Mutterstadt
Die „Konstruktive Kunst“ von Gerhard Haberern
„Bei mir ist es anders als bei anderen Künstlern“, erklärt er. „Bei mir gibt es kein Original, der Programmcode ist das Original.“ Früher sei das noch nicht so gewesen. Da habe er seine Grafiken noch mit dem Bleistift, mit Hilfe eines Lineals mit logarithmischer Skala vorgezeichnet und anschließend mit Tusche nachgezogen. „Da durfte man keinen falschen Strich machen.“ Die auf diese Weise entstandenen Werke waren in verschiedenen Ausstellungen in der Umgebung, von Speyer bis Frankenthal, zu sehen.
Zuletzt hat der 68-Jährige weniger ausgestellt. Auch an den Wänden seines alten Hauses, eines aufgelassenen Bauernhofs in Mutterstadt, hängt lediglich eine Auswahl seiner älteren Werke. Alle neueren sind im Computer gespeichert. „Ich habe den Vorteil, ich muss das nicht von Hand auf Leinwand machen“, sagt Haberern.
Kein Entwurf wird verworfen
Derzeit arbeitet er nur mit den Farben Rot, Blau, Gelb, Grün sowie Schwarz und Weiß. Sie stehen meistens nebeneinander und mischen sich nicht. So entstehen Permutationen in verschiedenen Kombinationen, Farbfelder, Linien-, Flecht- und Gittermuster, serielle Kunst und Op-Art, die wahlweise an das Werk von Piet Mondrian, Josef Albers, Victor Vasarely oder des unlängst verstorbenen Richard Anuszkiewicz angelehnt scheint. Große Namen, freilich, mit denen Haberern sich ernsthaft auch gar nicht messen möchte. Tatsächlich wandert er unentschlossen auf dem Grat zwischen Kunst und Kunsthandwerk, wenn er zwar anfänglich frei gestaltet, aber am Ende kein Ergebnis verwirft, sondern ausnahmslos alles, was entsteht, zum Verkauf anbietet. „Mir muss es nicht gefallen, es muss ja meinen Kunden gefallen“, erklärt er.
Haberern nutzt die Plattformen Artflakes und Oh My Prints, beide mit Sitz in Leipzig, um seine Kunst zu präsentieren und zu verkaufen. Sie sind Teil des Angebots beider Online-Shops, die es gestatten, Bilder auszuwählen und in einem beliebigen Format auf ein wählbares Material drucken zu lassen. Dem Käufer bleibt es damit überlassen, ob er die Kreationen des Mutterstädters als vervielfältigte Grußkarte, als Poster oder riesige Fototapete, auf Papier, Leinwand oder auch Holz erwerben möchte. Frei steht ihm genauso, ob er sie als Kunstwerk betrachtet oder als bloße Dekoration benutzt. Gerhard Haberern macht da keinerlei Vorgaben.
Vorschriften für Kunstwerke
„Ich denke mir nur ein Basismotiv aus und eine Vorschrift“, erläutert er den Prozess, in dem seine Bilder entstehen. In der „Vorschrift“ formuliert Haberern in der Syntax einer Programmiersprache die Anweisung, die bei der Abarbeitung des Programms auszuführen ist. „Was dabei rauskommt, weiß ich am Anfang nicht. Da entstehen ganz wilde Sachen, so was hat man nicht im Kopf“, meint er. Kleine Veränderungen im Programm können zuweilen große, deutlich erkennbare Folgen nach sich ziehen: „So explodiert die Vielfalt der Motive.“
Angeregt und befördert worden sei seine Arbeitsweise von einer Ausbildung als Schlosser in der BASF, bei der er auch Technisches Zeichnen gelernt habe. Erst danach hat Haberern am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik studiert und später beim Elektronikkonzern Philips in Hamburg sowie am Universitätsklinikum in Mainz gearbeitet. „Seit vier Jahren bin ich wieder intensiver dabei als vorher“, berichtet er heute und spricht dabei lieber von „Konstruktiver Kunst“ oder „Experimenteller Grafik“ als von „Konkreter Kunst“, jenem Stilbegriff, unter den man seine Arbeiten normalerweise fassen würde.