MANNHEIM
Die Farbenblindheit der Oper: Debatte beim „Mannheimer Sommer“ des Nationaltheaters
Kritische Fragen nach dem Realitätsbezug verfolgen die Oper seit ihrer Entstehung im frühen 17. Jahrhundert. Anfangs störten sich die Kritiker vor allem am Gesang, der nicht so recht zur Ernsthaftigkeit der adeligen Herrscher passen wollte, die als Hauptpersonen auf Bühnen vorgesehen waren. Kein Wunder, dass unzählige frühe Opern auf die Antike und singende Helden wie Orpheus zurückgriffen. Das nahm den Kritikern den Wind aus den Segeln und formte gleichzeitig den exzentrischen Charakter der Gattung, auf dem bis heute ihre Popularität beruht.
Das koloniale Erbe der Oper
Auch wenn sich viele Stoffe auf reale Begebenheiten bezogen, blieb die Oper bis ins 20. Jahrhundert hinein stets eine von der wirklichen Welt abgekoppelte Sphäre. Und so wie das 17. Jahrhundert seine musikalischen Fantasien in antike Mythen kleidete, eroberte das 19. Jahrhundert in der Ferne nicht nur koloniale Wirtschaftsräume, sondern auch aufregende Projektionsflächen für die Oper. Ausgehend vom Erfolg sogenannter Türkenopern wie Mozarts „Entführung aus dem Serail“ wurden immer neue Schauplätze erschlossen, die außerhalb von Europa und damit auch außerhalb der bürgerlichen Moralvorstellungen lagen.
Heute ist die Oper ein Medium, dessen Bezug zur Realität stark von der Inszenierungspraxis abhängig ist. Pompöse Kulissen mit räumlich-zeitlichem Bezug zum Inhalt sind an deutschen Opernhäusern größtenteils Geschichte. Die Logik des Regietheaters verlangt eine Versetzung des dramatischen Gehalts in einen aktuelleren Kontext. Und doch machen die Stoffe aus dem kolonialen Zeitalter weiterhin einen erheblichen Teil des Repertoires und auch der Faszination Oper aus. Gleichzeitig sind die Ensembles internationaler geworden. Menschen aus der ganzen Welt spielen auf deutschen Bühnen Hauptrollen, ganz gleich ob diese Siegfried oder Cio-Cio San heißen.
Debatte nur im Internet
Schon 2018 widmeten sich die Ausstatterin Philine Rinnert und der Regisseur Johannes Müller aus Berlin in ihrem Opernprojekt „White Limozeen“ diesem Themenfeld. Die afroamerikanische Sopranistin Sarai Cole und die chinesische Schlagzeugerin Sabrina Ma bearbeiten darin Szenen aus Puccinis „Madama Butterfly“ musikalisch. In Filmsequenzen sprechen sie über ihre Wahrnehmung des Inhalts und ihre Erfahrungen im Opernbetrieb. Ursprünglich war die Inszenierung als Programmpunkt beim „Mannheimer Sommer“ geplant. Nun muss das Publikum mit dem Videomaterial im Internet vorlieb nehmen.
Rinnert und Müller sind außerdem Teil einer Diskussionsrunde, die bereits aufgezeichnet ist und nun digital zugänglich gemacht wird. An diesem von Sophie Kara, der Diversitätsreferentin des Nationaltheaters, moderierte Gespräch nimmt außerdem Lara-Sophie Milagro vom Berliner Kollektiv Label Noir teil. Die international tätige Schauspielerin kämpft mit ihrem Netzwerk dafür, dass Darsteller mit afrikanischer Herkunft in Theater, Film und Oper nicht nur ihre Hautfarbe, sondern ihr Menschsein verkörpern dürfen.
Dass so etwas überhaupt gefordert werden muss, verdeutlicht die Schieflage zwischen den formulierten moralischen Ansprüchen des Kulturbetriebs und den tatsächlichen Verhältnissen vor und hinter den Kulissen. Sich auf der sogenannten Farbenblindheit in der Besetzungspraxis auszuruhen, wäre jedenfalls zu einfach. Zumal diese weniger das Ergebnis einer kritischen Aufarbeitung sein dürfte als eine Folge der zunehmenden Globalisierung von Arbeitsmärkten im kulturellen Bereich.
Der Blick von außen
Die Auseinandersetzung muss tiefer gehen, sowohl im Hinblick auf die real existierende Diskriminierung als auch hinsichtlich des kolonialen Erbes des Opernrepertoires. Dazu kann der „Mannheimer Sommer“ einen Anstoß geben. In der Konzeption des Programms finden sich vielversprechende Ansätze. Für den Vortrag zur Podiumsdiskussion wurde mit meLê yamomo kein einheimischer Experte eingeladen, sondern ein Musikwissenschaftler, der unsere Operngeschichte aus einem außereuropäischen Blickwinkel erzählen kann.
Seine Ausführungen zeigen, dass das Bemühen um Diversität keine großzügige Geste ist, sondern eine dringend benötigte Erweiterung der Perspektive. Die Oper hält das aus, sie hat in den vergangenen hundert Jahren tiefere Eingriffe überstanden. Die Aufarbeitung ihres kolonialistischen Erbes muss kein Versuch sein, sie abzuschaffen oder zu zerstören. Vielmehr geht es darum, sie in ihrer eigentümlichen Funktion zu erhalten und zu konservieren: als Spiegel der Gesellschaft mit all ihren Lastern, Sehnsüchten und Träumen.
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