Mannheim
Der Letzte macht das Licht aus: Künstler müssen ihre Ateliers am Trafowerk räumen
An das Wohin mag Binzer sowieso noch gar nicht richtig denken. Es ist eher das Warum, das ihn stört. Ende Juni wurden ihm wie anderen Künstlern die Räumlichkeiten im Atelierhaus am Trafowerk gekündigt. Dann wurde bekannt, dass das Nationaltheater Interesse an dem Objekt in Käfertal besitzt. „Es darf doch nicht sein, dass die eine Kultur die andere verdrängt. Corona ist für uns Künstler ohnehin schon ein Katastrophenjahr. Es stirbt gerade etwas, die existenzielle Bedrohung wird für viele immer realer“, sagt Binzer.
Künstler und Musiker in guter Nachbarschaft
Knapp die Hälfte der Künstler und Musiker sei aus dem 2000 Quadratmeter großen Atelierhaus schon ausgezogen. Manche Kollegen nutzten ihre Räume in der Boveristraße eher als Hobby, zum kreativen Zeitvertreib. Binzer aber lebt von seiner Kunst. Vor allem in Frankfurt, München und Hamburg verkauft er seine Werke. 2007 zog er als Erster in das verlassene Verwaltungsgebäude von Brown, Boveri & Cie (BBC) ein. Lichtdurchflutet, ruhig, typischer Industriecharme. „Es war günstig, groß und abgelegen“, erinnert er sich. Kalt zwar, aber stabil gebaut, verliebte er sich schnell in die in drei Räume unterteilten 200 Quadratmeter im dritten Stockwerk. „Ich muss in Ruhe arbeiten, erst dann entwickelt sich Kunst“, sagt Binzer. Als dann die ersten Musiker eine Etage tiefer einzogen, war es dennoch kein Problem. Der Maler arbeitet nur bei Licht, die Musiker für gewöhnlich erst am Abend. Somit gab man sich nicht nur die Klinke in die Hand, sondern auch etwas Geselligkeit und Sicherheit.
Richtige Freundschaften sind aber erst in der Not der vergangenen Wochen entstanden. Gemeinsam wurden Demonstrationen und Konzerte organisiert, um auf die missliche Lage hinzuweisen. „Es ist gerade im Haus etwas zusammengewachsen, dieser Zusammenhalt soll weiterleben, egal wo“, sagt Markus Rendl, Sänger der Rockband NEEN. Hauptberuflich ist er Unternehmensberater, Musik aber ist seine Leidenschaft. Und nun treibt ihn der Erhalt der Subkultur um. „Es ist eine Zerschlagung einer ganzen Szene und nicht mehr nur existenzbedrohend, sondern existenzvernichtend“, sagt er ob des Gefühls, für den Einzug einer anderen Kultursparte rausgeschmissen zu werden.
Fehlender Brandschutz als Kündigungsgrund
Als Kündigungsgrund wurde der mangelnde Brandschutz angegeben. Die letzte Tüv-Untersuchung erfolgte 2019, als marode empfinden der Musiker und der Maler das Gebäude nicht. Auch der Proberaum von NEEN ist in einem guten Zustand. Die Wände sind noch fast so weiß wie beim Einzug. Mit Couch, Boxen, Percussions, E-Gitarren und Schlagzeug haben sich in sechs Jahren immer mehr Instrumente und Equipment angehäuft. „Es gibt hier eine gute Security und klare Sicherheitsvorkehrungen. Eigentlich ist es ein Top-Ding“, bedauert Rendl die Kündigung.
Gemeinsam mit der Stadt habe man sich nach Immobilien umgesehen, und auch finanzielle Unterstützung sei zugesagt worden. „Aber die Objekte waren zu teuer oder unbrauchbar. Und es blieb unklar, wie viel der Mietkosten übernommen wird“, sagt der Musiker. Die Wochen seien verstrichen, ohne dass etwas konkret passierte. „Jetzt müssen wir selbst schauen, nach leeren Hallen oder einem alten Fabrikgelände.“ Am liebsten würde man gemeinsam als große Künstler-WG umziehen und den Geist des Atelierhauses an anderer Stelle weiterleben.
Neben dem Rock-Theater ist auch der größte Mitbewohner bereits ausgezogen. Das RaumZeitLabor – ein Computer- und Hacker-Verein, der zu Ess- und Mottopartys wie „Nerd am Herd“ einlädt, aber auch 3D-Druck-Sessions, Programmier-Workshops bis hin zu Super-Mario-Kart-Turniere veranstaltet – wird ein paar Blocks weiter in der Weinheimer Straße Quartier beziehen.
In Binzers Atelier stapeln sich derweil die Leinwandgemälde an den Wänden. Hinzu kommen Graphiken und Radierungen. „Vielleicht sind es 1000 Kunstwerke“, schätzt er. Schwer vorstellbar, wie viele Umzugswagen anrücken müssen. „Es muss alles einzeln verpackt werden, es ist kein gewöhnlicher Umzug“, sagt er. Und wirkt trotz allem immer noch gut gelaunt. Stolz präsentiert er seine bunten Werke. Doch in seinem Inneren, sagt er, sehe es anders aus. „Ich streife seit Wochen wie ein Tiger umher. Zum kreativen Arbeiten fehlt mir die Ruhe.“ Dabei ist es so ruhig wie schon lange nicht mehr, im Atelierhaus in der Boveristraße. Zu ruhig. Manfred Binzer wird wohl einer der Letzten sein, der Ende Oktober das Licht ausmacht.