Heidelberg RHEINPFALZ Plus Artikel Das Theater der Zukunft? Welch spannende Online-Formate sich entwickeln

Mit Netflix kann und will das Theater nicht konkurrieren, meint Kuratorin Lea Goebel. Doch im Lockdown haben sich viele Theater
Mit Netflix kann und will das Theater nicht konkurrieren, meint Kuratorin Lea Goebel. Doch im Lockdown haben sich viele Theater mit Einfallsreichtum neue Welten erobert, etwa die Mini-Webserie voller Sex and Crime: »Edward II.« – hier Kristin Steffen – am Schauspiel Köln.

Jetzt erobert das Online-Theater sogar traditionsreiche Festivals. Beim Ende April startenden Heidelberger Stückemarkt wird es erstmals einen „Netzmarkt“ mit drei ausgewählten digitalen Produktionen geben. Kuratorin Lea Goebel hat sich ein Jahr lang umgesehen und zwischen Youtube und Game-Theater viel Spannendes entdeckt. Was hat sich an neuen Formen entwickelt? Und werden sie das Theater der Zukunft prägen – auch nach Corona?

Nein, einen Mangel an Anschauungsmaterial gab es nicht. Mehr als hundert digitale Produktionen deutschsprachiger Theater hat Lea Goebel in den vergangenen zwölf Monaten gesehen, vom einfachen Homevideo bis zur aufwendigen Virtual-Reality-Produktion. Elf davon hat sie auf eine Longlist gesetzt, von denen wiederum drei für den „Netzmarkt“ ausgewählt werden. Das ist die neue Unterabteilung des Heidelberger Stückemarkts, bei dem seit 38 Jahren Uraufführungen und Texte junger Dramatiker vorgestellt und prämiert werden.

Das Festival reagiert damit auf die aktuelle Entwicklung an den Bühnen, wo nach der pandemiebedingten Schließung der Häuser statt analog auf der Bühne nun digital im Internet produziert wird. „Es gibt da eine große Experimentierfreude, ein großes Ausprobieren“, sagt Lea Goebel, „alle sind bereit, sich des neuen Mediums anzunehmen“.

Lea Goebel ist seit vier Jahren Dramaturgin am Schauspiel Köln, hat dort unter anderem mit Jürgen Flimm, Luk Perceval und Lily Sykes zusammengearbeitet. Ihr spezielles Interesse an digitalen Formaten wurde auch erst im März vergangenen Jahres, während des ersten Lockdowns entfacht. „Ich wollte Theater sehen, egal was“, erinnert sie sich. Aber angesichts zahlloser schnell fabrizierter Videoversuche sei dann doch die Frage aufgetaucht, wie sich das weiterentwickeln könnte.

Mit Brille ins Theater gebeamt

Beim zweiten Lockdown im Herbst seien die Theatermacher dann „mit großer Expertise“ an die Arbeit gegangen und es gab mehr zu sehen als Lyriklesungen und lustige Filmchen aus der Wohnküche. Man hatte sich technisches Know-how verschafft, produzierte Web-Serien und Aufführungen in 360-Grad-Perspektive, zeigte Theater als Youtube-Film, Livestream oder im Split-Screen-Verfahren mit mehreren Kameraperspektiven. Am Staatstheater Augsburg schickte man den Zuschauern VR-Brillen für eine virtuelle Realität nach Hause, mit deren Hilfe diese in eine aufgespielte Inszenierung eintauchen. In Einar Schleefs Kurzmonolog „14 Vorhänge“ unternimmt man einen Rundgang durch das in Sanierung befindliche Augsburger Theaterhaus, durchstreift zusammen mit dem Schauspieler Klaus Müller den verwinkelten, inzwischen entkernten und wie eine Trümmerruine wirkenden Bau, während, man seelenruhig auf einem Drehstuhl sitzt und lediglich mit Blicken das Geschehen steuert.

Shakespeare-Drama auf dem Handy

Die Theatergruppe Machina eX, die mit ihrem interaktiven Spieltheater auch schon zu den Schillertagen eingeladen war, hat passend zum Lockdown das digitale Projekt „Homecoming“ entwickelt. Die Teilnehmer geraten in die virtuelle Welt einer pandemiegestressten WG, deren Mitbewohnerin verschwunden ist. Der Messengerdienst Telegram und ein informationsfreudiger Chatbot helfen bei der Suche. Per Nachrichtendienst bekommt man beim Staatstheater Nürnberger gleich ein ganzes Shakespeare-Drama aufs Handy geliefert, inklusive Emojis und Videoclips und in Blankversen.

Neuerungen erst verschlafen, dann beschleunigt

„Die Theater haben ja viele Neuerungen der letzten zehn Jahre verschlafen“, sagt Lea Goebel. Bei der von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Internetportal „Nachtkritik“ veranstalteten Konferenz „Theater und Netz“ wird bereits seit 2013 über die Folgen der Digitalisierung auf Kunst und Theater nachgedacht. Aber viele Bühnen verstehen sich doch eher als „letzte analoge Bastion“, hat Lea Goebel festgestellt, „haben Angst, vom Digitalen überrollt zu werden“. An den Einsatz von Handkameras und Videoprojektionen auf der Bühne habe man sich inzwischen ja gewöhnt, aber deren Akzeptanz habe Jahre gedauert. Die Ausschließlichkeit der Online-Produktionen während des Lockdowns habe diese Entwicklung nun extrem beschleunigt.

Aber was wird davon übrig bleiben, wenn wir die Pandemie im Griff haben, und die Zuschauer zurück in die Theater dürfen? „Es wird einen Backlash geben“, ist Lea Goebel überzeugt, auch wenn sie sich wünscht, dass möglichste viele Bühnen den eingeschlagenen Weg weiterverfolgen und wie die Theater in Augsburg und Ingolstadt oder das HAU in Berlin eigene digitale Sparten einrichten. Ihre Hoffnung ist, dass die neu entwickelten technischen Möglichkeiten zumindest teilweise weitergenutzt werden, etwa in hybriden Formaten, die analoge und digitale Formen vermischen, oder im Einsatz künstlicher Intelligenz. Warum soll nicht ein Roboter der künstlichen Intelligenz eine Choreografie schreiben?

Avatare treffen sich im Foyer

Für Lea Goebel bieten sich zudem neue Formen der Interaktion mit dem Publikum an, das können Online-Angebote in Vor- und Nachbereitung eines Theaterbesuches sein, aber auch Live-Chats mit Schauspielern und Regisseuren. Am Schauspiel Köln haben sie aus Ewald Palmetshofers Marlowe-Bearbeitung „Edward II. – Die Liebe bin ich“ eine Mini-Webserie mit Sex, Crime, lauter Musik und grellen Kostümen gemacht, auf Instagram darf darüber diskutiert werden und mittels der Onlineplattform „Gathertown“ kann man als Avatar ein virtuelles Foyer besuchen und dort andere Besucher-Avatare treffen.

„Klar kann Theater nicht mit Netflix konkurrieren“, sagt Lea Goebel, aber warum nicht mit neuen digitalen Formaten neues Publikum erreichen? Ein internationales zum Beispiel, für das Theater in deutscher Sprache ein Problem darstellt, oder Theater als Livestream für diejenigen, die nicht vor Ort sein können, oder jederzeit abrufbar für all diejenigen, die auch nach Corona nicht pünktlich um 20 Uhr in einem Schauspielhaus sitzen möchten.

Beim Heidelberger Stückemarkt wird es jetzt also erstmals eine kleine Leistungsschau des digitalen Theaters geben. Wie die ausgewählten Produktionen vom 30. April bis 9. Mai präsentiert werden, ist noch offen. Ob das Festival analog über die Bühne gehen kann, hängt von Inzidenzwerten und Ministerpräsidentenbeschlüssen ab. Für die digitalen Produktionen immerhin wäre ein Online-Festival kein Problem.

Die Kuratorin des neuen „Netzmarktes“ in Heidelberg, Lea Goebel.
Die Kuratorin des neuen »Netzmarktes« in Heidelberg, Lea Goebel.
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