Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Der Sparkurs der Sparkasse Vorderpfalz: In zehn Jahren 18 Standorte und 223 Mitarbeiter weniger

Soll verkauft werden: das ehemalige Kreissparkassen-Gebäude am Berliner Platz in Ludwigshafen. Seine Zukunft ist noch ungewiss.
Soll verkauft werden: das ehemalige Kreissparkassen-Gebäude am Berliner Platz in Ludwigshafen. Seine Zukunft ist noch ungewiss.

Das sich rasant wandelnde Kundenverhalten, die anhaltende Niedrigzinsphase und Filialen, die kaum noch Zulauf haben: Diese Kombination zwingt die Sparkasse Vorderpfalz zur Schließung mehrerer Standorte. Von aktuell 51 werden bis 2023 nur noch 44 übrig bleiben. Vor zehn Jahren waren es noch 62. Auch der Personalbestand schrumpft. Geht das ohne Kündigungen?

Immer mehr Menschen erledigen ihre Bankgeschäfte online. Um im Geschäft und für Kunden attraktiv zu bleiben, müsse die Sparkasse darauf reagieren. „Über alle Kanäle hinweg, ohne Medienbruch und immer mehr in Echtzeit“, präzisiert Vorstandsvorsitzender Thomas Traue und verweist auf Analysen der Geschäftsstellen und Standorte. Sie zeigten: Die Besucherfrequenzen in Filialen sind rückläufig. Dafür würden digitale Angebote immer stärker genutzt.

Die Sparkassen-App etwa werde von Nutzern im Schnitt 200 Mal jährlich für Serviceleistungen aufgerufen. Kunden besuchten 120 Mal im Jahr die Internetfiliale, seien 24 Mal jährlich an Geldautomaten zugange, schauten jedoch nur noch einmal im Jahr bei ihrem Berater in der Geschäftsstelle vorbei. Diese Zahlen könne das Haus nicht ignorieren, sagt Traue: „Einige Standorte lassen sich einfach nicht mehr auf wirtschaftlicher Basis betreiben.“

Öffnungszeiten werden angepasst

Was Traue im Managersprech „Restrukturierung“ nennt, heißt im Klartext nichts anderes, als dass die größte Sparkasse in Rheinland-Pfalz ihr Filialnetz bis 2023 weiter ausdünnt – in enger Abstimmung mit Verwaltungs- und Personalrat: Sieben Geschäftsstellen werden in Selbstbedienungsstandorte umgewandelt, drei Geschäftsstellen und sieben SB-Standorte geschlossen. In Ludwigshafen und Schifferstadt wird jeweils ein neuer SB-Standort eröffnet. Die Service- beziehungsweise Öffnungszeiten der Filialen würden ab 1. Oktober an die tatsächliche Nutzung angepasst, informiert Traue.

Aktuell 910 Mitarbeiter

Im Gegenzug, betont der 58-Jährige, investiere die Sparkasse in die „Kundenbeziehung“ und erweitere mit frei werdenden Mitarbeiterkapazitäten die Beratungszeiten in den Geschäftsstellen. Mit künftig 44 Standorten unterhalte die Sparkasse Vorderpfalz weiterhin das dichteste Geschäftsstellen- und Geldautomatennetz in der Region. Betriebsbedingte Kündigungen bleiben laut Traue tabu. An der entsprechenden Dienstvereinbarung werde nicht gerüttelt. Personal soll in erster Linie durch natürliche Fluktuation sowie Altersteilzeitangebote abgebaut werden. Aktuell liegt die Mitarbeiterzahl bei 910, davon 57 Auszubildende. Zum 31. Dezember 2018 waren es noch 931. Sie verteilen sich auf 762 Stellen (Ende 2018: 774). Nach der Fusion zur Sparkasse Vorderpfalz im Januar 2013 waren es noch 1133 Beschäftigte, 62 Standorte und sechs Vorstandsposten (inzwischen drei).

Umstrukturierung ab 7. September

Traue zufolge beginnt die Umstrukturierung am 7. September. Sie soll in vier Stufen umgesetzt werden und bis 2023 abgeschlossen sein. Für Ludwigshafen bedeutet das unter anderem: Am jetzigen Standort der Geschäftsstelle Ernst-Reuter-Siedlung wird die Geschäftsstelle LU-Gartenstadt entstehen. Binnen drei Jahren werden die bisherigen Filialen Ernst-Reuter-Siedlung, Maudach und Gartenstadt zusammengelegt.

Im Faktorhaus im Stadtzentrum werden die bisherigen SB-Standorte Berliner Platz und Walzmühle ab April 2021 zusammengelegt. Die Verhandlungen zum Verkauf des ehemaligen Kreissparkassengebäudes direkt gegenüber der „Metropol“-Baustelle sind laut Traue noch nicht abgeschlossen. Es gebe Interessenten. Mehr möchte er dazu nicht sagen.

Traue: Neue Angebote verändern die Ansprüche

Zur „Strukturanpassung“ seines Hauses sagt der Vorstandschef: „Neue digitale Angebote verändern die Ansprüche und das Nutzungsverhalten der Kunden. Wir konzentrieren uns deshalb auf Standorte, in denen ausreichend Bankdienstleistungen nachgefragt werden.“ Kunden werde weiterhin ein „überzeugendes Gesamtpaket“ geboten. Mit einer maximalen Fahrzeit von zehn Minuten für Serviceleistungen sowie 15 Minuten für persönliche Beratungen seien alle Standorte im Geschäftsgebiet – Ludwigshafen, Speyer, Rhein-Pfalz-Kreis – zu erreichen.

Mobiler „Bargeld-Bring-Service“

Nähe zu den Kunden definiere sich heutzutage nicht mehr nur über die räumliche Verbundenheit zur Geschäftsstelle. Traue: „Deshalb müssen wir beides schaffen: ein modernes Standortnetz mit erweiterten Beratungszeiten und die Prozesse so digitalisieren, wie Menschen das von einer modernen Sparkasse erwarten. Unsere Kunden verlangen individuelle Lösungen.“ Von einer Schließung betroffenen Gemeinden werde mit einem kostenlosen mobilen „Bargeld-Bring-Service“ eine flächendeckende Versorgung geboten. Kunden, denen es nicht möglich ist, Bargeld zu beschaffen, können Beträge zwischen 300 und 1000 Euro bei der nächstgelegenen Filiale bestellen. Das Geld werde dann an zwei Nachmittagen pro Woche direkt nach Hause geliefert. Wer keinen Zugang zu Online-Diensten hat, dem empfiehlt Traue den Telefonservice des Kundendialogcenters. Das Team sei werktags von 8 bis 20 Uhr unter 0621/59920 erreichbar.

„Für die nächsten Jahre gerüstet“

Mit der Neuausrichtung sei die Sparkasse für die nächsten Jahre gerüstet, bilanziert Traue. Standorte, Leistungen und Abläufe würden weiterhin regelmäßig untersucht. „Nur so können wir rechtzeitig reagieren und unser Haus neu ausrichten.“ Die jetzigen Einschnitte seien keinesfalls der Corona-Krise geschuldet. Die Sparkasse habe die Folgen der Pandemie bisher gut aufgefangen, weil sie finanzielle Polster gebildet habe. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank gefährde indes weiterhin das Geschäftsmodell der Sparkassen.

Die Sparkasse Vorderpfalz betreut derzeit rund 141.000 Privatgirokonten und etwa 13.000 Geschäftsgirokonten.

Zur Sache: Wann und wo Schließungen geplant sind

Drei Geschäftsstellen verschwinden

Ludwigshafen-Gartenstadt: Am jetzigen Standort der Geschäftsstelle Ernst-Reuter-Siedlung soll künftig die Geschäftsstelle LU-Gartenstadt entstehen. Bis 2023 sollen hier die bisherigen Filialen Reuter-Siedlung, Maudach und Gartenstadt (Königsbacher Straße) fusioniert werden.

Schifferstadt/Salierstraße: Geplant ist die Zusammenlegung mit der Geschäftsstelle Kaufland an einem neuen Standort Im Lettenhorst (Aldi). Der Termin ist noch offen.

Harthausen: Die Geschäftsstelle soll zum 7. September 2020 geschlossen werden, Kunden sollen von der Dudenhofener Filiale aus betreut werden.

Sieben Filialen werden zu SB-Standorten

Ludwigshafen/Rathaus-Center: ab 7. September 2020 (bis zur Schließung des Centers Ende 2021).

Ludwigshafen/Rhein-Galerie: ab 7. September 2020.

Ludwigshafen-Maudach: voraussichtlich bis 2023.

Schifferstadt/Salierstraße: ab 7. September 2020.

Speyer/An der Gedächtniskirche: ab 1. Oktober 2020 (In die Räume der Filiale zieht das Immobilien-Center Speyer, Termin noch offen).

Waldsee und Römerberg: jeweils ab 1. Oktober 2020.

Sieben SB-Standorte werden geschlossen

Ludwigshafen/Berliner Platz: ab 1. April 2021 (Zusammenlegung mit Lu-Walzmühle am neuen benachbarten Standort Faktorhaus).

Ludwigshafen/Walzmühle: ab 1. April 2021.

Schifferstadt/Salierstraße und Kaufland, Termine offen.

Rödersheim-Gronau und Beindersheim: jeweils ab 1. Oktober 2020.

Fußgönheim: Termin noch offen (nach der Reparatur des gesprengten Automaten in Dannstadt-Schauernheim).

Stichwort: Sparkasse Vorderpfalz

Die Sparkasse Vorderpfalz mit Sitz in Ludwigshafen ist mit einer Bilanzsumme von 5,4 Milliarden Euro (2019) die landesweit größte Sparkasse. Sie entstand im Januar 2013 aus der Fusion der Sparkasse Vorderpfalz Ludwigshafen/Schifferstadt mit der Kreissparkasse Rhein-Pfalz und der Kreis- und Stadtsparkasse Speyer. Aus ursprünglich sechs Vorstandsposten wurden mit der Zeit drei: Thomas Traue (58), Oliver Kolb (44) und Ulli Sauer (46). Vorsitzende des Verwaltungsrats ist aktuell die Speyerer Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (37, SPD).

Kommentar: Mit Augenmaß

Ältere Kunden nicht verprellen und jüngere digital abholen – das ist ein schwieriger Spagat.

Spätestens seit der Fusion 2013 war klar: Die Sparkasse wird und muss sich schlanker und zeitgemäßer aufstellen. Das heißt auch: Filialen ohne Frequenz schließen. Alltagsgeschäfte laufen inzwischen weitgehend digital oder an SB-Automaten. Diesem Fakt muss sich das Haus ebenso stellen wie dem Umstand, dass es weiterhin ältere Kunden gibt, die noch nicht online unterwegs sind. Das ist ein schwieriger Spagat. Die Sparkasse versucht zumindest, ihn mit Augenmaß zu bewältigen. Die Einschnitte könnten noch viel krasser sein. Dass sie es nicht sind, hat auch mit der Haltung des Vorstands zu tun. Traue und Co. wissen, dass sie mit einer Turbomodernisierung gerade bei jahrelangen Stammkunden sehr viel Kredit und Vertrauen verspielen würden.

Vorstandsvorsitzender Thomas Traue.
Vorstandsvorsitzender Thomas Traue.
Sparkassenturm der Ludwigshafener Zentrale.
Sparkassenturm der Ludwigshafener Zentrale.
Die Sparkasse Vorderpfalz entstand 2013 aus der Fusion dreier Institute.
Die Sparkasse Vorderpfalz entstand 2013 aus der Fusion dreier Institute.
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