Mannheim
Der Cum-Ex-Skandal auf der Theaterbühne
Groß und schlank, braunäugig und gerade einmal 30 Jahre alt solle diese tapfere Sachbearbeiterin im Bonner Bundeszentralamt für Steuern damals gewesen sein. Viel mehr wisse man leider nicht über die wahre Anna Schablonski, berichtet Daniela Michel. Nur noch, dass sie zu jener Zeit, 2011, wohl einen kinnlangen Bob getragen habe. Michel selbst trägt längere Haare, die sie für ihre Rolle jedoch gut gebrauchen kann. Denn auf der Bühne bürstet sie sie immer wieder, kämmt sie wie die sagenhafte Loreley, die einst die Rheinschifffahrt gefährdete.
Sie bürstet sich für die Kamera, für ihren YouTube-Kanal Whisperblower, mit dem sie aufmerksam machen und aufrütteln möchte und vor allem jener unvorstellbaren Summe Geltung verschaffen, die der Cum-Ex-Skandal den Staat und die Steuerzahler gekostet hat. 32 Milliarden Euro alleine in Deutschland, den Berechnungen des angesehenen Mannheimer Finanzwirtschaftlers Christoph Spengel zufolge, der zusammenfasst: Es handle sich um „den größten Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik“.
Superkorrekte Solistin
Das Konstanzer Autorinnen-Duo Veronika Fischer („Fullmoonparty“) und Christine Zureich („Garten, Baby!“) und der Heidelberger Regisseur Uwe von Grumbkow („Zärtliche Machos“) inszenieren die Finanzbeamtin, die wir in ihrem Zuhause und ihrem Büro erleben, als kontaktarme, zuweilen zwanghafte und auf jeden Fall nerdige Person, die ihre Arbeit sehr genau nimmt. Vielleicht ist die echte Anna Schablonski gar nicht so, vielleicht aber doch. Vielleicht muss sie so sein, um hinterlistig konstruierten und geschickt verborgenen kriminellen Machenschaften wirklich auf den Grund zu gehen. Sie sei „superkorrekt“, sagt die Solistin in „Whisperblower“ von sich selbst, ein Kopfmensch durch und durch, rein zerebral gesteuert, aber hirnabwärts taub. Gefühle seien deswegen mitnichten ihr Fachgebiet, Zahlen jedoch umso mehr, weil sie so zuverlässig und berechenbar sind.
Gefühle zeigt der Zahlenmensch dann aber doch, und wenn nicht die ganze, so doch eine große Bandbreite vom Zweifel bis zur Verzweiflung, von Enttäuschung, Rausch und Wut. „Ich sitze nicht wie Rapunzel in einem Turm, ich arbeite!“, herrscht sie ihre besorgte Mutter an, die ab und zu anruft. Schablonski spricht mit sich und zu uns, den Besuchern im kleinen Theater Oliv, mit ihren Kollegen und Followern sowie ihrem digitalen Assistenten, der hier nicht auf die Namen Siri oder Alexa, sondern auf „Heinrich“ hört.
Zu kompliziert?
„Das ist eine verdammte Gelddruckmaschine!“, brüllt die Finanzbeamtin, als sie hinter den „Raubritterzug durch die öffentlichen Kassen“, die krummen Cum-Ex-Geschäfte, kommt. Jenseits der Aufmerksamkeit, die die Theaterzuschauer der überzeugenden Darstellerin schenken, findet die Jeanne d’Arc der Steuergerechtigkeit jedoch kein oder jedenfalls viel zu wenig Gehör. Sie verzweifelt an den gerissenen Profiteuren wie an der ignoranten Öffentlichkeit, die die betrügerischen Finanzjonglagen kaum realisieren geschweige denn diskutieren möchte, weil das viel zu kompliziert ist, zu anstrengend und so trocken.
„Whisperblower“ und Daniela Michel, deren Entwicklung, Reden und Handeln man gespannt verfolgt, schaffen da Abhilfe. Wer das Stück erlebt hat, für den sind Steuervergehen, zumal in den geschilderten Dimensionen, keine trockene Angelegenheit mehr und gewissenhafte Finanzbeamte keine langweiligen grauen Mäuse.
Termine
Das rund 90-minütige Stück wird am heutigen Samstag, 25. März, um 19.30 Uhr im Theater Oliv am Alten Messplatz in Mannheim uraufgeführt und ist dort noch einmal am 28. April zu sehen. Daniela Michel, derzeit auch mit ihrem Solo „En Suite – Allein mit Audrey Hepburn“ unterwegs, geht damit auf Tour durch ganz Deutschland.