Ludwigshafen
„Die Kolonie“: Unterwegs in der Werkssiedlung der BASF
Zu Beginn erlebte die Gästeführerin eine Überraschung. „Ich habe in diesem Gebäude gearbeitet“, erklärte Bernhard Scherer. Nicht irgendein Gebäude, sondern eines der beiden Direktorengebäude an Tor 1. „Da waren 1957 Forschungslabore, eine Glasbläserei und die Stickstoffbücherei drin“, erinnerte er sich und machte Gallé damit ein wenig neidisch: „Ich würde diese Gebäude zu gerne mal von innen sehen.“
Den äußeren Stil wusste sie hingegen selbstverständlich zu beschreiben, ist es doch 1865, genau wie ein paar Jahre später die Werkssiedlung, oder auch kurz „die Kolonie“, von Oberarchitekt Eugen Haueisen entworfen und gebaut worden. „Man hat Klinkersteine verwendet, weil die resistenter gegen die Umweltgifte waren und weil Sandstein schneller verwittert“, erklärte Gallé.
Kreuz-, Meister- und Aufseherhäuser
Facharbeiter möglichst eng an das Unternehmen zu binden – das war im Jahr 1870 im Rahmen der Wohnungsnot in Ludwigshafen das Ziel von Friedrich Engelhorn. Der hatte mit dem Umzug aus Mannheim im Jahr 1865 schließlich einen Volltreffer gelandet, benötigte nun dringend Wohnungen für die zahlreichen Facharbeiter in der schnell wachsenden Anilinfabrik. Und schon zwei Jahre später machte sich Haueisen an die Arbeit, entstand bis 1911 die älteste Werkssiedlung in Ludwigshafen, wurden „Kreuzhäuser, „Meisterhäuser“ und „Aufseherhäuser“ gebaut – in einem Standard, der weit über dem lag, was für Arbeiter ansonsten in Ludwigshafen, insbesondere im nahen Hemshof, zu finden war.
Bemerkenswert: Es handelte sich tatsächlich um ein reines Wohngebiet. Eckkneipen oder Einkaufsmöglichkeiten gibt es nicht in den 66 Einzelgebäuden, die das heute denkmalgeschützte Gesamtensemble bilden. Es gab sie auch nicht in dem Bereich, der in den 1960er-Jahren zugunsten des großen Parkplatzes abgerissen wurde.
Reise in die Vergangenheit
Bernhard Scherrer nahm mit Ehefrau Christa an der Führung teil. Für die war es eine Reise in die Vergangenheit. „In dem Haus habe ich mit meinen Eltern gewohnt“, sagte sie, strahlte und zeigte auf die Eingangstür im 2. Gartenweg mit der Nummer 33. Gekannt hatten sich die heutigen Eheleute damals noch nicht. „Ich selbst bin im Hemshof aufgewachsen. Zur Siedlung gab es keine Berührungspunkte“, sagte Bernhard Scherrer. Mittlerweile wohnt das Paar schon viele Jahre in der Pfingstweide. „Das ist etwas völlig anderes“, waren sich die Eheleute einig.
Thomas und Roswitha Bender waren aus Mannheim zur Führung gekommen, sahen sich zum ersten Mal in der Arbeitersiedlung um. Die Kellerei war für sie dabei ebenso Neuland, wie das 1900 eröffnete Gesellschaftshaus, die, laut Gallé, eine besondere Verbindung haben. „Zunächst gab es am Gesellschaftshaus ein Kiosk für Alkohol und Zigaretten. Das hat sein Sortiment nach und nach erweitert und ist dann an diese Stelle umgezogen“, sagte sie und zeigte auf das Kellereigebäude.
Und auch zu den Arbeiterwohnungen gab es viel zu erzählen. 70 Quadratmeter, zwei Räume, eine Kammer, Küche, Kellerräume und Garten – durchschnittlich 23 Menschen bewohnten vor 100 Jahren ein solches Kreuzhaus mit vier Wohneinheiten. Und die Kolonie umfasste, laut Recherchen des Vereins Industriekultur Rhein-Neckar, 384 Arbeiter- und 36 Aufseherwohnungen.