Ludwigshafen Der Steinway pausiert

Auftritt Natalia Lentas und kleiner Szenenwechsel bei den „Jungen Pianisten“ im BASF-Gesellschaftshaus in Ludwigshafen: Statt des hauseigenen Steinway stand ein graziler Hammerflügel von 1813 auf dem Podium. Es gab Haydn, Mozart und Hummel und am Ende des Konzerts die Erkenntnis, dass es gute Gründe hat, für ein bestimmtes Repertoire einem historischen Instrument gelegentlich den Vorzug zu geben.
Und so geschah es denn, dass aller Augen wohlgefällig auf der jungen Hammerklavier-Spezialistin ruhten. Natalia Lentas ist 30 und Meisterklassen-Studentin bei Christine Schornsheim in München und Gerald Hambitzer in Köln. Nicht erst nach der einzigen Zugabe, einem aufgekratzten Rondo des bizarren Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel, war klar: Da saß eine gut und gern fertige Musikerin an einem Instrument der Staufener Clavierwerkstatt von Christoph Kern, einem bildschönen und perfekt restaurierten Hammerflügel, von dem man leider nicht weiß, wer ihn wo und zu welchem Zweck gebaut hat. Und das vielleicht auch gar nicht (mehr) wissen kann, denn zur in Frage stehenden Zeit gab es fast so viele Mechanik-Konstruktionen wie Klavierbauer. Nicht nur mit seinem im raffiniert-schlichten Biedermeierstil gefertigten Kirschbaumgehäuse (mit römische Paläste darstellenden Intarsien) machte das Gast-Instrument jedenfalls eine gute Figur. Es verfügt über sechs Oktaven und sechs Pedale für bestimmte Klangeffekte wie Dämpfungsaufhebung, Moderator einfach und doppelt (Filzstreifen zwischen Hammer und Saiten), Fagottzug (schnarrender Ton durch mit Seide umwickeltes Pergament) und türkische Musik als modischem Spezialeffekt. Es ist mit 430 Hertz deutlich tiefer gestimmt als unsere auf Hochleistung getrimmten Konzertflügel, klingt leiser, obertonreicher, weniger voluminös, trotzdem sanglich und brillant. Auch wenn die unterschiedlich klingenden Lagen etwas gewöhnungsbedürftig sind: Spätestens beim Andante cantabile aus Mozarts B-Dur-Sonate (KV 333/315c) wurden die Meriten des historischen Instruments demonstriert: Hat man den Satz jemals so farbenreich in sich differenziert gehört? Natalia Lentas hat Instrument und Programm kurz vorgestellt, die Haydn-Sonate (h-Moll Hob. XVI:32) und die erwähnte Mozartsonate im ersten Teil der Übergangszeit von Cembalo und Hammerklavier zugeordnet, im zweiten den Fokus auf das „neue“ Instrument gelegt. Haydns C-Dur-Fantasie (Hob. XVII:4) wurde zu Recht als mit den Möglichkeiten des Hammerklaviers spielendes Werk begriffen, das fast zeitgleiche Mozart-Rondo (a-Moll KV 511) in seiner seltsam depressiven Verschattung wie unter dem Vergrößerungsglas präsentiert. In beiden Fällen: Nichts von historisierender Blässe, sondern ein lebendig-verständiges Musizieren, dem sich Natalia Lentas Lesart der f-Moll-Sonate (op.20) von Johann Nepomuk Hummel überzeugend anschloss: ein Ausblick in eine neue Zeit, an deren Ende die Allzweckwaffe Steinway steht.