Heidelberg RHEINPFALZ Plus Artikel Der erste Todesschuss: Fotograf Wolfgang Steche dokumentiert Weltgeschichte

Jahrzehnte als Pressefotograf haben bei Wolfgang Steche viele Spuren hinterlassen: in seiner Erinnerung und in unzähligen Ordner
Jahrzehnte als Pressefotograf haben bei Wolfgang Steche viele Spuren hinterlassen: in seiner Erinnerung und in unzähligen Ordnern im Regal.

Willy Brandt und Helmut Schmidt, Wolf Biermann und Günter Grass: Wolfgang Steche hatte sie alle vor seiner Kamera. Zurzeit ist der 76-jährige Heidelberger damit beschäftigt, sein Archiv zu ordnen. Und ist manchmal selbst überrascht davon, was er alles erlebt hat.

Vielleicht ist es nur Zufall. Vielleicht gibt es aber auch eine besondere, geheimnisvolle Fähigkeit, die nur wenige haben. Wolfgang Steche hat sie: die Begabung, immer wieder zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Am Mittag des 18. April 1974 zum Beispiel war er gerade am Hamburger Steindamm unterwegs, als die Commerzbank-Filiale überfallen wurde. Vom Büro seiner damaligen Frau aus, die im Gebäude gegenüber arbeitete, konnte er in Bildern das Ereignis festhalten, das Polizeigeschichte schreiben sollte: Zum ersten Mal wurde der sogenannte finale Rettungsschuss – der gezielte Todesschuss – eingesetzt.

Anfang vom Ende des DDR-Regimes

Oder am Abend des 13. November 1976 in Köln. Wolfgang Steche besuchte ein Konzert von Wolf Biermann – das erste seit einem zwölfjährigen Auftrittsverbot. Anschließend sollte der DDR-Liedermacher ausgebürgert werden. Am 9. November 1989 war er – natürlich – gerade in Berlin. Als er den heute berühmten Satz Günter Schabowskis hörte („Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“), rannte Steche zum Grenzübergang Invalidenstraße. „Es war wie ein Dammbruch“, erinnert er sich. „Alle haben geheult. Ich auch.“ Und dann fotografiert. Viele Jahre später habe er ein Bild bekommen, das ihn selbst in dieser Nacht zeigte, als einen von den vielen Menschen, die den Anfang vom Ende des DDR-Regimes feierten.

Und immer wieder „Der Spiegel“

Es sind die Geschichten hinter den Bildern, die Steche immer am meisten interessiert haben. Und an die er sich heute erinnert, wenn er an einem seiner beiden großen Rechner sitzt und sichtet, scannt und sortiert. Dann fällt ihm vieles wieder ein, das passiert ist – und manchmal kann er gar nicht glauben, dass er wirklich überall dabei war. Aber es steht in großen Buchstaben auf unzähligen Ordnern in seiner Wohnung im Heidelberger Stadtteil Rohrbach: „Tito Jugoslawien 1980 Beerdigung“. Oder „Kissinger/Grass/Kohl/Biermann 1983“. Auf einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers hat er Titelbilder ausgebreitet – „Bunte“, „Geo“, „Die Zeit“, „Stern“ und vor allem und immer wieder: „Der Spiegel“.

Nach Jahrzehnten an Orten, in denen sich deutsche und manchmal Weltgeschichte abspielte, ist Steche 2007 nach Heidelberg gezogen, um im Auftrag eines Unternehmens ein Bauprojekt zu dokumentieren. Er ist geblieben. Ganz in der Nähe, in Ladenburg, wurde er geboren, am 29. September 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg. Bis er in der zweiten Klasse war und mit seiner Familie nach Hameln zog, lebte er in der Heidelberger Weststadt. Und hier begann seine Leidenschaft für die Fotografie.

Der alte Koffer mit Glasplatten

Auf einem Müllplatz hatte der kleine Wolfgang einen alten Koffer mit belichteten Glasplatten gefunden „und drei Kilometer nach Hause geschleppt“. Als die Mutter von ihrem Dienst als Krankenschwester nach Hause kam, war sie angeekelt von den stinkenden Teilen und warf sie weg. „Das hat mich unglaublich tief getroffen“, erinnert sich der 76-Jährige. Aber damit sei seine Begeisterung für die Fotografie geweckt gewesen. Die erste Kamera, der erste Diafilm – er erinnert sich noch genau an seine Faszination für diese Dinge.

Trotzdem entschied er sich erst einmal für einen anderen Beruf: den des Teppichwebers. „Ich habe die Lehre abgeschlossen, aber es ist ein harter Beruf“, sagt er. Dass er bei der Bundeswehr zur Bildstelle kam und dort auch fotografisch experimentieren durfte, legte den Grundstein dafür, aus seinem Hobby seinen Beruf zu machen. Nach einer sechswöchigen Kurzausbildung ging es 1967 los: als Pressefotograf für die Deister- und Weserzeitung in seiner niedersächsischen Heimat. Gemeinsam mit einem Redakteur wechselte er aus Hameln ans „Hamburger Abendblatt“, wo er die typischen Termine absolvierte: von den berühmten Kaninchenzüchtern bis zur neuesten Baustelle. Was er verdiente, investierte er in seine Ausrüstung.

„Die einfache Abbildung hat mich nie interessiert“

Und dann kam jener 18. April 1974 am Steindamm. Über Sven Simon, hinter dem sich niemand anderes als Axel Springer junior verbarg, kam Steche nach Bonn, in die höchsten Kreise der bundesdeutschen Politik. Mit Willy Brandt war er in Moskau, mit Finanzminister Hans Apel in Japan. „Es gab Zeiten, da bin ich zweimal pro Woche in die USA geflogen“, erinnert er sich. Wilde Zeiten müssen das gewesen sein, in denen er sehr, sehr viele berühmte Persönlichkeiten traf und porträtierte. Durchaus auf Kosten eines glücklichen Privatlebens, wie der zweifache Vater andeutet. Auch den Alltag in Krankenhäusern hat er dokumentiert, den Abriss eines Kernkraftwerks, stundenlang saß er auf einem Kran, um im richtigen Licht ein Schiff im Nebel zu fotografieren. „Die einfache Abbildung“, sagt er, „die hat mich nie interessiert.“

Wolfgang Steche hat viele Geschichten zu erzählen, und hoffentlich kann er das auch bald tun. Die C7-Galerie in Mannheim möchte dem Fotografen, wenn es Corona zulässt, eine Ausstellung widmen. „Es kann ruhig noch ein bisschen dauern“, sagt er und grinst. „Ich habe noch längst nicht alles durchgesehen.“

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