Ein Bild und seine Geschichte
Der Krug, der aus der Tiefe kam
Die Freude ist Björn Berlenbach, dem Leiter des Tiefbauamts, richtig anzumerken: Eine alte Gerolsteiner-Flasche aus den 1950er-Jahren ist auf der Baustelle ans Tageslicht gekommen. Weitestgehend intakt. Damals habe der Mineralwasser-Hersteller offenbar noch keine Glasflaschen verwendet, so Berlenbach. Das Fundstück sei aus Steingut.
Dass Fundstücke wie diese überhaupt so unversehrt die Bohrungen überstehen, liegt an der Technik, die auf dem Baufeld zum Einsatz kommt. Der Riesenbohrer treibt einen fassgroßen Stahlzylinder in die Erde, dann wird am unteren Ende eine Klappe geschlossen und der Zylinder nach oben gezogen. Was sich im Inneren befindet, wird also nicht von einem Bohrkopf zertrümmert. Stück für Stück frisst sich der Bohrer damit bis auf 20 Meter Tiefe.
Besteck und Weinflaschen entdeckt
Dann gibt es eine weitere Besonderheit: Was zutage gefördert wird, muss untersucht werden. Immerhin besteht eine Möglichkeit, dass das Erdreich mit Chemierückständen verunreinigt ist. Und bei den Untersuchungen fand man eben jene Gerolsteiner-Flasche aus Steingut. Besteck und Weinflaschen kamen auch schon ans Licht. Weggeworfen vor vielen Jahrzehnten.
Man kennt es aus Dokus über Ausgrabungen in Ägypten und Griechenland: Je teifer die Erdschicht, aus der ein Fundstück kommt, desto älter ist der Fund. Nun sind auf der Baustelle in Ludwigshafen keine Archäologen mit Schäufelchen und Pinsel im Einsatz, sondern ein riesiges Bohrgerät mit 160 Tonnen Eigengewicht. Auf Feinheiten wird da nicht geachtet. So ist auch die exakte Tiefe nicht bekannt, aus der das Steingut-Gefäß stammt. Berlenbachs Schätzung auf die 1950er-Jahre gilt es zuerst zu überprüfen.
Anfrage bei Gerolsteiner in der Eifel: Ist die Flasche ein archäologischer Fund? Die Antwort ist zunächst geradezu elektrisierend: „Die Krüge waren bei uns vom Jahr unserer Firmengründung 1888 bis zur Jahrhundertwende in Gebrauch und wurden damals ähnlich wie Weinflaschen mit einem Korken und einem zusätzlichen Wachsdeckel verschlossen. Ab 1900 haben wir dann nach und nach auf Glasgebinde und andere Gebinde umgestellt – und die gibt es, natürlich in moderner Form, bis heute“, antwortet Pressesprecherin Simone Licht. Das heißt: Die Flasche – von Gerolsteiner selbst Tonkrug genannt – ist glatt 50 Jahre älter, als ursprünglich gedacht.
Reger Handel auf Online-Plattformen
Dass der Bohrer in Ludwigshafen aber ein wertvolles Artefakt an die Oberfläche geholt haben könnte, das kann man in der Eifel nicht bestätigen: Immer wieder tauche „einer unserer Tonkrüge aus der Vergangenheit“ auf, so Licht. Seltenheistwert habe der Fund in Ludwigshafen nicht. Aber: Man freue sich „doch jedes Mal mit den Finderinnen und Findern“, wenn ein Stück Firmengeschichte auftauche.
Kann man mit der Flasche vielleicht doch etwas für die klamme Stadtkasse erreichen? Erweiterte Recherche bei Ebay. Die Steinzeug-Flaschen verschiedener Hersteller werden tatsächlich rege auf der Online-Plattform gehandelt. Stückpreise zwischen 30 und 59 Euro werden aufgerufen. Für die Stadtkasse ist das keine gute Nachricht. Aber es erklärt vielleicht, wie das Gerolsteiner-Gebinde aus der Eifel einst nach Ludwigshafen kam – und wie es in einer Erdschicht aus den 1950ern landen konnte. Die schmucken Flaschen scheinen seit jeher eine Attraktivität als Vase oder Zierstück zu haben. So kann es sein, dass eben jener Tonkrug ein zweites Leben als Vase fristete, bevor er schließlich weggeworfen wurde.
Nun ist das gute Stück wieder da und wird von der Bauabteilung verwahrt. Ob als Vase oder nur als Anschauungsobjekt – man wird sehen.