Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Die großartige und ein bisschen asoziale Band Fortuna Ehrenfeld in Mannheim

Placeholder-Image

Die Ungerechtigkeit der Welt zeigt sich manchmal besonders deutlich. Da hat der Veranstalter der Band AnnenMayKantereit für den 27. Februar die SAP-Arena gemietet. Und eine aus der gleichen Stadt (Köln) stammende Band, die ebenfalls über einen Sänger mit toll rauchiger Stimme verfügt und über ein Repertoire mit wunderschön poetischen Songs – die spielt vor 150 Leuten im Capitol. Voilà: Fortuna Ehrenfeld.

Fortuna Ehrenfeld, aha. Ein Fußballverein aus einem Kölner Stadtteil? Die Begleitkapelle von Jan Böhmermann? Alles falsch. Letzteres ist das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld. Bei Fortuna Ehrenfeld handelt es sich um ein Indiepop-Projekt des Musikproduzenten Martin Bechler. Bis vor zwei Jahren arbeitete der Mann, über den wenig mehr bekannt ist als sein ungefähres Alter (Ende vierzig), hinter den Kulissen. Er und die deutsche Popmusik hatten das Glück, vom Hamburger Indie-Label Grand Hotel van Cleef (das gerade mit Thees Uhlmanns Solo-Platte „Junkies und Scientologen“ einen Riesenerfolg feiert) entdeckt zu werden. In drei Jahren hat der Sänger, Texter und Multiinstrumentalist vier Alben aufgenommen, eins davon in französischer Sprache, und zusammen mit der Keyboarderin Jenny Thiele und dem Schlagzeuger Paul Leonard Weißert Hunderte Konzerte gespielt.

Pyjama als Bühnenoutfit

Wie ein Arbeitstier wirkt Bechler nicht gerade in seinem obligatorischen karierten Pyjama, der sein Bühnenoutfit ist und nach dem Auftritt von Kirchner Hochtief im Vorprogramm noch mehr Wirkung entfaltet: David Julian Kirchner (jener Musiker, der nichts weniger als den Ludwigshafener Hauptbahnhof retten möchte) trägt wie immer seinen schwarzen Anzug. Dass Bechler während des fast zweistündigen Konzerts von Fortuna Ehrenfeld eine Rotweinpulle im Alleingang und ohne Glas leert, gibt dem Ganzen eine sicher beabsichtigte leicht asoziale Attitüde. Genau wie ein ekliger politischer Spruch am Anfang, der durch eine wirklich bewegende spätere Schweigeminute für die Opfer von Halle relativiert wird.

Ein bisschen krank ist das alles schon. Man muss hier genau hinschauen respektive hinhören, denn man sieht diesem Typen nicht an, was in ihm schlummert. Eine tolle, markante Stimme, mit der er von einer Verletzlichkeit singt, die mitten ins Herz trifft. „Zuweitwegmädchen“ ist eins der schönsten Lieder, die in den vergangenen Jahren in deutscher Sprache erschienen sind, und es sei allen Fans von Kettcar, Gisbert zu Knyphausen oder Die höchste Eisenbahn ans Herz gelegt. Man könnte so viele Textstellen zitieren, die einfach Weltklasse sind. Nur ein Beispiel: „Was ist bloß aus den Punks geworden? Alle machen Webdesign.“

Noch ein Schluck aus der Pulle

Für solche Zeilen wird die Band in Mannheim gefeiert. Allerdings sind Fortuna Ehrenfeld auch ganz schön schräg. Sie irritieren, sie lassen es ständig unerwartet krachen, spielen irgendwelche Zitate vom Band, unterbrechen die Musik für Passagen mit Sprechgesang, für Gespräche über die Obst-Socken der Keyboarderin oder einfach nur für einen weiteren Schluck aus der Pulle. Deswegen sprengen sie auch jede Schublade, in die man sie stecken könnte. Vielleicht so: Es ist Indie-Pop (sehr indie) mit ordentlich elektronischen Anteilen. „Singer-Songwriter?“, ruft Bechler selbst in den Saal. „Am Arsch!“

Die Arenen der Republik wird diese tolle Band wahrscheinlich nie füllen. Aber vielleicht noch ein Jahr oder zwei – dann wird immerhin das Capitol ausverkauft sein.

x