Ludwigshafen Der tiefe Fall des VfL Gummersbach

Der VfL Gummersbach ist sportlich am Boden (oben), verfolgt aber ein neues Konzept (unten).
Der VfL Gummersbach ist sportlich am Boden (oben), verfolgt aber ein neues Konzept (unten).

«Ludwigshafen.» Die ruhmreiche Vergangenheit macht dem VfL Gummersbach zu schaffen. Das Gründungsmitglied der Handball-Bundesliga ist seit Jahren im freien Fall. Über 30 Titel hat der VfL gewonnen. Doch diese liegen schon einige Jahre zurück. 2011 holte Gummersbach den letzten Titel: den Europapokal der Pokalsieger. Zwischenzeitlich stand der Verein vor dem Aus. 1997 wurde die Pleite vermieden, weil Spieler auf Gehalt verzichteten. 2000 verhinderte ein Gnadengesuch von Ulrich Strombach, zum damaligen Zeitpunkt Präsident des Deutschen Handballbundes und Mitglied im VfL, ein Lizenzentzug – trotz 900.000 Mark Schulden. Die „Lex Gummersbach“ sorgte für Aufruhr. Die Reaktion: Das Lizenzierungsverfahren wurde verschärft. Doch die finanzielle Lage spitzte sich in Gummersbach zu. Bis 2011 wuchsen die Schulden auf 2,2 Millionen Euro. Abermals drohte der Lizenzentzug. Doch innerhalb weniger Wochen waren die Schulden beglichen worden. Es war das Ende der Söldner-Politik des VfL. Fortan setzte der Klub auf junge, möglichst deutsche Spieler. Es gab einen totalen Umbruch vor der 52. Bundesliga-Saison des Dinos: neuer Trainer, acht neue Spieler, neuer Sportdirektor, neuer Geschäftsführer, für 40.000 bis 50.0000 Euro ein neuer blauer Hallenboden. Sogar ein neuer Busfahrer wurde engagiert. Der neue Geschäftsführer Peter Schönberger war zuvor beim Eishockey-Klub Kölner Haie in gleicher Funktion tätig. Er wollte die Marke Gummersbach regional und national bekannter machen, um neue Sponsoren zu finden. VfL-Prospekte und Fanprodukte wurden sogar in Supermärkten eines VfL-Sponsors angeboten. Mit Golfclubs arbeitete der Klub zusammen. „Wir wollen damit in die Breite gehen, eine Basis für ein besseres Merchandising schaffen, neue Sponsoren gewinnen“, sagte Schönberger, „doch das wird zwei bis drei Jahre dauern.“ So viel Zeit bekam er nicht. Schöneberger ist Geschichte – auch der Trainer. Der ehemalige VfL-Spieler Christoph Schindler leitet nun die Geschicke des VfL. Aber auch unter ihm läuft es nicht gut. Der VfL quälte sich in den beiden vergangenen Spielzeiten zum Klassenverbleib. Auch diese Saison steckt der Verein im Abstiegskampf. Die Tradition macht dem Klub eben zu schaffen. Denn die Erwartungshaltung im Oberbergischen Land scheint hoch zu sein. Der VfL ist schließlich das einzige Gründungsmitglied in der Handball-Bundesliga, das ununterbrochen in der höchsten deutschen Liga spielt. Mehr als 80 Prozent der Deutschen kennen den VfL Gummersbach. Gummersbach ist nach wie vor ein klangvoller Name. Das hat auch Frank Bohrmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, zuletzt bestätigt. Bei der Präsentation des neuen Konzepts des VfL Gummersbach vor wenigen Wochen in der Schwalbe-Arena sagte er: „Der VfL Gummersbach erzielt bei Liveüber-tragungen immer noch die höchste TV-Reichweite.“ Deshalb ist es für den VfL Gummersbach so wichtig, in der Bundesliga zu bleiben – und dieses Alleinstellungsmerkmal der ständigen Zugehörigkeit zu wahren. Weil aber das Konzept von Schöneberger sozusagen gescheitert ist, gibt es ein neues: Heimat des Handballs heißt dieses. Doch in der neuen Verpackung steckt nichts wesentlich Neues drin. Der VfL setzt auf eine ganzheitliche Ausbildung der Talente. „Anpfiff ins Leben“ der Dietmar-Hopp-Stiftung macht dies seit 2001. Die TSG Friesenheim hatte so ein ähnliches Konzept unter Martin Röhrig vor vielen Jahren verfolgt. Die Rhein-Neckar-Löwen bauen seit Jahren auf ganzheitliche Ausbildung. Handball-Oberligist TV Hochdorf geht den Weg der ganzheitlichen Ausbildung seit etwa einem Jahr. Es gibt noch viele weitere Beispiele. Der VfL Gummersbach reiht sich nun in diese Riege ein. „Wir wollen verstärkt in die Kindergärten, in die Schulen und in die Vereine gehen. Wir wollen uns auch als ganzheitlicher Kooperationspartner präsentieren. Wir möchten den Jugendlichen sowohl eine körperliche als auch eine geistige Ausbildung, egal, ob in der Schule, in der Berufsausbildung oder im Studium mitgeben“, sagte Schindler bei der Vorstellung der Neuausrichtung. Die vielen Talente sollen bei 20 Handball-Camps in der Oberbergischen Region gewonnen werden. In der VfL-Akademie sollen sie dann den Feinschliff bekommen. „Der VfL ist das Aushängeschild Gummersbachs und der ganzen oberbergischen Region. Er gibt den Leuten eine Heimat. Denn Sport bringt Menschen zusammen, kennt keine politischen Grenzen, fördert Kommunikation und gibt jungen Menschen eine Perspektive“, sagte Schindler. Der VfL hat offenbar seine neue Identität gefunden – jetzt fehlt nur noch der sportliche Erfolg.

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