Wasserball
Der WSV Ludwigshafen war noch nie so gut
Manchmal entscheiden 30 Sekunden über den Ausgang einer ganzen Spielzeit, die von November bis Juni gespielt wird. Im Fall des WSV Vorwärts waren es die 30 Sekunden im Heimspiel gegen den SV Cannstatt im Februar. „Ich weiß noch genau, dass ich der Mannschaft gesagt habe, dass sie in den letzten 30 Sekunden nur noch den Ball halten soll“, sagt WSV-Trainer Pierre Hilbich. Das 13:13-Unentschieden fühlte sich gegen den großen Saisonfavoriten wie ein Sieg an.
Am Saisonende, mit dem die Ludwigshafener durch den verlorenen direkten Vergleich nach der Niederlage in Cannstatt punktgleich auf dem zweiten Rang landeten, ging Hilbich immer wieder die Szenarien durch. „Wenn wir es im Februar noch versucht und ein Tor erzielt hätten, dann wären wir jetzt Meister.“ Aber auch das Gegenteil hätte passieren können, und die Schwaben hätten die Partie in der Schlusssekunde noch umbiegen können. „Dann wären wir heute auf dem dritten Platz.“
Lange grämte sich Hilbich nach dem Schlusspfiff in Leimen nicht, denn unter dem Strich stand nach zwei Jahren Wettkampfpause und den unterschiedlichsten Widrigkeiten ein hervorragender zweiter Tabellenplatz, auf den die Ludwigshafener Wasserballer zu Recht stolz sind. „Wir hätten in München ein wenig konsequenter unsere Chance nutzen müssen und zu Hause gegen Cannstatt ein Tor mehr schießen. Davon abgesehen haben wir eine fehlerfreie und überragende Saison gespielt“, bilanzierte der Trainer.
Überraschender Tod
Auch zum Saisonabschluss gab sich der WSV dabei keine Blöße. Nach einem noch halbwegs ausgeglichenen ersten Durchgang setzten sich die Gäste in Leimen schon vorentscheidend auf 8:2 ab. „Es war klar, dass Leimen eine körperlich robuste Mannschaft mit starken Schützen ist, aber das sind wir auch. Und wir sind die besseren Schwimmer“, erklärte Hilbich. Mit viel Tempo ging der Sieg vor allem über die Kondition, auch wenn die Gastgeber sich im dritten Viertel überraschenderweise noch einmal aufgerappelt hatten. Wirklich gefährlich wurden sie dem neuen Vizemeister damit aber nicht mehr.
Kondition war dabei ein gutes Stichwort. Aus der Mannschaft wollte Hilbich nämlich, bis auf den enorm verbesserten Rückkehrer Joost Christoffels, nämlich in erster Linie Konditionstrainer Stefan Schunck. „Als er hier angefangen hat, hat er mir gesagt, dass er jeden Spieler um zwei bis fünf Prozent besser machen könnte und daran habe ich bei allen Spielen denken müssen, die wir knapp gewonnen haben.“ Vier Spiele gewann der WSV mit drei Toren oder weniger Vorsprung, darunter die beiden 11:10-Erfolge in Nürnberg und Fulda. „Das waren gegenüber den Jahren vorher genau diese zwei bis fünf Prozent mehr.“
Dass Martin Görge mit 55 Treffern bester Torschütze der zweiten Liga wurde, war Hilbich hingegen keine besondere Erwähnung wert. „Wir haben dieses Ergebnis als Mannschaft erreicht.“ Als Mannschaft, die sich nach den Rückschlagen mit dem überraschenden Tod von Co-Trainer Maurice Schäfer Anfang 2020 und suboptimalen Trainingsbedingungen während der zweijährigen Wettkampfpause zu einem fulminanten Höhenflug aufgeschwungen hatte. Wirklich geärgert hat sich deshalb niemand über den zweiten Platz, der mit einer anderen Entscheidung in den letzten 30 Sekunden im Februar vielleicht Golden geglänzt hätte.
Kommentar
Stolzer Teamerfolg
Der WSV Vorwärts Ludwigshafen hat nicht Gold verpasst, sondern Silber gewonnen.
Für die Ludwigshafener besteht trotz der hauchdünn verpassten Meisterschaft deutlich mehr Grund für Jubel als für Trauer. Denn letztlich hat der Klub eine überragende Saison gespielt, die mit der besten Platzierung der Vereinsgeschichte endete. Es ist ein Erfolg harter Arbeit, der nicht, wie bei Meister Cannstatt, auf individueller Klasse fußt. Auch wenn der WSV in Martin Görge den besten Torschützen der Liga stellte, war es doch eine gut funktionierenden Mannschaft, die sich von Rückschlägen nicht entmutigen ließ. „Die Meisterschaft in Cannstatt zu gewinnen war eine unglaublich schwere Aufgabe“, sagt WSV-Trainer Pierre Hilbich.
Und trotzdem war es eine Aufgabe gewesen, die unter optimalen Bedingungen lösbar gewesen wäre. Die hatte der WSV Ludwigshafen im entscheidenden Spiel leider nicht. Für Trauer besteht deshalb aber bei weitem kein Grund. Im Gegenteil.