf hin zu arbeiten“, erklärt Dirigent Wagner. Ein weiteres Problem: Das SBO finanziert sich wesentlich durch die Eintrittsgelder seiner Konzerte. Kein Konzert – kein Geld. Andererseits: „Wir haben auch weniger Kosten, so fällt die Miete für den Pfalzbau schon mal weg“, sagt Wagner.

Um sich zumindest kleine Ziele stecken zu können, wollen die Musiker des SBO einige Freiluft-Konzerte organisieren. „Wir werden bei sozialen Einrichtungen und Krankenhäusern spielen“, sagt der Dirigent. Das Repertoire habe er den neuen Bedingungen angepasst. Anstelle groß angelegter sinfonischer Werke, hat er kleine Stücke ausgewählt, die eher von der etwas leichteren Seite der Blasmusik kommen. Das erste Stück der Probe heißt „Böhmischer Traum“ und ist eine Polka.

Atemberaubender Stereo-Effekt

Zum Probenbeginn und kurz danach finden sich einige Zuhörer ein, zwei Frauen kommen mit einer Picknick-Decke an, andere sitzen auf Bänken. Leute, die gerade den Hund ausführen, bleiben stehen und hören zu. Der Klang ist auch ein ganz besonderes Erlebnis: Die weit auseinander gezogene Sitzordnung ergibt nämlich einen atemberaubenden Stereo-Effekt. Der Gesamtklang ist äußerst transparent, jedes Instrument ist hörbar, trotzdem ergibt sich ein homogenes Klangbild. Aber das ist eben extrem räumlich. Und weil die Musiker auch gut spielen, macht es Spaß, zuzuhören und die Feinarbeit an den Details zu verfolgen. Kein Wunder dass es dann auch Applaus gibt.

Zur Sache

Das Sinfonische Blasorchester Ludwigshafen entstand aus dem Schulorchester des Theodor-Heuss-Gymnasiums. Gründungsdirigent Hans Pfeifer entwickelte daraus ein Orchester mit bis zu 100 Musikern, das anspruchsvolle Programme spielt. Die erste Auslandsreise 1973 führte in die Bretagne zur Partnerstadt Lorient, viele weitere Besuche folgten. Aus dem Schulorchester wurde 1987 das Jugendblasorchester Ludwigshafen als Verein gegründet. Weil man sich allen Altersgruppen öffnen wollte, wurde das Ensemble im Jahr 2000 umbenannt in Sinfonisches Blasorchester. Das SBO ist weithin bekannt für sein hohes musikalisches Niveau. Im Jahr 2018 besuchten über 2000 Zuhörer die Konzerte in Ludwigshafen und ein Weihnachtskonzert in Speyer.
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