Leute in LU
Die „Dame vom Grill“ hört auf
Karin Hartinger stand Jahrzehnte auf dem Ludwigshafener Weihnachtsmarkt hinter der Theke der „Pfälzer Hütte“, verkaufte Glühwein, Bratwurst, Frikadellen und Pommes. Sie dirigierte das Team am Grill und der Fritteuse und beobachtete von ihrem Stand aus das Treiben.
Bei der Eröffnung des Weihnachtsmarkts stand die Gastronomin nun selbst einmal Mittelpunkt. Christoph Keimes, Chef der Ludwigshafener Stadtmarketinggesellschaft Lukom, rief Karin Hartinger auf die improvisierte Bühne vor dem Riesenrad, dankte ihr für 44 Jahre auf dem Weihnachtsmarkt und überreichte ihr einen großen Blumenstrauß. Karin Hartinger hat sich überlegt, ob sie so einen offiziellen Abschied in den Ruhestand will, ihre Kinder rieten ihr dazu: „Dann hat das Berufsleben einen richtigen Abschluss.“
Pioniere auf Theaterplatz
Die Familie Hartinger hat in den vergangenen Jahrzehnten für Weihnachtsflair in Ludwigshafen gesorgt. Vater Heinz war Elektromeister und hatte die erste elektrische Weihnachtsbeleuchtung in der Innenstadt in der Nachkriegszeit im Auftrag der Stadt montiert. 1976 hatte er mit seinem Freund Karl-Heinz Rüttinger die Idee für einen Weihnachtsmarkt.
„Am Anfang waren das nur drei Häuschen auf dem Theaterplatz“, erinnert sich die 70-Jährige. Erst 1982 habe die Stadt dann die hübschen Holzhäuschen für den Weihnachtsmarkt angeschafft. Sie war schon als junge Frau von Anfang mit dabei. Sie kennt die verschiedenen Standorte – den Theaterplatz vor dem Pfalzbau und dann später den Berliner Platz. Vom Umsatz her habe sich der Umzug auf den Berliner Platz gelohnt, sagt die Gastronomin. „Denn dort gibt es mehr Laufkundschaft.“
1994 Betrieb übernommen
Karin Hartinger hat in ihrem Leben einiges erlebt: Sie wuchs in der Niederfeldsiedlung auf. Der Elektrobetrieb des Vaters übernahm Installationen und auch die Beschallung bei Festen wie dem Wurstmarkt. Dann starteten die Hartingers mit der Gastronomie auf Volksfesten. „Auf dem Parkfest waren wir schon 1959 dabei“, erzählt Karin Hartinger. Die Tochter half als Kind mit, schnitt Brötchen auf. Nach der Schule arbeitete die junge Frau zunächst bei einer Bank, dann bei dem Wirtschaftsauskunftsdienst Schufa und schließlich bei der Lufthansa. „Ich war aber keine Stewardess“, sagt sie. Sie blieb auf dem Boden und arbeitete mit Lochkartenmaschinen. „Das waren die Vorgänger der Computer.“
Doch dann zog es die Pfälzerin von Frankfurt wieder in die Heimat. „Ich hatte solches Heimweh“, sagt sie. Sie arbeitete zunächst in Mannheim beim Pharmakonzern Boehringer, bevor sie 1994 den elterlichen Betrieb übernahm.
Viele Stammgäste
„Mir war’s im Büro immer zu langweilig“, sagt die tatkräftige Frau. Mit dem Imbiss-Stand „Kupferpfanne“ war sie am Ende auf allen Volksfesten der Region dabei. In Ludwigshafen konnte Karin Hartinger auf viele Stammgäste zählen – sei es beim Weihnachtsmarkt, dem Stadtfest oder dem Parkfest. Die Blondine war überall mit ihrem Stand vertreten. Auch im größten Gewühl behielt sie die Übersicht und verköstigte die Besucher stets mit einem strahlenden Lächeln. „Ich habe meinen Beruf mit viel Herz gemacht“, sagt sie.
Zwei Kinder hat sie großgezogen – ohne die Unterstützung ihres Ehemanns Stefan wäre das nicht möglich gewesen. Er arbeitete in der Eichbaum-Abfüllung im Schichtbetrieb, hütete die Kinder und half auch im Imbiss tatkräftig mit. Er baute jedes Jahr die „Pfälzer Hütte“ auf dem Weihnachtsmarkt auf. Er kümmerte sich um Reparaturen, die Anschlüsse. Vor einiger Zeit ist er gestorben – und Karin Hartinger hat danach entschieden, aufzuhören. „Allein konnte ich nicht mehr weitermachen.“
Schwieriger Entschluss
Leicht ist ihr dieser Entschluss nicht gefallen, sagt sie. Man spürt, dass ihr der Betrieb noch sehr am Herzen liegt. „Ich hätte gerne noch weitergemacht, aber ich bin ja auch schon 70 Jahre alt. “ Als Schaustellerin sah sich Hartinger nie, sondern als Chefin eines Gastronomiebetriebs. In Altrip hat sie eine feste Heimat. „Aber ich fühle mich immer auch noch als Ludwigshafenerin“, sagt sie.
Den Imbissstand hat sie verkauft. Ihre Tochter ist Psychologin geworden, der Sohn Mediengestalter. Die Mutter ist stolz auf ihre Kinder – auch wenn die Hartingers nun nicht mehr auf den Märkten, Kerwen und Volksfesten in der Region vertreten sein werden. Ohne die Unterstützung vieler Familienmitglieder hätte der Betrieb nicht so lange durchgehalten.
Die 70-Jährige hat das Herz auf dem rechten Fleck sitzen, wie man so sagt. Ihre Stammgäste haben ihr mit der Zeit ihre Lebensgeschichten erzählt. Bei ihr waren sie gut aufgehoben. Sie wird fehlen auf den Festen in und um Ludwigshafen. „Ich hab’s nie bereut, den Imbissbetrieb übernommen zu haben. Ich bin ein tatkräftiger Mensch, ich organisiere gern – und ich kann auch mit Leuten umgehen.“ An den Ruhestand muss sie sich erst einmal gewöhnen. Zwei kleine Hunde halten sie auf Trab. Die Kinder wohnen noch im Elternhaus.
Für eine ganze Menge Leute ist Karin Hartinger die „Dame vom Grill“. Sie wird immer wieder auf der Straße angesprochen, ob in Ludwigshafen oder Altrip. „Jetzt ist es eben vorbei. Ich weiß nicht, was noch kommt. Aber die Hände einfach in den Schoß legen – dafür bin ich nicht der Typ“, sagt sie und lacht.