Ludwigshafen
„Der Sportklub wird nie pensioniert“
Das Internet ist voll von Fitness-Tutorials, die dazu anleiten, in Eigenregie Sport zu treiben. Mit kurzen Einheiten könne jeder in kurzer Zeit seine Fitness verbessern. Die aus Böhl-Iggelheim stammende Sportwissenschaftlerin, Professor Dr. Katja Schmitt, hat sich mit diesem Thema auseinandergesetzt.
Frau Schmitt, was halten Sie von Online-Fitness-Tutorials?
Online-Fitness-Tutorials kann man auf YouTube in unüberschaubarer Fülle finden, außerdem gibt es auch unzählige Apps fürs Handy. Wenn Sie zu Hause Sport treiben wollen, sind solche virtuellen Trainer ein niedrigschwelliges Angebot. Sie brauchen weder ein Auto noch öffentliche Verkehrsmittel, um an den Ort zu gelangen, wo Sie Sport machen. Sie können zu jeder Tages- und Nachtzeit trainieren und benötigen noch nicht mal die neueste Sportmode oder die angesagtesten Schuhe.
Haben Sie es selbst schon einmal ausprobiert?
Na klar, habe ich das schon ausprobiert. Ich wollte das einfach mal selbst erfahren, wie es sich anfühlt, mit dem Smartphone und einem virtuellen Trainer alleine im Wohnzimmer zu trainieren. Das ist nichts für mich und hat mit Sport, so wie ich ihn liebe, gar nichts zu tun. Es steht nämlich bei den meisten dieser Online-Angeboten nur der Fitness-Aspekt des Sports im Mittelpunkt. Und das ist oft nur hartes Training.
Sehen Sie in den Fitness-Tutorials den Trend der Zukunft?
Nein, diese Fitness-Tutorials werden sich sehr wahrscheinlich nicht durchsetzen können. Viel eher sehe ich den Trend hin zu einem Personal-Trainer, der mir ein individualisiertes Sportprogramm zurechtschneidert, der mit mir zusammen trainiert und der über gute Motivationstechniken verfügt, damit ich langfristig sportlich aktiv bin und mich bewege.
Sie haben selbst in Ihrer Jugend bei der VT Böhl geturnt, dann Leichtathletik beim LC Haßloch gemacht und sind heute am liebsten auf dem Rennrad im Pfälzer Wald unterwegs. Konnte man mit solch einer Entwicklung in dieser Geschwindigkeit rechnen?
Es gab bereits Mitte der 80er erste Anzeichen für einen solchen Trend. Damals lösten VHS-Kassetten mit den Aerobic-Workouts von Jane Fonda einen richtigen Hype aus. Dass jedoch dieser „do-it-yourself-Trend“ in Richtung des virtuellen Trainings und des virtuellen Trainers entwickelt, hätte ich seinerzeit wirklich nie vermutet. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass mir mal jemand eine Bewegungsanweisung erteilt, der physisch gar nicht da ist, der also gar nicht vor mir steht und der mich weder loben, noch korrigieren, noch motivieren kann.
Man könnte meinen, diese aktuelle Entwicklung könnte das baldige Ende des Vereinssports sein. Wie sehen Sie das?
Nein, der Sportverein, so wie wir ihn kennen, wird niemals pensioniert. Auch wenn die digitale Welt den Sportverein vor neue Herausforderungen stellt. Er ist nach wie vor in unserer Gesellschaft der Motor des organisierten Sports, er ist Anwalt des Sports und leistet für unsere Kinder und Jugendlichen einen unverzichtbaren Bestandteil zu einer gesunden Entwicklung. Werte wie Fair-Play und Toleranz werden im Sportverein vermittelt, er hat eine gemeinwohlorientierte Grundausrichtung und legt besonderen Wert auf Gemeinschaft und Geselligkeit.
Glauben Sie nicht, dass unter den Online-Coaches auch viele Fitness-Influencer ohne Trainer-Ausbildung dabei sind?
Genau das stellt aus meiner Sicht ein riesiges Problem dar. Der ungeübte Nutzer kann nicht erkennen, ob er gerade mit einem Laien oder einem ausgebildeten Trainer trainiert. Die Gefahr, dass man an einen Quereinstiegs -Trainer gerät, ist enorm groß.
Sehen Sie darin eine Gefahr des falschen Trainings?
Unbedingt. Es geht ja im Prinzip hier im die individuelle Gesundheit des Nutzers, die mit den Bewegungsangeboten der Fitness-Tutorials gefördert oder verbessert werden soll. Allein deshalb, weil ja es dabei um meine persönliche Gesundheit und mein Wohlbefinden geht, würde ich dieses Feld niemals einem Laien überlassen.
Sie sind selbst Mutter von zwei Kindern. Werden Sie trotz der vielen Angebote Ihre Kinder weiterhin in den Vereinssport schicken?
Definitiv. Meine große Tochter spielt beim FC Rehberge in der Mädchenmannschaft Fußball und trainiert seit langem schon bei der LG Nord, Leichtathletik. Meine jüngste Tochter hat im Sommer ebenfalls bei der LG Nord mit den „Athletik-Kids“ begonnen. Dabei geht es mir nicht nur darum, dass meine Kinder eine gewisse sportliche Grundausbildung erhalten. Sondern geht es geht mir auch darum, dass sie im Sport fürs Leben lernen, dass sie mit Niederlagen umgehen können, dass sie Teamfähigkeit beweisen, dass sie Motivationsstärke zeigen. Und dann ist ja da auch noch dieses wohlige Wir-Gefühl, das es nur im Sport gibt und das besonders dann brennt, wenn die Mannschaft gewonnen hat.
Abschließende Frage: Sind Fitness-Tutorials geeignete Aktionen, um mehr Bewegung in den Alltag zu bringen?
Dass die Bewegung einen positiven Einfluss auf meine persönliche Gesundheit hat, ist mittlerweile unumstritten und seit ein paar Jahren gibt es die Nationalen Bewegungsempfehlungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Bevor ich aber persönlich im Wohnzimmer hierfür ein Online-Tutorial durchführe, würde ich viel eher als eine ausdauerorientierte Bewegung einmal in der Woche aufs Lambertskreuz vom Kurpfalz-Park aus. Dann verzeihen die Herzkranzgefäße auch die Lewwerknepp und den Schorle. Meinem psychischen Wohlbefinden ist das zuträglicher als virtuelles Training.
Interview: Jochen Willner
Zur Person
Katja Schmitt
Katja Schmitt (49), stammt aus Böhl-Iggelheim. Nach dem Abi am Paul-von-Denis-Gymnasium in Schifferstadt studierte sie an der Uni Landau die Fächer Sportwissenschaft, Grundschulpädagogik und evangelische Theologie für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Sie promovierte 2001 an der Uni Landau zum Thema „Subjektorientiertes Feedbackverhalten“. Seit 2009 ist Schmitt Professorin an der Humboldt-Universität Berlin am Institut für Sportwissenschaft. Zuvor war Juniorprofessorin für Sportdidaktik/Sportpädagogik an der Georg-August-Universität in Göttingen.