Ludwigshafen Den Geißbock im Büro
„Vörsich! Hee pass ich op!“ Geißbock Hennes meint es sicher nicht böse. Obwohl – er guckt ziemlich ernst, schiebt sogar noch ein „reinkumme op eigene Gefahr“ hinterher. Wer Sinischa Horvat an seinem Schreibtisch besucht, den schaut das Maskottchen des 1. FC Köln von einem Blechschild aus an. Es hängt an der Rückseite des Computer-Bildschirms. „Jeder fragt: Wie sind Sie dazu gekommen?“, berichtet der BASF-Betriebsratsvorsitzende. Und damit meint der 42-Jährige nicht nur das Schild, sondern auch einen roten Fanschal, der eine Kabelleiste am Schreibtisch ziert, eine Fußmatte mit Köln-Emblem darunter und viele Accessoires in einer Vitrine. Im Büro von Horvat ist nicht zu übersehen, dass er Fan des Kölner Fußballvereins ist. „Seit 36 Jahren“, sagt er. Dabei hat der in Pirmasens Aufgewachsene und in Mannheim Studierte keinen Bezug zu Köln. „Als kleiner Knirps sucht man sich Idole“, sagt er. Und in den 80er-Jahren waren viele Köln-Spieler Teil der deutschen Nationalmannschaft. Horvat muss nicht lange überlegen, nennt Pierre Littbarski, Bodo Illgner, Toni Schumacher. „Und dann bin ich eben dabei geblieben.“ Immer mal wieder sei er auch in Köln bei Spielen – in letzter Zeit jedoch weniger. „Wobei, die letzte Saison musste man eh nicht hinfahren“, sagt er und lacht. Ja, Köln ist in die Zweite Liga abgestiegen. Doch natürlich bleibt er seiner Mannschaft treu, findet übrigens auch die Kölner Haie beim Eishockey und auf der Musikbühne BAP ziemlich gut. Mit Horvat kann man lange über Fußball sprechen, möchte aber auch noch etwas über seinen Job erfahren. 1993 hat er bei der BASF angefangen und Prozessleittechniker gelernt. Für Gewerkschafts-Arbeit konnte er sich früh begeistern, war parallel zu einem BWL-Studium in Mannheim bereits in der Jugendvertretung der BASF aktiv. Seit 2007 ist Horvat freigestellter Betriebsrat, seit Juni 2016 Betriebsratsvorsitzender. „Jeder hat eine Stimme“, sagt der zweifache Vater. Diese Stimmen zu bündeln, sieht er als eine seiner Aufgaben. Und die erledigt er im Stehen. Horvat arbeitet an einem höhenverstellbaren Schreibtisch, der aber immer auf Bauchhöhe eingestellt ist. Er mag „das flexible Hin-und-Her“. Am Schreibtisch steht er, zum Lesen setzt er sich an den kleinen Konferenztisch in seinem Büro. Ohnehin habe er sehr viele Sitzungen, bei denen man – der Name verrät’s – genug sitzt. An seinem Schreibtisch verbringe er nur etwa zweieinhalb Stunden am Tag. Ansonsten ist er in Besprechungsräumen, bei Veranstaltungen, auch häufiger im Werk für Absprachen mit Mitarbeitern oder dem Management. Bevor er sich fürs Stehen entschieden hat, saß Horvat auf einem sogenannten Swopper. Der soll gut für den Rücken sein. Die Redakteurin darf testsitzen, wackelt auf dem Rollhocker erst nach rechts, dann nach links. Es ist nicht einfach, die Balance zu halten. Aber wohl gesund. Wir schauen uns noch etwas auf dem Schreibtisch um. Eine gläserne Auszeichnung steht dort: der Betriebsratspreis 2016. Den habe sein Gremium für die Standortvereinbarung erhalten, erklärt Horvat stolz. Sein Ziel: „2020 die nächste Standortvereinbarung mit dem Unternehmen hinzubekommen.“ Direkt daneben fallen dem Besucher fünf Stempel ins Auge. Darauf angesprochen, lacht der BASFler. Die habe er zu seinem Amtsantritt als Betriebsratsvorsitzender bekommen, aber noch nie verwendet. „Toll gemacht“ steht auf einem, „Grober Unfug“ auf dem anderen. Auch sehr direkt ist „Gelesen, Gelacht“. Horvats Schreibtisch macht einen aufgeräumten Eindruck. So wie er selbst auch. „Computer, Stift, Notizblock“, mehr brauche er nicht. Obwohl er sich selbst als technik-affin beschreibt, kann er nicht ohne das Papier-Büchlein, in das er die Wochenplanung und Mitschriften von Sitzungen einträgt. Dass Horvat auf Technik steht, zeigt sich auch in der Vitrine neben seinem Schreibtisch. Dort finden sich nicht nur weitere FC Köln-Fanartikel, sondern auch eine respektable Sammlung an technischem Gerät. Ein kleines Museum ist dort entstanden: mit einem Rechenschieber, alten Mobiltelefonen unterschiedlicher Generationen, auch einem „Psion“. Das ist ein erster tragbarer Mini-Computer, auf dem man in den 80ern bereits kleine Texte schreiben konnte. Das Bild hinter seinem Schreibtisch hat Horvat ursprünglich in einer Zahnarztpraxis entdeckt. Am Anfang fand er’s einfach irgendwie nett. Inzwischen sagt er: „Es charakterisiert ganz gut, wie ich als Betriebsrat gestrickt bin.“ Nur ein kleines, unscheinbares Küken ist auf der Zeichnung zu sehen – und der beschreibende Satz „Kann Karate“. Horvat spricht von Menschen, die vielleicht auf den ersten Blick unterschätzt werden. „Aber mit Know-how und Ausdauer kann ich etwas erreichen.“ Als er als Azubi bei der BASF anfing, hatte er mit Schreibtischen beruflich noch nichts zu tun. Das sei erst während seiner Zeit in der Jugendvertretung gekommen. „Dort lernt man ganz früh, Verantwortung zu übernehmen.“ Inzwischen trägt er davon ziemlich viel. Bei den derzeitigen Tarifverhandlungen in der Chemiebranche ist er ab September auch auf Bundesebene mit dabei. Und auch in der BASF gibt es wichtige Themen: „Demografie, Digitalisierung und Know-how-Transfer“ nennt er die drei großen, zentralen Komplexe. „Und das werden sie auch die nächsten zehn, 15 Jahre bleiben.“ So lange dauert es wohl nicht, bis der 1. FC Köln wieder in die Bundesliga aufsteigt – hofft zumindest Sinischa Horvat