Ludwigshafen „Der Hörer soll in eine Phantasiewelt abtauchen“
Kraftvolle Melodien, wabernde Synthesizer und blubbernde Sequenzer – und alles in mystisch blauem Licht: Das ist Christopher von Deylen alias Schiller. Seine Musik, die sich auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch bewegt, hat in Form von bisher sieben Millionen Alben ihren Weg zum Käufer gefunden. „Future“ lautet der bedeutungsschwangere Titel seines neuesten Werks. Wir haben von Deylen in Hamburg getroffen und erfahren, was der experimentierfreudige Musiker von singenden Robotern hält und wie die Wüste sein Leben verändert hat
In Berlin habe ich manchmal fünf Tage lang nicht die Wohnung verlassen. All das, was eine Großstadt ausmachte, empfand ich zunehmend als Ablenkung und etwas, das mich eher vom Weg abbringt. Aber nach der letzten, ausgiebigen Schiller-Tournee mit 50 Konzerten habe ich ein Zuhause gar nicht vermisst. Auf einmal war es ein ganz merkwürdiges Gefühl, in einer festen Umgebung zu sein. Daraufhin entschied ich mich, meinen Besitz bis auf den Inhalt zweier Koffer wegzugeben. Seitdem bin ich selbstgewählt heimatlos (lacht). Auf einmal konnte ich in die Welt hinaus reisen, ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen, wer zuhause die Blumen gießt. Das endete in einem fast zweijährigen Aufenthalt in Amerika. Es war aber kein vorsätzliches Auswandern, sondern der Versuch, den Freiheitsgrad zu maximieren. Wie haben Sie in den USA gelebt? Ich wohnte überwiegend am Rande der Mojave-Wüste und war ab und zu in Los Angeles, um mich mit anderen Künstlern zu treffen. Ich habe auch mal alleine in der Wüste gezeltet. Das hört sich romantisch an, ist es aber nicht immer. Es gab dort nichts Wesentliches zu bestaunen, doch gerade die Abwesenheit von allem zog mich an. Es war mir ein Bedürfnis, die Freiheit auszukosten. Ich bin auf dem Land groß geworden. Lange Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich mich jemals vom Landleben wieder angezogen fühlen könnte. Aber der Mensch kommt ja letztendlich aus der Natur. Hat sich dieses Freiheitsgefühl auch in Ihrer Musik niedergeschlagen? Ja. Ich glaube, der Szenenwechsel von der Großstadt zur Natur hat auch meiner Musik neue Impulse gegeben. In der Kargheit der Wüste sehe ich eine starke Analogie zu einem weißen Blatt Papier. Das hat mir geholfen, mich vielleicht etwas unbefangener auszudrücken. Mit den Vorgängeralben „Opus“ und „Symphonia“ habe ich mich etwas seitwärts bewegt, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen soll. Nach „Sonne“ konnte ich nicht einfach weitermachen, hatte ich doch das Gefühl, dass das Schiller-Konzentrat über die Jahre dünnflüssiger geworden war. Ich hoffe, ich habe meine Klangvorstellungen auf „Future“ so hinbekommen, wie ich es wollte. Haben Sie die Ideen, die Ihnen in der Wüste kamen, unmittelbar in Klänge umgesetzt? Die Teile, bei denen ich mit Gastkünstlern zusammengearbeitet habe, sind überwiegend in Los Angeles entstanden. Das waren gezielte Expeditionen in die Großstadt. Die Aufnahmen habe ich dann mit in die Wüste genommen und dort über Monate „verschillerisiert“. So lange habe ich noch nie an Stücken gearbeitet. Neu sind die vielen kleinen Details unter und zwischen den Melodiebögen. Dadurch ist die Musik filmischer geworden. Der Titeltrack „Future“ zum Beispiel weist 300 verschiedene Klangereignisse auf, die ich auf der Straße, im Auto oder im Fahrstuhl aufgenommen habe. Ich kann nur wärmstens empfehlen, sich das Album unter einem Kopfhörer anzuhören. Wie war die Zusammenarbeit mit den musikalischen Gästen? Sehr offen! Die 17-jährige Kéta zum Beispiel ist bereits eine „alte Seele“. Nachdem ich mit ihr zwei Songs aufgenommen hatte, fragte sie mich am vierten Tag: „Ach übrigens, was hast du eigentlich vor?“ Kéta hat mir sehr geholfen, die eigene Neugier zu kultivieren. Ist Kéta Jo McCues für Sie die Zukunft der Popmusik? Es gibt auf diesem Album viele junge Protagonisten. In einigen habe ich mich selbst wiedererkannt, weil ich schon relativ früh wusste, dass ich leidenschaftlich Musik machen wollte. Ich hatte also gar keine andere Wahl. Was ist die Zukunft für Sie? Ein bestimmtes Lebensgefühl, das uns hier und da ob der Hyperrealität, in der wir leben, abhandengekommen ist. Ich liebe die moderne Welt, aber das Dauerstreaming der Welt und des Lebens in Echtzeit ist zunehmend immanent, man möchte alles verfolgen und aufsaugen. Aber das funktioniert ja nicht, und wir haben in jedem Moment das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich habe zunehmend gespürt, dass der Blick in die Zukunft dabei etwas verblasst. Mein Album soll dem Hörer im Idealfall die Möglichkeit bieten, dem Alltag zu entkommen und in eine Phantasiewelt abzutauchen. Begehren Sie mit diesem Projekt nicht nur gegen den Lauf der Zeit auf, sondern betreiben Sie auch musikalische Zukunftsforschung? Nein. Musikalische Zukunftsforschung ist wahnsinnig schwierig. Wenn man sich heute anguckt, wie man sich 1950 das Jahr 2000 vorgestellt hat, muss man schmunzeln. Selbst die Überlegung, wie die Welt im nächsten Jahr aussehen könnte, wird von der Realität eingeholt – oder eben auch nicht. Bei Musik kann man auch nichts hochrechnen. Mein Album ist nicht als Science Fiction gedacht, eher als das große und das kleine Morgen. Mit welcher Technik haben Sie gearbeitet? Natürlich sehr viel am Computer und mit einigen analogen Synthesizern. Es geht mir dabei nicht darum, zu sagen: Alles, was neu ist, ist besser, nur weil es neu ist. Quasi als Gegenbewegung dazu habe ich die fertig gemixten Stücke auf eine Telefunken-Bandmaschine von 1979 überspielt. Das war hochkompliziert, aber es war den Aufwand wert. Weil dabei mit dem Klang irgendwelche geheimnisvollen Dinge passieren, die einem selbst Toningenieure oder Messgeräte nicht erklären können. Auch wenn der Ton dadurch rein physikalisch leidet – es rauscht und die Frequenzen verschieben sich etwas -, empfand ich den Klang danach subjektiv als angenehmer, offener und transparenter. Projizieren Sie in Ihre Synthesizer und Musik-Computer schon jetzt eine Art Seelenleben hinein? Das sind jedenfalls keine seelenlosen Maschinen. Maschinen sind immer dann am besten, wenn sie nicht funktionieren und etwas tun, was man von ihnen gar nicht gewollt oder erwartet hat. Es gelingt in den seltensten Fällen, dass man aus den Maschinen genau das herausbekommt, was man sich wünscht. Menschliches Versagen empfindet man immer als das Eigenleben der Maschinen. Dieses Unkalkulierbare versuche ich zuzulassen. Die Zusammenarbeit mit Ihrem Labelkollegen Samu Haber wirkt etwas kalkuliert. Wir wollten schon vor zehn Jahren etwas zusammen machen, das hat aber nicht funktioniert. Jetzt habe ich ihn wieder gefragt - obwohl er beim selben Label ist wie ich. Es gibt einfach nicht so viele männliche Stimmen, die in diesen musikalischen Kontext hineinpassen. Anonym hingegen war die Zusammenarbeit mit Hollywoodstar Sharon Stone. Wie kam es dazu? Sharon Stone hat mich über ihren Agenten ausfindig gemacht. Ich fand das ausgesprochen bizarr, denn ich kannte sie logischerweise nur als Schauspielerin. Aber offensichtlich hat sie auch das Bedürfnis zu schreiben. Ihr Text „For You“ hat mich sofort in seiner emotionalen Schnörkellosigkeit berührt. Als ich den Song vollendet hatte, schickte ich ihr einen versteckten YouTube-Link. Am nächsten Tag war er bereits 71-mal abgerufen worden. Das Ganze hatte etwas Surreales. Ein „Blind Rendezvous“. (lacht) Der Berliner Künstler Karl Heinz Jeron hat einen Roboter mit künstlicher Intelligenz gebaut. Er heißt Sim Gishel und kann Sachen, die kein menschlicher Sänger kann, zum Beispiel einen Ton endlos lange halten und mehrstimmig singen. Könnten Sie sich eine Zusammenarbeit mit Sim Gishel vorstellen? Eindeutig nein! Wenn Technik einem lästige Dinge abnimmt, ist das toll. Aber es gibt keinen Grund, gewisse Dinge durch Maschinen zu ersetzen. Dazu gehören das Singen und das Komponieren. Sicherlich ist das eine beeindruckende Demonstration des Möglichen, aber damit würde man etwas ersetzen, was man gar nicht zu ersetzen braucht. Beim Auto hoffe ich auf künstliche Intelligenz, in der Kunst jedoch nicht. Man könnte im Prinzip auch mit längst verstorbenen Schauspielern Filme drehen. Aber warum sollte man dies tun? Ich hoffe eher, dass die menschliche Regung wieder mehr Platz bekommt. Wie reist man nach solchen Erfahrungen wieder zurück in die Heimat? Hat die Wüste Einfluss auf Ihr zukünftiges Leben in der Großstadt? Ich weiß noch nicht, welchen. Dafür ist es noch nicht lange genug her. Aber eines weiß ich schon jetzt: Die Abwesenheit von Dingen ist für mich selbstverständlich geworden. Es fehlt mir im Moment an nichts. Gleichzeitig kann ich es nicht abwarten, wieder Musik zu machen. Termin Am Freitag, 7. Oktober, um 20 Uhr in der Mannheimer SAP-Arena. Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie online unter www.eventim.de. | Interview: Olaf Neumann