Ludwigshafen Der lange Weg nach Hause

Fotos von dem Haus in Ludwigshafen-Mundenheim, in dem die Familie lebte, und das in der Nacht vom 9. auf 10. August 1943 bei ein
Fotos von dem Haus in Ludwigshafen-Mundenheim, in dem die Familie lebte, und das in der Nacht vom 9. auf 10. August 1943 bei einem Luftangriff schwer beschädigt wurde.

«LUDWIGSHAFEN.» Rudi Dickgießer, der heute in Mutterstadt lebt, wurde 1929 in Schwegenheim geboren, wo er zusammen mit drei Geschwistern „sehr behütet“ aufwuchs, wie er erzählt. Ab 1932 lebte die Familie in der Gemeinde im heutigen Landkreis Germersheim in einem eigenen Häuschen. Weil es in Schwegenheim damals weder Wasserleitungen noch ein Abwassernetz gab, musste das Wasser noch mit Eimern vom Gemeindebrunnen geholt werden, erinnert sich Dickgießer. Rückblickend und vor allem im Vergleich zu den bald folgenden Jahren des Zweiten Weltkriegs seien dies aber „paradiesische Zustände“ gewesen. Als der Vater des jungen Rudi zum Werkmeister bei der BASF aufstieg, musste die Familie wegen der Residenzpflicht der Aniliner nach Ludwigshafen umziehen. Ab November 1938 war Mundenheim die neue Heimat des damals Neunjährigen. „Es kam mir vor, als sei ich in eine andere Welt versetzt worden“, erzählt Dickgießer. Er sei unglücklich gewesen, die ländliche Idylle gegen die Stadt eintauschen zu müssen, woran auch das viel modernere Haus, in dem die Familie nun lebte, nichts habe ändern können. Und besser wurde es nicht, weil in der Stadt auch die Strukturen des NS-Staates viel eher griffen als vielerorts auf dem Land. Mit zehn Jahren kam der junge Rudi zum Jungvolk, später zur Hitlerjugend, mit 17 Jahren folgte die Verpflichtung zum Reichsarbeitsdienst. Der Krieg kam schließlich über Nacht, als die Familie Opfer einer der unzähligen Luftangriffe auf Ludwigshafen wurde. In der Nacht vom 9. auf 10. August 1943 „bombardierten die Alliierten um kurz nach Mitternacht für etwa eine Stunde unseren Wohnort“, erzählt der Senior. Die Detonationen seien so heftig gewesen, dass sie das massive Wohnhaus immer wieder schwer erschüttert hätten. Irgendwann habe es eine laute Explosion gegeben, „und als wir kurz nach draußen eilten, sahen wir, dass das Dachgeschoss unseres Hauses so wie vieles andere in der Gegend in Flammen stand“. Nachts in Scheunen geschlafen Sein Vater und seine Brüder, die Zwillinge waren, hätten sofort versucht, den Brand mit Wasser und Sand zu löschen. Aber vergebens. Das Dachgeschoss wie auch das Obergeschoss des Hauses seien nicht mehr zu retten gewesen. Er selbst habe bei der Brandbekämpfung deshalb nicht helfen können, weil er kurz zuvor bei einem Fahrradrennen gestürzt sei und sich das Handgelenk gebrochen habe, erinnert sich Dickgießer. Allerdings habe er beim hektischen Ausräumen des brennenden Obergeschosses ein wenig helfen und unter anderem den Kanarienvogel retten können. Den habe nicht allzu lange Zeit später dann aber die Hauskatze gefressen. Bei dem verheerenden Fliegerangriff habe es viele Tote und noch mehr Verletzte und Obdachlose gegeben. Zu Letzteren gehörten auch die Dickgießers, die daraufhin nach Schwegenheim zurückkehrten. Weil aber auch der junge Rudi damals bereits in Ludwigshafen arbeitete, „mussten wir nun täglich mit dem Gäubähnchen hin und her fahren“. Das sei nicht selten lebensgefährlich gewesen, nicht zuletzt wegen der Tiefflieger, die ab 1944 auf alles geschossen hätten, was sich am Boden bewegte. Schließlich wurden Rudi Dickgießer und dessen beide ein Jahr älteren Brüder im März 1945 auch noch zum sogenannten Volkssturm einberufen. Alle noch in der Heimat verbliebenen Männer zwischen 16 und 60 Jahren sollten damals dafür sorgen, die an allen Fronten durchbrechenden feindlichen Armeen doch noch aufzuhalten und den längst schon verlorenen Krieg zum Endsieg zu führen. Mit seinen Brüdern und einem Freund habe er sich dafür in einem Sammellager im hessischen Bensheim melden müssen. Während die älteren Brüder bis nach Isny ins Allgäu gemusst hätten, sei die Gruppe, der er und sein Freund angehörten, „mit schwerem Gepäck und Ausrüstung durch die Fluren und Wälder des Odenwalds geführt worden“. Nachts habe man, bewacht von den Ausbildern, bei Bauern in Scheunen und Schuppen geschlafen. Getarnt über Schleichwege Fast jede Nacht seien Kameraden desertiert, „am späten Abend des 22. März flohen dann auch mein Freund und ich“, erzählt Dickgießer. Über Heidelberg, wo die Schwester des Freundes wohnte, wollten sie über die Rheinbrücke bei Speyer zurück nach Schwegenheim. Lastwagen der Wehrmacht hätten sie unterwegs jeweils ein Stück mitgenommen, bis sie gegen 5 Uhr am Morgen des 23. März Heidelberg erreichten. Auf der Handschuhsheimer Landstraße seien ihnen plötzlich zwei Feldgendarme entgegengekommen. Diesen hätten sie erzählt, nur kurz die Schwester besuchen und danach zurück zu „unserer Einheit“ zu wollen. Nach einem Kurzbesuch bei der Schwester des Freundes „liefen wir eiligst weiter und erreichten gegen 11 Uhr die Rheinbrücke“, erzählt der 90-Jährige. Die gab es aber als nutzbare Flussüberquerung nicht mehr, weil deutsche Soldaten diese vor den herannahenden Amerikanern in die Luft gesprengt hatten. „Wir kamen also nicht weiter, hörten in der Ferne Kanonendonner und sahen in Richtung Schwegenheim Rauchfahnen aufsteigen“, berichtet Dickgießer. Also kehrten er und sein Freund zu dessen Schwester zurück, um sich dort zu verstecken. „Als die Amerikaner am 30. März in die Stadt einmarschierten, waren wir gerettet.“ Nach Schwegenheim zurück konnten sie aber noch nicht, weil die Militärbehörden eine Ausgangssperre verhängt hatten. Dickgießer blieb mehrere Wochen in Heidelberg und erlebte dort auch seinen 16. Geburtstag am 8. April 1945. Dann seien sein Freund und er als Feldarbeiter getarnt auf Schleichwegen zurück in die Heimat gegangen. Ein Fischer aus Brühl habe sie damals – verbotenerweise – über den Rhein gerudert. Einige Wochen später seien auch die Brüder aus Isny nach Hause zurück gekommen. „Wir alle hatten den Krieg überlebt“, sagt Dickgießer mit einem Strahlen. Die Wiedersehensfreude insbesondere bei den Eltern sei unbeschreiblich gewesen. Wenige Tage später, am 8. Mai, war der Krieg vorbei.

Rudi Dickgießer
Rudi Dickgießer
x