Mannheim
Das tut ein gebürtiger Ukrainer für sein Heimatland
Als am 24. Februar 2022 die russische Invasion begann, stand die Gefühlswelt des gebürtigen Ukrainers Niko Kern kopf. „Zunächst Unglaube, dann Wut und Verzweiflung. Zehntausend Gedanken sind mir durch den Kopf geschossen“, sagt der in Mannheim lebende 34-Jährige. Als ehemaliger Bundeswehr-Soldat bewarb er sich schon ein paar Tage später für eine internationale Legion, um seinem Heimatland zur Seite zu stehen. Letztlich aber fand er in Mannheim eine Aufgabe, um den Kriegsleidenden zu helfen.
Hoch gewachsen, fester Händedruck, ein klarer, wacher Blick: Niko Kern hat in den letzten Monaten alle Hände voll zu tun. Lebensmittel, Klamotten, kleine Elektro-Heizungen und Hygieneartikel werden regelmäßig in die Ukraine transportiert. Mit dem ukrainischen Studenten Alex Zharkov organisiert er Kundgebungen. Und auch nach kostenlosen oder günstigen Möbeln hält er immer wieder Ausschau, um sie für geflüchtete Frauen aus der Ukraine aufzubauen.
Seit 2001, also seit über 20 Jahren, lebt Niko Kern nun schon in Deutschland. Zunächst in Sindelfingen, als Soldat bei der Infanterie im Schwarzwald, dann in Ludwigshafen, wo er bei der BASF im Logistik-Bereich tätig ist und jetzt seit zwei Jahren in Mannheim. Aufgewachsen aber ist er in Iwano-Frankiwsk in der Nähe von Lemberg im Westen der Ukraine. „Doch es war schwierig. Meine Mutter sah für uns Kinder keine große Zukunft in der Ukraine“, erzählt Kern. Da der deutsche Opa in Sindelfingen wohnte, sah man die Möglichkeit zur Familienzusammenführung – und die Chance auf ein besseres Leben. „Wir sind aber jedes Jahr in die Ukraine gefahren, ich habe immer Heimweh gehabt. Nach 22 Jahren ist das im Grunde immer noch so“, sagt er.
Eine böse Vorahnung
Wenn Kern an den vergangenen Februar zurückdenkt, fängt sein Herz stark zu pochen an. „Ich hatte eine Vorahnung, ein ungutes Gefühl, dass wieder irgendwas passiert“, sagt er im Rückblick auf die russische Eroberung der Krim im Jahr 2014. Doch als er am 24. Februar die Meldungen vom Einmarsch der Streitkräfte las, wollte er es zunächst nicht glauben. „Ich habe versucht, meine Freunde zu erreichen, aber das Netz war überlastet“, berichtet er.
Über 2000 Kilometer entfernt, konnte er nicht einfach seinen Alltag weiterleben. Er kontaktierte das ukrainische Konsulat in Frankfurt und Berlin. „Ich hatte von einer freiwilligen internationalen Legion gehört, da wollte ich rein, schließlich hatte ich ja auch vier Jahre gedient. Es war ein patriotisches Gefühl, das mich überkam, meine Verwandten und viele Freunde leben schließlich dort. Es war nicht so, dass ich sagte, ich möchte direkt an die Front. Es gibt andere Aufgaben: wie Fahrzeuge kontrollieren oder Bergungs- und Räumungsarbeiten in bombardierten Städten. Ich wollte einfach nur hin und helfen“, erklärt er.
Hilfe vor Ort und für die Heimat
Tatsächlich bekam Kern eine Rückmeldung, die Bewerbung werde bearbeitet. Da er nicht warten und rumsitzen wollte, fuhr er zunächst häufig zu seiner Schwester nach Heilbronn, die ein Nothilfelager gründete. „Ich habe sie unterstützt, viel Erfahrung in der Organisation gesammelt – und nach und nach darin meine Aufgabe gesehen“, verdeutlicht er. Im Mai 2022 startete er mit Alex Zharkov die ersten Kundgebungen am Paradeplatz, im Juli schloss man sich dem ukrainischen Hilfsprojekt „Arena of Goodness“ an. Viele ukrainische Flüchtlinge engagieren sich mittlerweile im Team. Für die Ukrainer in Mannheim, durch Möbeltransport oder Waschmaschinen schleppen, vor allem aber für die Menschen in den Kriegsgebieten, durch den Transport von Hilfsgütern, dem Abholen von Menschen an der Grenze und durch Spendenaktionen.
„Ich habe einen Bekannten, der in Butscha stationiert war. Auch da haben wir Nachschub an Klamotten, Taschenlampen, Kerzen, Medikamenten und Essen organisiert“, sagt Kern. Auch nach dem Erdbeben in der Türkei startete man einen Spendenaufruf. „Die türkische Bevölkerung hat uns stark unterstützt, da wollten wir etwas zurückgeben“, betont er.
Tägliche Telefongespräche mit Verwandten
Durchaus habe es Phasen im Leben gegeben, in denen Kern kaum mehr Ukrainisch sprach. Inzwischen spricht er seine Muttersprache wieder fließend und akzentfrei, als Übersetzer hilft er bei Krankenhausbesuchen, sein Bezug zum Heimatland hat sich seit Kriegsausbruch stark intensiviert. „Ich telefoniere jeden Tag mit Verwandten und Freunden, eine Stunde Minimum“, verrät er. Auch in seiner Heimatstadt Iwano-Frankiwsk ertönt inzwischen nahezu täglich der Luftalarm, müssen die Bewohner in die Bunker und Keller. „Das ist vor allem für Mütter mit jungen Kindern psychisch sehr belastend.“
In Polen und Tschechien wurden mittlerweile Gesetze für den Beitritt zur internationalen Legion erlassen, in Deutschland aber nicht. „Ich bin hier Reservist, würde ich in der Ukraine kämpfen, wäre ich wegen Mordes angeklagt“, weiß Kern – und hat seinen Frieden damit gemacht, dass er als Organisator wertvoller ist denn als Soldat. „Seit Kriegsbeginn habe ich festgestellt, dass es auch hier so viel zu tun gibt. Ich habe mich als Volontär stark engagiert – auch um gegen den Schmerz anzulaufen. Ein Sprichwort sagt: Wenn man in die Eier kriegt, muss man Kniebeuge machen, dass es nicht wehtut. Und ich habe halt Menschen unterstützt.“