Ludwigshafen „Die Kinder sterben für die Ideen der Väter“

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Eine perspektivenreiche Stückwahl zur Eröffnung des sechsten Mannheimer Mozartsommers: „Idomeneo“, die Krönung des frühen Bühnenschaffens Mozarts, der sich stets mit Nachdruck für diese Oper eingesetzt hat. Verantwortlich für die Inszenierung zeichnet Ingo Kerkhof, ein viel gefragter Opern- und Schauspielregisseur. Am Pult steht letztmals der scheidende GMD Dan Ettinger. Premiere ist am Samstag im Opernhaus des Nationaltheaters.

Es besteht auch ein starker Bezug zu Mannheim: Aus der Taufe gehoben wurde „Idomeneo“ 1781 im Münchner Residenztheater durch das Mannheimer Opernensemble und Orchester (damals der beste Klangkörper in Europa), die drei Jahre davor mit Kurfürst Carl Theodor in die bayerische Hauptstadt übergesiedelt waren. Mozart seinerseits war hell begeistert von der Mannheimer (inzwischen Münchner) Hofkapelle und ließ in einem Schaffensrausch seiner unerschöpflichen Klangfantasie, seinem raffinierten Farbsinn und atemraubenden dramatischen Impuls freien Lauf. Die „Idomeneo“-Partitur ist ein Wunder klassischer Instrumentierungskunst. Dem zum Spielzeitende scheidenden Generalmusikdirektor Dan Ettinger bietet diese Oper die ideale Gelegenheit, sich bei seiner letzten Mannheimer Produktion, noch einmal beherzt aus dem Vollen schöpfend, nachdrücklich zu profilieren. Das Sujet der Oper stammt aus der griechischen Mythologie. Es dreht sich um die Geschichte des kretischen Königs Idomeneo, der auf der Heimkehr aus dem trojanischen Krieg in einen Meeressturm gerät und dem Meeresgott Poseidon gelobt, den ersten Menschen zu opfern, dem er nach geglückter Landung begegnen sollte. Er wird grausam beim Wort genommen, denn als erster tritt ihm auf dem Festland sein Sohn Idamante entgegen. Idomeneo sucht, sich aus seiner verzweifelten Lage mit jedem Mittel herauszuwinden, bietet sich am Ende sogar selbst als Opfer an. Vergeblich: Poseidon lässt nicht mit sich handeln, schlägt Kreta mit einer verheerenden Folge von Katastrophen und Verwüstungen, lässt zuletzt ein Meeresungeheuer in der Stadt wüten. Den tragischen Schluss aller vorangegangenen „Idomeneo“-Versionen, einschließlich seiner direkten Vorlage, der französischen Tragödie des Antoine Dancet, wandelt Giambattista Varescos italienisches Libretto für Mozart durch einen Deus ex machina in ein Happy End um. Ein Orakelspruch bestimmt, dass Idomeneo abdanken muss. Neuer König wird der gerettete Idamante, und seine Geliebte, die trojanische Prinzessin Ilia, seine Königin. Zentrales Thema des Stücks ist für Regisseur Kerkhof der Generationenkonflikt. Es gehe um die Gegensätze zwischen Vätern und Söhnen, Altem und Neuem. Bei der Vater-Sohn-Auseinandersetzung ließe sich, so Kerkhof, ein direkter Bezug zu Mozarts eigenem, gerade zur Entstehungszeit des „Idomeneo“ ziemlich angespanntem Verhältnis zum Vater herleiten. Der Gegensatz von Altem und Neuem gilt nach Ansicht des Regisseurs wiederum unmittelbar für das Werk selbst: Dass zu dessen Entstehungszeit die opera seria eine an sich schon überwundene Gattung darstellte und „Idomeneo“ sich im Grenzbereich zwischen dem barocken Seria-Modell und der klassischen Oper bewegte, erkennt Kerkhof an der musikalischen Form: „Stil und Ton von Mozarts späteren großen Da-Ponte-Opern ist an vielen Stellen schon deutlich zu vernehmen.“ Außerdem, sagt Kerkhof, sei alles, was in dieser Oper geschehe, Folge des Kriegs. „Idamante, Ilia und ihre Gegenspielerin Elettra sind Kinder einer vaterlosen Gesellschaft: Ilias und Elettras Väter (Priamos und Agamemnon) wurden getötet, Idomeneo, Idamentes Vater, steht im totalen Abseits. Die Kinder leben oder sterben für die Ideen ihrer Väter.“ Die Bassstimme des Orakels (in der Partitur nur als ,voce`, Stimme, bezeichnet), sei dagegen die der Vernunft, der Humanität. Ihre Botschaft: „Schluss mit den alten Ideologien der Väter, der ganzen Vatergeneration, der alten Welt – und der opera seria mit ihren starren Mustern.“ Mit Idamante und der griechischen Trojanerin Ilia, so die Interpretation Kerkhofs, „siegt die Empfindsamkeit, der Humanismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts.“ Den anderen dramatischen Pol stellten Idomeneos Zerrissenheit, seine Tagträume und sein verzweifeltes Ringen mit der Gottheit dar. Die szenische Umgebung der Mannheimer Neuinszenierung bildet der im Verfall begriffene Innenraum von Idomeneos optisch durch ein überdimensionales Meeresgemälde beherrschten Palast. Dass die Oper in unmittelbarer Nachkriegszeit spiele, ließe sich nicht übersehen; Spuren der Zerstörungen durch den Meeressturm seien deutlich sichtbar, und auf dem Boden liegen Tote aus der Besatzung von Idomeneos Schiff. „Wichtig ist“, so Kerkhof, „dass die Ausstattung optische Chiffren zeigt für Glaube, Aberglaube und Krieg“. Termine Premiere am Samstag, 16. Juli, 19.30 Uhr, im Opernhaus des Mannheimer Nationaltheaters. Weitere Vorstellungen am 18. und 20. Juli, jeweils 19.30 Uhr, sowie am 27. Juli, 19 Uhr.

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