Ludwigshafen Der ewige Geheimtipp

Cooles Sakko: Frontmann Markus Berges mit dem Bassisten Ekki Maas und Schlagzeuger Christian Wübben.
Cooles Sakko: Frontmann Markus Berges mit dem Bassisten Ekki Maas und Schlagzeuger Christian Wübben.

In über 20 Jahren ihres Bestehens hat die Kölner Band Erdmöbel eine ganze Reihe sogenannter Jahresendlieder veröffentlicht. Ergänzt um ein paar Hits und neue Nummern, ist das Repertoire groß genug für eine eigene Weihnachts-Tour. Deren Auftakt im Mannheimer Theaterhaus G7 geriet warmherzig und wunderschön.

Irgendwie sind Erdmöbel immer so dazwischen. Ihre regelmäßig veröffentlichten Weihnachtshits sind Lieder für Leute, die Weihnachten nicht mögen, aber auf ein bisschen Gefühl und Besinnlichkeit doch nicht verzichten können. Die Werke der Band lösen bei Musikkritikern bisweilen hymnische Begeisterung aus, der kommerzielle Erfolg ist dann doch wieder überschaubar und ein Theaterraum mit 80 Sitzplätzen der richtige Rahmen. Und: Sie sind, wie es Sänger und Frontmann Markus Berges ausdrückt, total cool uncool. Es ist zum Beispiel extrem cool uncool, am Merchandise-Stand T-Shirts mit Waschmaschinen drauf zu verkaufen, auf denen nicht einmal der Name der Band steht. Oder selbst ein Sprüche-Shirt mit der nur zu erahnenden John-Lennon-Gedächtnisaufschrift „War is over“ zu tragen und diese Botschaft auch noch durch ein längs gestreiftes Sakko zu verdecken. Mit fast dem kompletten Publikum eine Polonaise einmal ins Foyer, wieder zurück und noch einmal rundherum zu machen, könnte unter anderen Umständen – und gerade weil die Band aus Köln kommt – als uncoole Karnevals-Einlage verbucht werden, hat aber an diesem Abend ganz wunderbar ins Programm gepasst. Ja, vielleicht sind Erdmöbel zu sehr Indie-Pop, als dass es für den ganz großen Erfolg reichen würde. Hätten sie ihn, würden sie vermutlich nicht mehr in einem kleinen Mannheimer Hinterhoftheater spielen, in dem das Publikum mindestens so laut die „Mitsingteile“ bestreitet wie die Band vorher die Strophen, und das wäre wiederum auch ein Verlust. So große Kunst zu erleben in so einem intimen Rahmen: Dieses Glück hat man wahrlich nicht oft. Für die Band um den Preis, wahrscheinlich für immer ein Geheimtipp bleiben und den Lebensunterhalt in bürgerlichen Jobs verdienen zu müssen. Markus Berges, der Mann mit dem längs gestreiften Sakko, ist ein charismatischer Frontmann, der in zweierlei Hinsicht über eine ganz eigene Stimme verfügt. Zum einen ist da dieser besondere Gesang. Expressiv kann man ihn nennen, voller Schmelz, manchmal quäkend. Und dann sind da diese besonderen Songtexte, aus denen er spricht, diese schwurbeligen Wortspiele, diese Bilder, die manchmal nicht funktionieren würden, hätten sie nicht etwas so Schräges. Seit einigen Jahren schreibt Berges auch längere Texte, zwei Romane hat er bisher veröffentlicht. Erdmöbel wären aber auch nicht denkbar ohne Ekki Maas, der den tollen Texten und Melodien als Produzent den musikalischen Schliff verleiht. Als Bassist stand er neben Berges auf der Bühne und sah aus wie der liebe Onkel, der für den Auftritt als Weihnachtsmann nur noch einen roten Mantel gebraucht hätte. Im Hintergrund saßen Wolfgang Proppe ausnahmsweise an einem echten Klavier und Christian Wübben am Schlagzeug, warfen manchmal kleine Christbaumkugeln nach vorn oder einen Spruch. Manch ein Mann im Publikum versuchte genauso cool oder uncool oder wie auch immer zu sein und rief irgendeinen Blödsinn zurück. Vor allem aber wurde gesungen, lauthals und ohne Hemmungen, weihnachtliche Chormusik der etwas anderen Art: „La-La-Lametta“ und „Nonstop Christmas“, „Ding Ding Dong“; und zu „Goldener Stern“ wurde ein alberner Tanz aufgeführt, den sich Kölner Kinder ausgedacht hatten: die Hände gefaltet und zum Kopf geführt, und dann einmal um die eigene Achse drehend. Zwischen diesen herrlichen Albernheiten, zwischen Fräulein Frost und dem letzten deutschen Schnee, gab es immer wieder Tiefgang, zum Weinen schöne Liebeslieder wie „Wort ist das falsche Wort“ oder die neue Single „Hoffnungsmaschine“. Ganz am Ende sangen Band und Publikum gefühlte zehn Minuten lang „Nah bei dir“, so schön und so traurig, weil danach schon wieder alles vorbei war.

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