Mutterstadt
Den Menschen hinter dem berühmten Namen erkennt die Porträtmalerin Ursula Wieland
Mindestens einmal im Jahr muss es sein, dann stattet sie ihrer Heimatstadt einen Besuch ab. Trinkt Kaffee mit alten Schulfreundinnen, besucht das Grab ihrer Eltern, schwelgt in Jugenderinnerungen, und macht – wie so oft – kein großes Aufsehen um ihre eigene Person. Zurückhaltend, aber neugierig, zugewandt und besonnen: Ursula Wieland hat die Gabe, dass man sich ihr anvertraut. Eine Eigenschaft, die ihr neben ihren künstlerischen Fähigkeit viele Türen öffnet und unvergessliche Begegnungen ermöglicht.
Zum Beispiel mit dem berühmten Astrophysiker Stephen Hawking. 30 Jahre ist es her, da saß Wieland in einem großen Korridor der Cambridge-Universität und wartete auf den vielleicht schlausten Mann der Welt. „Er kam wie der Blitz in seinem Rollstuhl angeschossen, ist erstmal an mir vorbeigerauscht und durch eine Schwenktür in sein Arbeitszimmer gefahren, wie in einem Western-Saloon“, sagt sie lachend. Was sie an der ständig über die Rätsel des Weltalls nachgrübelnden Persönlichkeit am meisten überraschte: sein Humor. „Denken Sie ja nicht, dass ich gescheiter bin als Sie“, ließ Hawking seine Computerstimme sagen, und das Eis war gebrochen.
Wieland zeichnete nun selbst wie der Blitz. 30 bis 40 Skizzen von Hawkings Händen und Gesicht fertigte sie an, und sah in dem Sensationsmenschen etwas Warmherziges, einen respektvollen Umgang mit den Mitarbeitern und einen sanften Blick. Erst Kennenlernen und Zeichnungen anfertigen, dass die Proportionen sitzen. Dann beim zweiten Besuch mit Staffelei, Leinwand und Ölfarbe arbeiten, so lautet die Devise. „Ich liebe die Augen“, soll Hawking beim Anblick seines Porträts gesagt haben, das später bei Christies in London zugunsten der Internationalen Behindertenstiftung der Vereinten Nationen versteigert wurde.
Fasziniert von Falten und Furchen
„Die menschlichen Eigenschaften wie ein Kind beobachten zu können. Das auszudrücken, was ein Foto nicht schafft, liegt mir am Herzen. Ich möchte nicht nur den Augenblick, sondern das darstellen, was den Menschen ausmacht, wie er in die Welt wirkt“, erklärt Wieland. Die Tochter des Arztes Hans Wieland, die im September 1939 kurz nach Kriegsausbruch in Heidelberg zur Welt kam, war schon als Kind von der Mimik der Menschen fasziniert. Weniger von einem aufgesetzten Lächeln, als vielmehr von den echten Falten und Furchen, oder dem Runzeln auf der Stirn. „Ich habe bei meiner Mutter sofort gewusst, wenn ihr etwas nicht recht war“, erinnert sie.
Doch der Wunsch, nach dem Abitur Malerin zu werden, stößt im Elternhaus auf wenig Begeisterung und wird wie so oft als „brotlose Kunst“ gesehen. Also studiert sie zunächst Pharmazie, dann Sprachen. Während des Studiums in München aber nimmt Wieland auch Kunstunterricht bei Professoren der Akademie, und geht ihren eigenen Weg. Sie promoviert in Kunstgeschichte, lebt aufgrund ihrer Ehe mit einem Diplomaten in London, Madrid, Washington und Santo Domingo. Und findet in der Darstellung des menschlichen Porträts ihre große Leidenschaft.
Lustige Bekanntschaft an der Gepäckausgabe
Manchmal hilft sie ihrem Schicksal auch ein wenig nach. Wieland kann von vielen Zufällen berichten, die eher auf ihren Mut zurückzuführen sind. Bei einem Flug erkennt sie den Schweizer Maler Jean Tinguely – und setzt sich einfach neben ihn: „Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie“, sagt sie, kommt ins Gespräch, bis Tinguely sie herausfordert und sie darum bittet, ihn zu zeichnen. Wieland malt daraus ein Ölporträt, bekommt prompt eine Ausstellung bei George Staempfli, einem bedeutenden Galeristen in New York – und wird immer weiter empfohlen.
Mit Sir Peter Ustinov macht sie zunächst eine lustige Bekanntschaft an der Gepäckausgabe, Benazir Bhutto, der ehemaligen Premierministerin von Pakistan, gibt sie Schwangerschaftstipps, nach einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. signiert er ihre Zeichnungen, als sie Papst Franziskus zu Beginn der Corona-Pandemie malt, sieht sie nach seinen Gebeten in der St.-Marcello-Kirche sein Lächeln aus dem Gesicht schwinden.
In der Welt der Wartenden
Aufregung verspüre sie bei diesen Begegnungen keine, aber eine große Neugierde, wie die Menschen hinter den großen Namen wirklich sind. „Es ist noch kein Auftrag, kein Mensch dabei gewesen, den ich nicht als interessant genug für eine Gemälde empfunden hätte“, erklärt sie. Wieland aber ist keine reine Promi-Porträtistin. Unter dem Titel „Die Welt der Flugreisenden“ hält sie die Schwellenzustände der wartenden Passagiere fest. Und hat nach den oft doch sehr intensiven zwischenmenschlichen Begegnungen eine Methode, den inneren Prozess des Sich-Einfühlens mit der zu porträtierenden Person wieder abzuschütteln. „Danach male ich immer Stillleben, Blumen und Gegenstände, das ist ein schöner, beruhigender Kontrast für mich“, verrät sie.
Im Netz
Eine Galerie mit ihren Werken kann auf Ursula Wielands Homepage betrachtet werden: http://www.wieland-art.de.