Handball
„Die Eulen bleiben ein Eckpfeiler in meinem Leben“
Sie strahlen, sie wirken glücklich. War es heute ein besonderer Sieg der HSG Wetzlar bei den Rhein-Neckar Löwen?
Ich denke schon, die HSG Wetzlar hat bisher noch kein Spiel in der SAP-Arena gegen die Rhein-Neckar Löwen gewonnen. Das ist uns heute gelungen, deshalb ist es schon ein besonderer Erfolg. Ich bin sehr glücklich über die Art und Weise, wie wir heute Handball gespielt haben. Ich habe von der Mannschaft viel verlangt, viele Rhythmuswechsel. Das ist eine stressige Phase. Es freut mich für die Jungs, wie sie es heute geschafft haben.
War die Rückkehr in die SAP-Arena etwas Besonderes?
Ich hätte mit dem Fahrrad hier herkommen können (lacht). Ja, es war schon etwas Besonderes. Hier habe ich mit den Eulen als Trainer mit einem Sieg den Grundstein gelegt, dass wir am Ende noch den Klassenerhalt erreicht haben. So etwas bleibt auch bei mir haften. Ich habe auch meinen Jungs scherzhaft unter der Woche gesagt, ich habe dort schon gewonnen, ihr noch nicht. Das haben sie sich sicherlich zu Herzen genommen und heute es auch gezeigt.
Als Trainer Ljubomir Vranjes den Raum betreten hat, sind Sie aufgestanden, haben voller Respekt ihn begrüßt. Eine Ehre mit ihm am Pressetisch zu sitzen?
Er ist ein großer Trainer. Ich habe sehr großen Respekt vor ihm. Den Isolationshandball, den er in Flensburg eingeführt hat, hat den Handball geprägt. Er hat seine Handschrift hinterlassen. Wir kennen uns noch nicht, aber ich hatte in den letzten Jahren seinen Stil als Trainer verfolgt. Es ist schön, als junger Trainer von solchen Kollegen etwas mitzunehmen.
Während Sie gerade hier sind, haben die Eulen Ludwigshafen ihr zweites Heimspiel verloren. Vermissen Sie ihren früheren Verein?
Ich vermisse sehr vieles. Die Eulen Ludwigshafen waren für mich eine emotionale Sache, verbunden mit vielen Erlebnissen, Begegnungen mit Menschen, sei es in der Geschäftsführung, den Spielern, dem Fanclub und auch mit Euch, den Medien. Da sind auch Freundschaften entstanden, die bis heute noch Bestand haben.
Bei den Eulen Ludwigshafen kannte Sie jeder, in Wetzlar sind Sie der Neue. Wie schwer fiel diese Umstellung?
In Wetzlar musste ich mich als Person Ben Matschke komplett neu beweisen und dieser Tapetenwechsel hat mich unheimlich gereizt. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Ich habe wahnsinnig Lust, eine nähere Bindung zu den Fans und den Sponsoren aufzubauen, das ist bisher aufgrund von Corona leider noch nicht möglich gewesen. Ich will die Tradition dieses Vereins noch mehr spüren. Als Trainer geht es nicht nur um den Handball, man kann in der täglichen Arbeit und im Miteinander viel transportieren, um eine Gemeinschaft aufzubauen.
Seit einem halben Jahr sind Sie Cheftrainer der HSG Wetzlar. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?
Ich hatte von Beginn an ein gutes Gefühl. Ich habe die Mannschaft im Sommer nach einer sehr langen Saison eine Woche früher aus dem Urlaub geholt, und alle haben klaglos mitgezogen. Und obwohl wir am Anfang nicht so erfolgreich waren und einige Spiele verloren haben, ist nie eine Systemfrage entstanden. Es drehte sich alles nur darum, wie wir gemeinsam besser werden. Und es ist nicht nur die Arbeit mit der Mannschaft, auch die Arbeit mit dem Team ums Team, mit der Geschäftsstelle und der Geschäftsführung machen mir sehr viel Spaß.
Sie sind in die Fußstapfen von Kai Wandschneider getreten. Was war aus Ihrer Sicht der größte Unterschied?
Ich glaube, es hat sich viel geändert, aber ich habe es auch vermieden, Vergleiche zu ziehen. Ich habe hier im Club sehr gefestigte Strukturen vorgefunden und ein stabiles Mannschaftsgefüge. Mein tägliches Arbeiten sowie die Art und Weise, wie ich Handball verstehe, sind schon konträr zu Kai. Das Thema Fußstapfen kommt immer nur von außen. Im Verein sprechen wir nicht über die Vergangenheit, sondern schauen nur nach vorne. Die Verantwortlichen haben mir von Anfang an klar gemacht, dass ich ganz Ben Matschke sein und meine Denke und Art des Arbeitens vollends einbringen soll. Ich versuche einen anderen Weg zu gehen und bin froh, dass dies volle Unterstützung erfährt.
Das scheint auch zu fruchten…
Bei der HSG Wetzlar wollen wir hier jetzt gemeinsam eine neue Geschichte schreiben. Dass meine Ansätze hier bei den Verantwortlichen und der Mannschaft auf viel Offenheit und Unterstützung gestoßen sind, macht mich glücklich, und dass dann auch die Ergebnisse stimmen, darüber bin ich erleichtert.
Sportlich wurden die Erwartungen seit dem Trainerwechsel übertroffen.
Danke für das Kompliment. Ja, wir haben Historisches erreicht. Seit Bestehen der HSG Wetzlar war die Mannschaft bisher noch nie nach der Vorrunde auf dem fünften Platz. Aber das ist eine aktuelle Momentaufnahme. Die Art und Weise, wie wir Handball spielen, wollen wir aber weiter fortsetzen. Deshalb steht uns auch im Sommer wieder ein großer Umbruch bevor.
Es fehlt nicht viel bis zu den Plätzen, um auch international vertreten zu sein…
Darüber denken wir gerade nicht nach. Die HSG Wetzlar ist ein Weiterbildungsverein für junge, internationale Talente, die sich bei uns entwickeln sollen. Wir haben jetzt den Nährboden, um eines Tages auch international spielen zu können. Da gehen wir aber Step by Step. Wir haben noch Ziele.
Sie haben mit dem Wechsel nach Wetzlar den nächsten Schritt in ihrer Trainerkarriere getan. Ihre Familie blieb im Eigenheim in Heddesheim. Wie oft kommen Sie noch nach Hause?
Fast täglich, auch wenn ich in Wetzlar ein Zimmer habe. Meine Frau und die beiden Kindern sind für mich der ideale Ort, um den Akku aufzuladen, aber auch neue Ideen für die tägliche Arbeit mit der Mannschaft zu schmieden. Für die Familie ist der Weg nach Hause nie zu weit.
Wie eng sind Sie noch mit den Eulen Ludwigshafen verbunden?
Wie schon einmal gesagt, die Eulen waren für mich eine sehr emotionale Zeit, sind mein Herzensverein geblieben und daraus ist viel geworden. Es sind Freundschaften für das Leben geworden. In Ludwigshafen habe ich meine Frau kennengelernt, meine Kinder sind dort geboren, Gunnar Dietrich ist mein Trauzeuge. Mit Frank Müller habe ich mich vor drei Tagen getroffen, nächste Woche treffe ich mich mit Geschäftsführerin Lisa Heßler. Die Eulen und Ludwigshafen werden immer ein wichtiger Eckpfeiler in meinem Leben bleiben.
Zur Person: Ben Matschke
Der Sport- und BWL-Lehrer an einem Gymnasium in Schwetzingen spielte von 2007 bis 2013 bei der TSG Friesenheim. Innerhalb von zehn Monaten riss sich der Mittelmann dann zweimal das Kreuzband – Karriereende. Im Januar 2013 wurde er Trainer beim TV Hochdorf. Den TVH rettete Matschke vor dem Abstieg. Seit 2015 ist der A-Lizenz-Trainer Coach bei den Eulen Ludwigshafen. 2017 stieg der Zweitligist auf. Nach vier Jahren Bundesliga steigen die Eulen wieder ab. Der 38-Jährige ist verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes. Seit dieser Saison trainiert er den Bundesligisten HSG Wetzlar. Aktuell stehen die Hessen auf dem fünften Platz. Es ist die beste Hinrunde, die der Verein bislang in der höchsten deutschen Handball-Klasse spielt – dank Ben Matschke.