Ludwigshafen
Die Kraft des Bösen: Die Metal-Band Maladie
Es ist nicht leicht in diesen Tagen, eine Band zu sein. Die Pandemie stellt Künstler in vielerlei Hinsicht vor Herausforderungen. Björn Köppler hat es aber auch vorher nie besonders leicht gehabt, und der Name seiner Band Maladie liefert schon mal einen Hinweis, wohin die Reise musikalisch bei ihm geht. Es ist nicht seine erste Band, dafür aber „das Persönlichste, das ich je gemacht habe“, wie das Kind einer deutsch-französischen Familie im Gespräch berichtet. Das war nicht ganz der Grund, weshalb er sich für den Bandnamen entschieden hat. Aber dazu später mehr.
Distanz schon lange gewohnt
Die Mitglieder von Maladie sind Abstand gewohnt. Einer der Sänger lebt derzeit in Belgien, die Gitarristen in Köln und der Saxophonist in Detmold. „Lediglich Alex, unser zweiter Sänger, wohnt im selben Stadtteil wie ich“, bemerkt Köppler. Darum waren er und seine Bandkollegen schon vor Corona damit vertraut, bestehende Distanzen digital zu überwinden. Hinzu kommt, dass er bei den Aufnahmen für die aktuelle Scheibe alle Keyboards sowie Instrumente wie Streicher, Piano und das Schlagzeug selbst eingespielt hat. Auch das macht so manches einfacher.
Erst eine Bandprobe
Das Leben als „Patchwork-Band“ funktioniert allem Anschein nach ganz gut. „Eigentlich hat sich durch die Pandemie, die ohne Frage eine schlimme Sache ist, nicht so viel verändert, weil wir keine Band sind, die regelmäßig probt“, sagt Köppler. „Wir sind keine Live-Band.“ Beinahe alles rund um Maladie spielt sich unter dem Dach seines Tonstudios in Ludwigshafen ab. „Wir haben nur einmal zusammen geprobt, und das war vor unserem bislang einzigen Konzert auf dem Ragnarök-Festival“, sagt er. Dabei wären Auftritte vor Publikum zur Not gar kein Problem, weil die Band aus altgedienten Profis besteht.
Der beste Beweis für deren ungehemmte Spielkapazität ist das aktuelle Album „The Grand Aversion“, was so viel wie „Die große Abneigung“ heißt. Der Sound ist aggressiv und doch progressiv eingefärbt. Nichts für Apologeten eines melodischen Mainstreams, dafür eher schon was für Entdecker, die sich in musikalischen Nischenwelten bewegen. Geschmackssache fürwahr. Die Songs wurden größtenteils in Ludwigshafen eingespielt. Lediglich die Saxophonparts und Gitarrensoli fanden anderweitig ihren Weg auf den neuen Silberling. „Ich würde unser aktuelles Album als unser urbanstes bezeichnen“, sagt Köppler. „Damit passt es wohl ziemlich gut in eine Stadt wie Ludwigshafen.“
Von unterschiedlichen Bands geprägt
Wenn es stimmt, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, dann muss die Arbeiterstadt am Rhein einen frühen Einfluss auf sein Verständnis von Musik ausgeübt haben. „Oh, ich habe meine Eltern ziemlich lange genervt, bis ich meine erste E-Gitarre bekommen habe“, erinnert er sich. „Ich hatte keine Lehrer dafür, also habe ich direkt angefangen, eigene Melodien zu spielen.“ Damals lernte er auch Alex, den späteren Sänger seiner Band, kennen. Eine kreative Liaison, die bis heute andauert. Immerhin bald schon 30 Jahre. Um etwas über die Musik zu erfahren, die ihn geprägt hat, lohnt ein Blick in die Vergangenheit.
„Meine erste Platte, die ich mir mit neun Jahren geholt habe, war die Debütplatte von Iron Maiden“, erzählt er. „Man kann sagen, sie ist der Grund, weshalb ich überhaupt Musik mache.“ Eine weitere Band, die ihn inspiriert hat, war Cannibal Corpse. Deren extremen Klängen zu lauschen, habe seine Liebe zum Death Metal entfacht. Und dann war da noch das Album „A Blaze in the Northern Sky“ der norwegischen Band Darkthrone, das für ihn bis heute die Essenz dessen sei, was richtig bösen Black Metal ausmache. Nimmt man nun alle drei und mischt das gut durch, bekommt man einen Eindruck von dem, was Köppler „Plague Metal“ nennt. „So sehr ich Death Metal liebe, behielt ich immer die Vision, mein eigenes Ding auf der Basis von Black Metal zu machen“, beschreibt der 42-Jährige den Sound von Maladie als einen Bastard, in den mit der Zeit auch immer mal wieder der Jazz eingeflossen sei. Den Großteil der Musik und der Texte schreibt er selbst.
Musik als Therapie
Der Name Maladie war übrigens schnell gewählt. „Krankheit begleitet mich schon mein ganzes Leben lang“, sagt er. „Die Texte handeln davon, wie man Krankheit, Wut und Verzweiflung umkehrt, um sie dafür zu nutzen, sich loszureißen und daran zu wachsen.“ Das neue Album sei das komplexeste, aber auch anstrengendste, das er bislang produziert habe, was zu einer Polarisierung geführt habe: „Einige Kritiker haben kaum ein gutes Haar daran gelassen, wieder andere haben es in ihrer Top-of-the-year-Playlist drin.“ Er könne das verstehen, da es ein schwieriges Werk sei, „auf das man sich einlassen muss“. Der Produktivität haben die Monate der gegenwärtigen Plage übrigens keinen Abbruch getan – das nächste Album ist in Planung.