Sportstypen
Dem Ludwigshafener Ruderverein seit 80 Jahren treu
Ganz ehrlich: Würde sein Alter nicht im Pass stehen, die bald 96 Jahre sieht man Walter Will nicht an. Sprichwörtlich „fit wie ein Turnschuh“ ist er noch, der erfolgreiche Steuermann des LRV. Getreu dem Motto: „Wer rastet, der rostet“, schwingt sich der seit 25 Jahren in Waldsee wohnende Will auch heute noch fast täglich aufs Rad und fährt 20 Kilometer, mal auf dem Rheindamm entlang, mal in Richtung Mutterstadt. Und das bei Wind und Wetter.
Zum Gespräch treffen wir uns im Bootshaus des Ludwigshafener Rudervereins, genauer im Besprechungszimmer, einem Raum voller Geschichte. In einer Glasvitrine: die Siegertrophäen der letzten Jahrzehnte, an denen auch Walter Will seinen Anteil hat. An der Wand hängen sie fein-säuberlich, vielleicht sogar mit der Wasserwaage ausgerichtet: die eingerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien aller Vorsitzenden des 1878 gegründeten Traditionsvereins. Jeder einzelne eine honorige Persönlichkeit. Clemens Peters war einer von ihnen und maßgeblich dafür verantwortlich, dass Will eine Karriere als Steuermann einschlug. „Du hast doch eine so kräftige Stimme“, soll er seinerzeit sinngemäß zu dem jungen Mundenheimer Ruderer gesagt haben. „Du bist als Steuermann geeignet.“ So in etwa hat sich die Unterhaltung wohl damals zugetragen.
Boote bei Feuer nach Luftangriffen zerstört
Doch es war nicht allein seine Stimme, die ihn so erfolgreich, vor allem aber auch beliebt machte. Will war für seine Teamkollegen Motivator und Animateur in Personalunion. „Du musst die Mannschaft inspirieren können. Als Steuermann bist du so etwas wie der verlängerte Arm des Trainers und musst über ein gutes Orientierungsvermögen verfügen und alles im Blick haben, was rechts und links passiert“, erklärt der 95-Jährige, der mit dem Megaphon in der Hand das Kommando gab.
Walter Wills sportliche Karriere fiel in eine Zeit, die – gelinde gesagt – alles andere als leicht war. Er musste miterleben, wie das schmucke Bootshaus bei schweren Luftangriffen auf die Stadt Ludwigshafen 1943 von zahlreichen Phosphorbomben getroffen wurde und bis zum Keller herunterbrannte. Das Traditionsgebäude – komplett zerstört und mit ihm fast 30 Ruderboote. Kurz danach feierte er seinen bis dato größten Erfolg, als er im Leichtgewichtsachter mit Steuermann bei den deutschen Jugend-Meisterschaften in Wien Gold holte.
„Wir waren seinerzeit vier Wochen in Wien“, erzählt Will, erinnert sich an die Zugfahrt von Neustadt an der Weinstraße bis nach Wien, an den Festakt im Burgtheater, in dem seinerzeit Maria Stewart gespielt wurde und natürlich an den Titel, den „Ipte“, so sein Spitzname, mit den LRV-Kollegen gewann. Der Sieg war umso bemerkenswerter, als die Ludwigshafener mit einem geliehenen Boot antreten mussten. Ihres war bekanntlich den Flammen zum Opfer gefallen. Vier Wochen Unbeschwertheit, doch die Realität holte Will schnell ein.
Überlebenskampf nach Lungenschuss
1944 wurde die Ruderkarriere des Walter Will, die gerade so richtig Fahrt aufgenommen hatte, jäh unterbrochen. Er wurde als Soldat eingezogen und erlitt bei einem Angriff einen Lungenschuss. Vier Monate habe er um sein Leben gekämpft, berichtet der gebürtige Mundenheimer. Er kam zur Behandlung in ein zum Lazarett umgebautes Kloster in Österreich. Als er nachts vor Schmerzen nicht schlafen konnte, riet ihm eine Krankenschwester, ein Lied zu singen. Er begann, eines zu singen, das ihm seine Mutter in Kindertagen immer vorgetragen hatte. Und tatsächlich: Der schwer verwundete Soldat schlief ein. Am nächsten Tag schwor sich Will, dass er, falls er dies überleben sollte, in einen Gesangverein eintreten würde. Glücklicherweise erholte sich der Ludwigshafener. Nach seiner Rückkehr löste er sein Versprechen ein, meldete sich beim Männergesangverein Mundenheim an und engagierte sich dort über 30 Jahre im Vorstand.
Nach seiner Rückkehr und dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzte Will seine Ruderlaufbahn fort, feierte danach noch 80 Siege bei Regatten und avancierte zum erfolgreichsten Steuermann des LRV. Höhepunkt war zweifellos der deutsche Meistertitel im Leichtgewichtsvierer mit Steuermann im Jahr 1950 in Hannover. 1957 dann war Schluss mit Rudern. „Zum einen wurde ich zu schwer, zum anderen war ich für eine Kölner Firma im Außendienst tätig. Das hat sich mit dem Training nicht mehr vereinbaren lassen“, sagt der rüstige Senior, der sich mit Schreiben, Lesen und dem Lösen von Kreuzworträtseln auch mit knapp 96 noch geistig fit hält. „Ich habe durch den Rudersport so viel erlebt“, meint er rückblickend.
Salat bis zum Abwinken
Lachend erinnert er sich an die jungen Damen, die allabendlich hinter der Mauer in der Nähe des Bootshauses hervorlugten, um die gut aussehenden Männer des LRV beim Training auf dem Rhein zu beobachten. Mit seiner grünen Vespa und im feschen, schwarzen Ledermantel fuhr Will tagtäglich zum Training von Mundenheim nach Süd. „Meist haben wir dann von 17 bis 22 Uhr trainiert“, berichtet er. Mit seinen 125 Pfund gehörte Will seinerzeit nicht zu den Leichtesten und musste vor den Wettkämpfen immer wieder das eine oder andere Kilo abtrainieren. „Für die Meisterschaft durften es nur 112 Pfund sein. Da bin ich in jeder freien Minute geschwommen und habe nur noch Salat gegessen“, berichtet er. Irgendwann hing ihm der Salat so zu den Ohren raus und aus lauter Verzweiflung ließ er sich zehn Eier braten und verspeiste sie voller Freude. Geschadet hat es nicht.
Will hat in seiner Karriere etliche Ruderer ausgebildet. „Ich wollte etwas zurückgeben, weil mir der Rudersport selbst so viel gegeben hat.“ Das war für ihn ein Grund, dem Ludwigshafener Ruderverein niemals den Rücken zu kehren, auch wenn er mittlerweile seit einem Vierteljahrhundert in Waldsee zuhause ist. „Wenn ich etwas versprochen habe, dann halte ich es auch“, unterstreicht er. Seinen Aufnahmeantrag bei den Ludwigshafener Ruderern unterschrieb er übrigens am 1. April 1942. Das Geschehen im LRV verfolgt er nach wie vor, auch wenn das Gros seiner ehemaligen Mannschaftskameraden mittlerweile verstorben ist.
Bei der letzten Weihnachtsfeier mit Ehrungen war Will so etwas wie der Star des Tages. Eines ist sicher: So schnell wird es wohl nicht mehr vorkommen, dass der LRV-Vorsitzende Christian Knab ein Mitglied für 80-jährige Vereinstreue ehren wird. „Ich hoffe, dass ich noch einige Jahre Mitglied bleiben kann“, sagt Will augenzwinkernd.