Tennis RHEINPFALZ Plus Artikel Der „Rock-Star“ in Mutterstadt

Junie Chatmann beim TC Mutterstadt in den 1980er Jahren.
Junie Chatmann beim TC Mutterstadt in den 1980er Jahren.

Junie Chatman war eine Ausnahmeerscheinung. Der afroamerikanische Tennisprofi kam 1980 nach Deutschland. Er blieb vier Jahre beim TC Mutterstadt. Das Dorf liebte ihn. Er liebte die Menschen dort. Er maß sich auch mit Weltstars.

Junie Chatmann war eine Ausnahmeerscheinung. Er war in Mutterstadt das Gesprächsthema. 1979 kam der afroamerikanische Tennis-Spieler nach Deutschland. Er hatte 1978 sein Studium erfolgreich abgeschlossen und entschied sich, mit einem Freund von der Universität nach Europa zu gehen und zu schauen, ob sie es dort auf der Profi-Tour schaffen würden. In Holland kamen sie an – und spielten gleich eine Serie von kleineren ATP-Turnieren. „Ich schlug mich gut und schaffte den Sprung unter die Top 350 der Welt“, sagt Chatman.

Irgendwann landete der charismatische Tennis-Profi dann in Ludwigshafen. Dort wohnte ein weiterer amerikanischer Tennisspieler namens Rick Flach. Dessen jüngerer Bruder Ben war später die Nummer eins in der Welt im Doppel mit Sherwood Stewart. Mit Rick Flach trainierte er regelmäßig. Eines Tages tauchte Matthias Auchter, ein Geschäftsmann aus Kaiserslautern, auf. Er sah Chatmann spielen und war angetan von dessen Tennis. „Er fragte mich, ob ich für einen Klub in Deutschland spielen möchte“, erzählt Chatmann. Auchter stellte den Kontakt zu Wilhelm Spoor her. Spoor war Sportlicher Leiter des TC Mutterstadt und hauptberuflich bei der BASF angestellt. Spoor war ein eifriger Macher. Er packte an. Er hatte ein gutes Netzwerk. So heuerte Chatmann 1980 beim TC Mutterstadt an.

Für den damals in der Pfalz führenden TC Mutterstadt mit Gründungspräsident Manfred Müller an der Spitze war die Verpflichtung von Junie Chatmann ein Coup. Die Tennisanhänger strömten zu den Matches von Chatmann. Er gewann die Rheinland-Pfalz-Meisterschaften in dieser Zeit – und war ein Blickfang. „Junie Chatmann war immer adrett gekleidet, immer elegant“, sagt Wilhelm Spoor: „Er war menschlich herausragend, immer korrekt.“

Junie Chatmann jedoch hatte zunächst ein mulmiges Gefühl. Er hatte einiges über Deutschland und seine geschichtliche Vergangenheit gelesen. Wie würden ihm die Menschen begegnen, fragte er sich. „Als ich aber die Menschen beim TC Mutterstadt kennengelernt hatte, hatte ich mich in den Klub und das Dorf verliebt“, sagt Chatmann: „Sie alle behandelten mich herzlich und unglaublich gut.“

Lieblingsgetränk Radler

Die Gastfreundschaft der Mutterstadter erleichterte Chatmann die Eingewöhnung. Denn ganz ohne Heimweh ging es für den jungen Mann nicht. Das Heimweh linderte aber etwas das Tennis. „Als ich 1979 nach Mutterstadt kam, spielte ich erst einmal in Afrika für drei Wochen, dann in Italien für sechs Wochen“, erinnert sich Chatmann. Er kehrte dann nach Mutterstadt für mehrere Monate zurück. Das Heimweh kam dann wieder. Das Chillen mit den Freunden fehlte ihm am meisten, sagt er. Sie beneideten ihn, weil er durch die ganze Welt reiste, er beneidete sie, weil sie zu Hause sesshaft wurden, heirateten und Familien gründeten. Die Freundschaften hielten – auch trotz der Europa-Tour von Chatmann.

Der elegante Mann lernte schnell die schönen Seiten Deutschlands kennen. Er reiste nach Heidelberg, Stuttgart, Köln, München. Er spielte in deutschen Städten, in Europa Tennisturniere. „Ich liebte die Leute. Sie arbeiteten sehr hart, alle waren sehr gut organisiert und so diszipliniert“, sagt Chatmann. Er lernte Deutsch. Das bereitete ihm viel Freude. „Nicht viele schwarze Amerikaner sprachen Deutsch“, betont er. Rasch spricht er mit den Einheimischen – und weiß sein Lieblingsgetränk alleine zu bestellen: den Radler.

Chatmann war aber nicht nach Deutschland gekommen, um Urlaub zu machen. Er wollte Profi werden. Doch Chatmann spielte in der Liga für Mutterstadt. Das war nicht zwingend förderlich für sein Ziel. Chatmann spielte für den TCM an Position eins. Er hatte keine Widersacher. Schließlich stieg Mutterstadt mit dem amerikanischen Starspieler in die Oberliga auf – so hoch spielte der Klub noch nie. Doch für Chatmann war es immer noch nicht die richtige Herausforderung. Er gab Tennistraining. Und er suchte einen Manager, der ihm half, die Karriere zu planen, Turniere zu organisieren. Er fand ihn nicht. Wilhelm Spoor begleitete Chatmann ab und an auf Turniere, doch aufgrund seines Berufes bei der BASF war es ihm nicht möglich, Chatmann zu managen.

Der Durchbruch zum Profi glückte Chatmann letztlich nicht. Darüber ist er im Rückblick viele Jahrzehnte danach nicht traurig. Die Erfahrungen, die er in Mutterstadt sammelte, hielten ein Leben lang. Es war der Respekt, mit dem man Menschen begegnet, die Organisation, die Disziplin, die Chatmann imponierten. „Sie behandelten mich wie ein Rock-Star“, sagt er: „Ich wurde überall erkannt. Alle wollten mir etwas Gutes tun.“

Bank-Job von Arthur Ashe

1984 dann kehrte Chatmann in die USA zurück. „Als ich zurückkam, musste ich mich erst einmal an das neue Leben gewöhnen. Ich hatte quasi Jahre lang aus dem Koffer gelebt und war immer unterwegs. Nun ließ ich mich an einem Ort für eine lange Zeit nieder. Ich befürchtete, dass dies langweilig werden könnte“, schildert Chatmann.

So kam es aber nicht. Arthur Ashe, der erste Afroamerikaner, der für die USA im Davis-Cup spielte, organisierte Chatmann einen Job bei einer Bank. „Er dachte, ich bräuchte etwas Erfahrung in Wirtschaftsangelegenheiten“, sagt Chatmann. Zwei Jahre arbeitete er im Finanzsektor. Es zog ihn zurück zu seiner Liebe – dem Tennis. Chatmann wurde Direktor eines Tenniscenters in Richmond, Virginia. Der Generalmanager vertraute ihm – und er war überzeugt, dass alleine der Name Chatmann Kunden und Tennisfans locken würde. Die fehlende Erfahrung, so ein Tennis-Center zu leiten, spielte da zunächst eine untergeordnete Rolle. Chatmann arbeitete sich in die Materie ein und ist heute immer noch Direktor dort.

Gegen Connors gespielt

Populär wurde Junie Chatmann schon in jungen Jahren in North Carolina. Er war der erste afroamerikanische Tennisspieler, der an der dortigen Universität ein Tennis-Stipendium bekam. „Das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben. Ich wollte schon immer dort studieren, weil viele meiner Trainer dort studiert hatten und die Uni die Beste an der Ostküste war.“ Chatmann war zum damaligen Zeitpunkt die Nummer eins bei den Junioren in Virginia – und gehörte zu den Top 50-Junioren in den USA. Andere Unis lockten ihn ebenfalls. „Aber Carolina war DIE Universität für mich“, sagt er. Die Uni-Jahre waren in vielerlei Hinsicht Lehrjahre für ihn. Er lernte, selbstständig zu leben, musste seine akademische Ausbildung meistern und kam im Tennis enorm voran. „Es gab fünf anderen Spieler an der Uni, die viel besser waren als ich. Aber täglich mit ihnen zusammen zu sein, half mir enorm. Ich sah, wie sie trainierten, was sie aßen, wie sie dachten“, erzählt er.

Und so fasste Chatmann den Entschluss, es nach seinem Uniabschluss als Profi zu versuchen. Dabei spielte er gegen Stars wie Jimmy Connors, Illie Nastase, Roscoe Tanner, John Mc Enroe, Sandy Mayer, Vitas Gerulaitis oder Heinz Günthardt. Später dann landete er in der Pfalz, in Mutterstadt – und wurde der „Rock-Star“.

Junie Chatmann liebte den Tennissport.
Junie Chatmann liebte den Tennissport.
Der Amerikaner Chatmann war ein Netzspieler – ein sehr guter.
Der Amerikaner Chatmann war ein Netzspieler – ein sehr guter.
Wilhelm Spoor war Sportlicher Leiter
Wilhelm Spoor war Sportlicher Leiter
Junie Chatmann heute
Junie Chatmann heute
x