Behindertensport
„Deutschland ist noch nicht behindertenfreundlich“
Herr Stahl, Sie haben am Wochenende in der Rhein-Galerie Waffeln verkauft. Müssen Sie solche Werbeaktionen wahrnehmen, um die BSV Ludwigshafen bekannter zu machen?
Nein.
Warum machen Sie das dann?
Wir brauchen das Geld. Damit finanzieren wir Dinge, die wir mit den normalen Einnahmen nicht stemmen könnten.
Heißt das, der Verein bekommt zu wenig Unterstützung?
Richtig.
Wo genau würden Sie sich mehr Unterstützung wünschen?
Oh, da gibt es viele Punkte. Das beginnt bei der Beschaffung von Reha-Sport-Geräten sowie Material. Wir haben ein großes Vereinsheim in Altrip. Das ist in die Jahre gekommen. Da müssten auch so manche Dinge modernisiert werden. Dann haben wir lizenzierte Reha-Sport-Übungsleiter. Nur diese dürfen Reha-Sport leiten. Diese müssen bezahlt werden. Die Stundenlöhne sind im Moment noch bezahlbar. Aber die Rückvergütung der Krankenkassen reichen nicht aus, um das alles zu finanzieren. Einmal die Woche kommt von 9 bis 12 Uhr eine Bürokraft, um uns zu helfen. Wir würden das alleine nicht schaffen. Wir können Anträge stellen, aber dafür brauchen wir Kostenvoranschläge von Firmen. Da haben wir leider weniger gute Erfahrungen gemacht. Aber wir bekommen Zuschüsse nur dann, wenn wir eine seriöse Kostenaufstellung haben.
Welche Sportarten bietet die BSV an?
Wir haben Rehasport in verschiedenen Facetten: in der Orthopädie, im Herzsport, im Wasser. Unsere eigenen Mitglieder können am Rehasport teilnehmen. Wir haben seit zwei Jahren Bogensport, Bowling für Behinderte, Sitzball für Behinderte, Speedplay für Behinderte. Aktuell haben wir beispielsweise Patienten mit Folgen von Corona. Sie haben Lungenprobleme. Wir haben eine Reha-Trainerin, die diesbezüglich eine Ausbildung hat.
Wie lautet die offizielle Bezeichnung? Einige sagen Menschen mit Handicap, Sie Menschen mit Behinderung.
Ich bin kein Freund des Begriffes Handicap. Es sind Menschen, die eine Behinderung haben. Handicap ist für mich ein Allgemeinbegriff. Es heißt ja Behindertensportverein im Allgemeinen. Daher benutze ich den Begriff Menschen mit Behinderung.
Ist Deutschland eigentlich behindertenfreundlich?
Nein, noch nicht. Ich bin Fan des SV Waldhof Mannheim. Ein geringer Teil der Zuschauer, die ins SVW-Stadion gehen, sind behindertenfreundlich. Das Verhalten des Rests möchte ich lieber nicht in Worte fassen.
Woran fehlt es?
Es ist falsch kommuniziert. Die Leute im Rollstuhl können nicht anders. Sie können manchmal nicht anders fahren. Ein Beispiel: Da sind Behinderten-Parkplätze voll von Leuten, die da nicht parken dürfen. Dann laufen die Zuschauer einfach über diese Parkplätze, obwohl sie sehen, dass wir da einparken wollen und ein Behinderten-Zeichen auf der Scheibe haben. Da gibt es Menschen, die urinieren an diese Autos. Diese können sich nicht in die Lage dieser behinderten Menschen versetzen. Aber auch an baulichen Voraussetzungen fehlt es im Carl-Benz-Stadion. Wir kämpfen dafür und haben zuletzt bei einem Heimspiel mit einer Aktion darauf aufmerksam gemacht.
Hinkt Deutschland hinterher, was das Alltagsleben für behinderte Menschen angeht?
Ja, das finde ich. Wir waren vor etwa zwei Jahren in Österreich. Da gab es ein Einkaufszentrum. Das war vorbildlich. Für behinderte Menschen waren die Wege extra gekennzeichnet. Außerdem gab es auch akustische Signale für Menschen, die nicht gut hören sowie extra breite Türen für Menschen, die einen größeren Rollstuhl brauchen. In Deutschland findet man häufig die Rondells. Wie soll da jemand mit einem Rollstuhl durchkommen? Viele Rampen sind zu steil. Mir fallen da auch die Bushaltestellen, die Bahnhöfe, viele öffentlichen Verkehrsmittel ein. Es gibt noch viele Busse, die nicht absenkbar sind.
Aus Ihren Worten höre ich heraus, dass die Aufmerksamkeit für behinderte Menschen noch zu gering ist.
Ja, das ist so.
Wie ist das Zusammenleben von behinderten Menschen und nicht-behinderten Menschen aus Ihrer Erfahrung heraus? Ist es eine Parallelgesellschaft oder ist da eine gewisse Sensibilität vorhanden?
Es verbessert sich. Eine Hilfsbereitschaft breitet sich aus. Wir waren einmal auf einem Musikkonzert, da gab es einen etwas steileren Anstieg. Wir haben sehr viel Unterstützung erfahren. Das war schön zu sehen.
Am 3. Dezember ist der Internationale Tag für Menschen mit Behinderung. Was erhoffen Sie sich von diesem Tag?
Ich wünsche mir, dass endlich einmal ein bundesweites Gesetz herauskommt, aus dem hervorgeht, welchen Anspruch ein behinderter Mensch hat. Derzeit gibt es keine einheitliche Regelung. Momentan ist es von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Ich habe keine Einheitlichkeit diesbezüglich gefunden.
Sie sprachen Corona an. Wie sehr hat die Pandemie den Alltag behinderter Menschen beeinträchtigt?
Sehr. Ich sehe es an meinem eigenen Sohn, der ja transplantiert und daher sehr vorsichtig ist. Das ist mühsam. Wir haben auch eine 89 Jahre alte Mutter. Wir wären sehr traurig, wenn sie wegen Corona sterben würde. Ich habe keine Angst, wegzugehen. Wir sind wegen unseres Umfeldes vorsichtig. Im Verein dagegen herrscht viel Angst, weil viele Mitglieder älter als 70 Jahre sind. Wir haben durch Corona um die 15 Mitglieder verloren. Wir haben im Gegenzug eine Rehagruppe „Multiple Sklerose“ bekommen. Das ist positiv. Aber da sind auch einige behinderte Menschen, die wegen Corona nicht zum Rehasport kommen.
Ist das aber nicht schlimm? Denn Corona fördert die Einsamkeit, die Kontaktlosigkeit. Aber gerade diese Menschen brauchen doch Kontakte, ein strukturiertes Umfeld und Hilfe.
Aber es sind sie ja, die von sich aus nicht kommen. Wir haben die Räumlichkeiten, um Stunden anzubieten. Wir haben ein Hygienekonzept. Wir kontrollieren, ob sie geimpft, genesen oder getestet sind. Wir müssen da alles dokumentieren. Da gibt es strenge Vorschriften. Es ist bedauerlich, dass sie fernbleiben, denn sie bräuchten den Sport und auch die Kontakte.
Zur Person
Peter Stahl
Seit neun Jahren ist Stahl Vorsitzender der Behinderten-Sport-Vereinigung (BSV) Ludwigshafen. Er engagiert sich bei der BSV auch als Trainer verschiedener Mannschaften. Der Ludwigshafener sitzt zudem im Senioren- und Behindertenbeirat der Stadt Ludwigshafen. Stahl arbeitete fast 50 Jahre bei der BASF. Stahl ist verheiratet, hat einen behinderten Sohn und ist Fan des Fußball-Drittligisten SV Waldhof Mannheim.