Ludwigshafen
Die BASF in den 50er Jahren: Vortrag zur Fotoausstellung im Ludwigshafener Stadtmuseum
„Die BASF und ihre Stadt in den 1950er Jahren“: Den Vortrag Susan Beckers, der Unternehmenshistorikerin des Chemiekonzerns, verfolgten im Stadtmuseum gut 80 Zuhörer, unter ihnen viele Zeitzeugen, die in Erinnerungen schwelgten. Beckers Vortrag gehörte zum Rahmenprogramm der Sonderausstellung „Eine Stadt und ihre Menschen in den 1950er Jahren – Fotografien von Annedore Rieder“.
„Der Käfer wurde zum Symbol des Wirtschaftswunders, auch auf den Parkplätzen der BASF.“ Mit einem Foto von 1957, das ein Meer der einheitlich gestalteten, industriell gefertigten Rundkarossen auf dem Parkplatz an Tor 1 zeigte, holte die Unternehmenshistorikerin die Zeit des Wiederaufbaus in die Gegenwart. VW und „Anilin“ hatten aber noch darüber hinaus einen engen Bezug: „Volkswagen bezog schon 1934 den Lack des ersten Käfer-Prototyps von den Glasuritwerken Winkelmann AG, die seit 1965 zur BASF gehören“, sagte Becker.
Wie die junge Bundesrepublik so habe sich auch die junge BASF mit der eigenen Vergangenheit schwer getan, so Becker. Juristisch gesehen, habe die BASF mit ihrer Neugründung am 30. Januar 1952 einen gewissen Schlussstrich unter die Zeit vor 1945 und damit unter die Jahre ab 1925 gezogen, als sie Teil der I.G. Farbenindustrie AG gewesen war. So fänden in der Selbstdarstellung des Unternehmens in den ersten Nachkriegsjahrzehnten die Jahre zwischen 1925 und 1945 nicht statt: „Also eben jene Jahre, die Zeuge vielschichtiger Verstrickungen mit dem NS-Regime, aber auch von Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit geworden waren“, sagte Becker.
„Tor zur Welt“
Viel lieber sahen sich der neue Staat und das junge Unternehmen in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ auf dem Weg in eine bessere Zukunft. „Nicht nur für die Bundesrepublik, sondern auch für BASF war der Export von besonderer Bedeutung“, betonte Becker. Allerdings musste der Konzern die gesamte Verkaufsorganisation neu aufbauen. Bis Kriegsende war nämlich der Absatz der Ludwigshafener Produkte durch die Frankfurter Verkaufsorganisation I.G. Farben erfolgt.
Bis 1954 sei es der BASF gelungen, in den meisten Ländern wieder Vertretungen oder Niederlassungen zu errichten. Als repräsentatives Verkaufsgebäude wurde im selben Jahr das 2013 abgerissene Friedrich-Engelhorn-Hochhaus gebaut. Als „Tor zur Welt“ habe die 101 Meter hohe, deutschlandweit erste Stahlbeton-Konstruktion für die BASF den erfolgreichen Abschluss ihres Wiederaufbaus und ihre erneute Integration in die Weltwirtschaft verkörpert.
Das Feierabendhaus schließt eine Lücke
Der Werkswohnungsbau hinterließ laut Becker seine bis heute sichtbaren Spuren im Stadtbild. War die Instandsetzung kriegsbeschädigter Wohnungen bis 1954 abgeschlossen, trat wegen der wachsenden Mitarbeiterzahl der Neubau in den Vordergrund. 1959 verfügte die BASF über fast 2000 eigene Wohnungen und mehr als 7000 Wohneinheiten im Bestand der Gewoge, der unternehmenseigenen Wohnungsbaugesellschaft.
Doch wo sollten Kunstausstellungen, Theaterstücke oder Konzerte in Zeiten der „Saalnot“ in einer von Bomben weitgehend zerstörten Stadt aufgeführt werden? Kulturell wurde 1952 mit der Wiedereröffnung des Großen Saals im Feierabendhaus eine „schmerzlich empfundene Lücke“ geschlossen, zitierte Becker einen Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit: „Wer den wiederhergestellten Großen Saal des BASF-Feierabendhauses sah, der konnte im ersten Augenblick meinen, nicht in Ludwigshafen zu sein“, hieß es dort. „So stark war nämlich der Kontrast zwischen dem noch immer zerrissenen Antlitz unserer Stadt und diesem wirklich schönen Saal.“
Die Frauen kehren zurück an Heim und Herd
Für die Frau habe es laut Becker auch in der Arbeitswelt der BASF kaum Platz gegeben: „Berufstätige Frauen wurden, als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten, wieder zu Heim und Herd geschickt, nachdem sie während des Zweiten Weltkriegs und auch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren ihren Mann gestanden hatten.“ Eine typische Frau ihrer Zeit war wohl auch die 1919 geborene und 2007 gestorbene Hobbyfotografin Annedore Rieder. Verheiratet mit einem bei der BASF beschäftigten Physiker, habe sie nur beim Einkaufen fotografiert, sagte Regina Heilmann, die Leiterin des Stadtmuseums: „Ansonsten war sie eine brave Ehefrau“.
„Sehr starken Andrang“ erlebe die Ausstellung mit 54 Fotoexponaten aus dem Ludwigshafener Alltag, sagte Heilmann. Die Besucher würden zum Teil sehr emotional auf Annedore Rieders Bilder reagieren: „Sie erkennen Plätze, Gebäude, Menschen oder sich selbst wieder.“ Mittlerweile habe die Ausstellung eine derartige „Dynamik“ bekommen, dass laut Heilmann für 2020 die Herausgabe eines Fotobuchs mit vielen biographischen Geschichten geplant sei.
Termin
„Eine Stadt und ihre Menschen in den 1950er Jahren – Fotografien von Annedore Rieder“ ist noch bis Samstag, 27. Juli, im Stadtmuseum Ludwigshafen (Rathausplatz 20) zu sehen. Geöffnet mittwochs, donnerstags, freitags und samstags 10-17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Im August ist das Stadtmuseum geschlossen.