Ludwigshafen Der Mann, der den Jazz nach Moskau brachte

Power-Saxophonist: Mike Ellis im Haus.
Power-Saxophonist: Mike Ellis im Haus.

Das Konzert der „Jazz Lights“-Reihe mit dem Saxophonisten Mike Ellis war zugleich Auftakt für das Festival Jazz am Turm, das ab heute am Lutherturm fortgesetzt wird. Die Session im Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus brachte Zeiten und Musiker zusammen, die vor allem die Pianistin Regina Litvinova beeinflusst haben.

Mike Ellis ist ein Power-Saxophonist. Auf dem Sopran- wie auf dem Tenorsax entwickelt er eine enorme Energie. Seine schnellen Linien packen und schütteln die Zuhörer, es hat etwas von einen wilden Ritt auf einer Achterbahn, wenn man ihm zuhört. „Mike ist in den 1990ern nach Moskau gekommen und hat uns alle verrückt gemacht. Mit seiner Musik - und mit seinem Aussehen“, erzählt Regina Litvinova. Ellis war damals zusammen mit Christian Scheuber, dem Organisator der „Jazz Lights“, unterwegs. Die auffällige Frisur mit den rasierten Seiten und dem langen Nackenhaar hat Ellis noch immer, auch wenn das Haar inzwischen grau geworden ist. Damals hatte er für die russischen Musiker eine Menge Material mitgebracht. Das war nicht nur seine eigene Musik, er gab den Kollegen auch Bücher über Harmonielehre und Musiktheorie zu deren Weiterbildung. Dafür bedankte sich Regina Litvinova noch einmal ausdrücklich. Ellis ist ein musikalischer Weltreisender. Er besuchte das Berklee College, ging 1980 nach Europa. Hier lebte und arbeitete er in Frankreich, dann zog er weiter nach Tokio. Nach gut zehn Jahren dort kehrte er nach Paris zurück, war dann wieder in New York, von wo aus er nach Moskau reiste. Dort arbeitete er mit russischen Musikern und spielte auch auf einem Festival für Neue Musik, von dem er eine nette Anekdote erzählte: „Da waren eine Menge klassisch ausgebildeter Musiker, die sehr anspruchsvolle Sachen spielten. Ich war der einzige Jazz-Typ dort. Als ich dran war, improvisierte ich über eine Tonleiter, die Alexander Skrjabin entwickelt hatte. Die Klassikmusiker waren sehr beeindruckt. Dann kamen sie zu mir und wollten die Noten haben...“ Die gab es natürlich nicht, Ellis hatte ja improvisiert. Wie das geklungen haben könnte, führte er mit Regina Litvinova vor. Die Skrjabin-Tonleiter ist Jazzern geläufig, sie kennen sie als eine modifizierte Dominant-Skala. Sie wirkt besonders instabil, der Klang treibt ständig weiter. Ellis hatte für Litvinova nur ein paar Skizzen zum dynamischen Verlauf angefertigt, dann improvisierten die beiden. Wie sie den Charakter dieses Tonraums erkundeten, war spannend zu hören. Ellis freute sich besonders, dass er endlich mal mit dem Weltklassepianisten Richie Beirach zusammenspielen konnte. Das klappte, weil Beirach jetzt in Heßheim lebt und Ellis wieder in Paris. Beirach, der vor kurzem 70 Jahre alt wurde, hatte ebenfalls Spaß am Zusammenspiel. Der moderne Sound des Saxophonisten trifft sich bestens mit Beirachs Gebrauch farbiger Harmonien. Mit Beirach und Ellis waren die beiden wichtigsten Mentoren Regina Litvinovas zusammen mit ihr auf der Bühne. Am Schlagzeug saß Tobias Frohnhöfer, der virtuos die Energie, die in der Luft lag, aufgriff und verstärkte.

x