Ludwigshafen Der Tag, an dem die Welt aus den Fugen geriet

Uns Journalisten wird gerne nachgesagt, wir seien hartgesottene Menschen. Das könnte daran liegen, dass wir in unserem Beruf immer wieder über Leid, Tod und Trauer berichten müssen. Heute vor 13 Jahren waren wir fassungslos, als Islamisten in den USA Flugzeuge entführten und als fliegende Terrorwaffen benutzen. Als die ersten Meldungen über die Nachrichtenticker liefen, konnten wir noch nicht das Ausmaß der Anschläge erahnen. Zunächst war von einem Flugzeug die Rede, das in einen der Türme des World Trade Centers in New York geflogen war. Es klang nach einem Unfall einer verirrten kleinen Maschine vom Typ Cessna. Der Sender CNN übertrug live die Bilder, als ein zweites Flugzeug, eine große Linienmaschine, in den anderen Turm raste und in einem Feuerball verglühte. Es war kurz nach 14 Uhr unserer Zeit. Wir standen in unserer Redaktion vor dem Fernseher und konnten kaum glauben, was wir da sahen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich die Hände vors Gesicht schlug. Denn es war klar, dass soeben viele Menschen vor unseren Augen gestorben waren. Dann kamen noch mehr Meldungen über entführte Passagiermaschinen. Eine schlug ins US-Verteidigungsministerium Pentagon ein. Eine andere wurde von den Passagieren zum Absturz gebracht, bevor sie ihr mutmaßliches Ziel in Washington erreichte. Dann stürzten die Hochhaustürme in New York in sich zusammen. Die Bilder waren apokalyptisch. Die Szenerie erinnerte an einen Hollywood-Katastrophenfilm. Die Welt war in wenigen Stunden aus den Fugen geraten. In Mannheim und Ramstein igelten sich die US-Truppen in ihren Kasernen ein. Die Lage erschien bedrohlich. Unsere Kollegen in der Politikredaktion begannen fieberhaft damit, alle Informationen zusammenzutragen und das Blatt umzubauen. Und wir in der Lokalredaktion versuchten, Stimmen und Stimmungen hier vor Ort einzufangen. Natürlich mussten wir auch weiter über das ganz normale lokale Geschehen berichten. Etwa, dass in der Ludwigstraße neue Parkscheinautomaten aufgestellt wurden. Oder es Streit um eine Kindertagesstätte im Landkreis gab. Doch während wir an der Ausgabe arbeiteten, war uns klar, dass diese Themen am nächsten Morgen kaum einen Leser interessieren würden. Das alles erschien bedeutungslos angesichts der Dimension der Terroranschläge. Der 11. September hatte – auch in Ludwigshafen – die Sicht auf unsere muslimischen Mitbürger verändert, ob wir das wollten oder nicht. Misstrauen vergiftete unser Denken. Ich kann mich noch erinnern, als kurz nach den Anschlägen abends in einer Wohnung im Hinterhof gegenüber unseres Wohnhauses im Stadtteil Süd ein vollbärtiger Araber betete. Meine Frau, damals noch die beste Freundin von allen, hatte mich auf die Szene aufmerksam gemacht. „Es ist doch verrückt, dass man anfängt, sich jetzt darüber Gedanken zu machen“, meinte sie. Die Angst, die unsere Gedanken bestimmte, hat sich mittlerweile wieder gelegt. Geholfen hat dabei, dass wir Muslime kennengelernt haben – durch unsere Arbeit, etwa beim Migrantenreport, in dem wir 2009 die Lebenswelt der Einwanderer in Ludwigshafen untersucht haben. Mittlerweile haben wir auch muslimische Kollegen. Multikulturelles Zusammenleben ist in einer Stadt wie Ludwigshafen wichtig. 2020 wird hier jeder zweite Bürger einen Migrationshintergrund haben. Es herrscht viel Unkenntnis über die verschiedenen Lebenswelten. Als Journalisten leisten wir einen Beitrag dazu, dass sich die Menschen besser kennenlernen und Vorurteile abbauen. Auch ist auch ein Vermächtnis des 11. September 2001.