Ludwigshafen Der Saitenzauberer

Mister Supercool: Joe Bonamassa in der SAP-Arena in Mannheim.
Mister Supercool: Joe Bonamassa in der SAP-Arena in Mannheim.

B.B. King ist tot, Jimi Hendrix schon lange, und Eric Clapton und Carlos Santana haben die 70 längst überschritten und spielen den Bluesrock seit 50 Jahren. Es ist ein Genre, das so gar nicht mehr in unsere Welt zu passen scheint, in der doch eigentlich niemand mehr Zeit hat für so ein richtig ausgedehntes Gitarrensolo. Und doch: Der Bluesrock lebt, und er hat eine Zukunft – in Gestalt des 41-jährigen Joe Bonamassa, dessen Spiel am Mittwochabend die Menschen in der SAP-Arena in Mannheim nicht begeistert, nein: regelrecht verzaubert hat.

Wären die amerikanischen Streitkräfte nicht vor ein paar Jahren aus Heidelberg und Mannheim abgezogen – die Arena wäre bestimmt ausverkauft, auf jeden Fall aber deutlich voller gewesen. Es waren viele seiner Landsleute da, denn: Was Joe Bonamassa macht, ist uramerikanische Musik. Und er präsentierte sie mit einer derart großen Geste, wie man sie sich wohl nur traut, wenn man aus einem Land kommt, das so unendliche Weiten hat und ein so überbordendes Selbstbewusstsein. Zumindest bis vor Kurzem. Um das auch wirklich jedem im Publikum klarzumachen, wurde zur Einstimmung in das zweistündige Konzert erst einmal die Titelmelodie von „Bonanza“ eingespielt. Vier Jahre, nachdem Dan Blocker, der Schauspieler der Kultfigur Hoss, verstorben und die Westernserie um die Erlebnisse der Familie Cartwright nach 431 (!) Episoden eingestellt worden war, da erblickte am 8. Mai 1977 in der Kleinstadt New Hartford im Bundesstaat New York der kleine Joe Bonamassa das Licht der Welt. Die Voraussetzungen für eine große Karriere als Gitarrist waren einerseits denkbar gut, besaß sein Vater doch ein Gitarrengeschäft und konnte seinem vierjährigen Sprössling ein eigenes Modell anfertigen lassen und dafür sorgen, dass er als Zwölfjähriger mit B. B. King auf der Bühne stand. Andererseits war Bonamassas Kindheit so glücklich und gediegen, dass ihm manchmal vorgeworfen wird, es fehle ihm an Authentizität, sein Spiel sei zu glatt, sein Sound zu wenig dreckig. Wenn Eric Clapton heute in die Saiten greift, hört man allerdings auch nicht mehr, dass seine Mutter bei seiner Geburt erst 16 war und sein Vater sich schnell aus dem Staub machte. Mit seinem gut sitzenden Maßanzug – was heißt, dass vor allem die Ärmel bloß nicht zu lang sein dürfen – und seinen wahrscheinlich mit teurer Handcreme gepflegten Händen ist Bonamassa auf jeden Fall der veritable Nachfolger Claptons, der sich im Alter noch zum Gentleman des Bluesrock entwickelt hat, nachdem er früher ein ziemliches Drogenwrack gewesen sein muss. Bonamassa jedenfalls ist jetzt 41, was zumindest für einen Bluesrocker noch kein Alter ist. Er soll aber schon mit 25 gewirkt haben wie der Grandseigneur des Musikbusiness. In Mannheim, der achten Station seiner Herbsttour durch Europa, spielte er mit arroganter Attitüde. Alles an ihm – das Gel im Haar, die Sonnenbrille, die Art, wie er sich nach fast jedem Song eine neue Gitarre reichen ließ – drückte aus: Seht her, ich bin Mister Supercool. Er hatte sieben fantastische Musiker dabei. Und die großen Worte, in denen er sie ankündigte, den besten Trompeter der Welt, die exzellenten Backgroundsängerinnen, den fantastischen Saxofonisten, den wunderbaren Schlagzeuger, den hinreißenden Keyboarder und den einzigartigen Bassisten, sie drückten vor allem eins aus: Seht her, sie arbeiten alle mit mir, weil ich Mister Supercool bin, der geilste Gitarrist der Welt. Und das ging in Ordnung. Weil er der vielleicht wirklich beste Gitarrist der Welt ist. Wer das Glück hatte, ganz vorne sitzen zu dürfen, der konnte das Spiel seiner Finger beobachten, der konnte sehen, dass er die Saiten nicht schlug oder zupfte. Er schien sie zu streicheln. Wie er seinen Instrumenten Töne entlockte, schien mehr mit Zauberei als mit Handwerk zu tun zu haben. Er spielte und sang Blues-Songs, die alle Vorurteile dem Genre gegenüber entkräfteten, die temporeich und kraftvoll waren. Bonamassa und seine wirklich fabelhaften Musiker drehten Spiralen, gaben Einblicke in die Unendlichkeit des Klanguniversums und spielten so schön, dass es fast zum Weinen war. Dass er in zwei Stunden nur 14 Songs spielte und dabei nicht eine einzige längere Ansage machte, sagt aus, welch bombastische, gar monumentale Werke er auf die Bühne brachte. Dabei schien es Bonamassa gar nicht darum zu gehen, die neue Platte „Redemption“ zu verkaufen. Vier Songs des Albums, das in Deutschland noch vor Pur auf dem dritten Platz der Charts steht, spielte er schnell am Anfang, als sei es eine lästige Pflicht. Dann widmete er sich der Heldenverehrung und ließ seine Finger Stücke von Albert King („I get evil“) und B.B. King („Nobody loves me but my mother“) zaubern. Bei „Boogie with Stu“ frei nach Led Zeppelin gab er ein kurzes Zeichen, und die Fans sprangen von den Sitzen und stürmten zur Bühne. Sie spürten: Hier geschieht gerade etwas ganz, ganz Großes.

x