Ludwigshafen „Das Singen ließ den Frust vergessen“

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Sie kommen als Botschafter Südafrikas und bringen neben Opernchören und Gospels die traditionelle Musik ihrer Heimat mit nach Europa. Die Cape Town Angels kommen auf ihrer Tournee am Sonntag auch nach Mannheim. Zu den Sängerinnen des Chors gehört auch Bukelwa Velem, die in ärmlichen Verhältnissen in den Townships aufgewachsen ist. Ein Besuch in Kapstadt.

Die Methodist Church von Langa bebt. Bis auf den letzten Platz sind die harten Kirchenbänke besetzt, und schon vor Beginn des Gottesdienstes im ältesten Township von Kapstadt erfüllen den Raum gewaltige Gospelgesangswogen, die einem Schauder der Ergriffenheit über den Körper jagen. Dabei sind alles Laien, die sich hier, begleitet von rhythmisch-anfeuernden Trommelschlägen, auf die Messe einstimmen. „Wir drücken unsere Emotionen einfach über den Gesang aus“, entgegnet Bukelwa Velem dem faszinierten Beobachter lachend. Wie alle anderen Besucher hat sich auch die 35-Jährige für den sonntäglichen Kirchgang schick gemacht und setzt doch mit ihrem leuchtend gelben Rock mit den blauen Punkten nicht nur farblich Akzente: Die dunkelhäutige Südafrikanerin ist auch die einzige Profi-Sängerin in dem Gottesdienst. Velem singt seit 15 Jahren im Chor der Cape Town Opera. Keine zwei Steinwürfe entfernt indes beginnt die triste Welt der Townships: Aids, Kriminalität, Hunger und aus Kisten und Wellblech zusammengestückelte, windschiefe Baracken, in denen hier am Kap der guten Hoffnung noch immer rund eine Million Menschen hausen. Auch Velem war in solch einer Gegend untergekommen, als sie 2002 nach Kapstadt zog. Aufgewachsen in einem Dorf im Südosten der Republik, „wo jeder jeden kannte“, hatte die junge Frau eigentlich Sozialarbeiterin werden wollen – „doch zum Studieren reichte das Geld nicht“. So schlug sich der Teenager mit Gelegenheitsjobs durch – ihr einziger Lichtblick: die allabendliche Probe des Gemeindechors. „Das Singen habe ich schon seit Kindesbeinen geliebt, dort konnte ich den Frust des Tages vergessen.“ Eine Sangesfreude, die tief verwurzelt ist in den Traditionen der zahlreichen Volksstämme des Landes. Zumal anders als in Europa die Überlieferungen nicht auf Schrift, sondern auf Sprache beruhen – oder eben dem Gesang: „Viele traditionelle Stücke beschäftigen sich mit den wichtigsten Dingen des Lebens von der Geburt bis zum Tod – singen gehört hier zum Leben wie das Atmen“, sagt Opernintendant Michael Williams. Und der weiße Südafrikaner muss es wissen: Leitet der Mann mit dem imposanten, kahlen Schädel doch Südafrikas einziges Opernhaus mit ganzjährigem Spielbetrieb seit dessen Gründung 1999. Und bietet damit gerade jungen Menschen wie Velem auch die Chance zum sozialen Aufstieg: Ihr Chorleiter im Heimatdorf hatte dem Twen damals geraten, sich doch für die alljährlichen Auditions zu bewerben, ihre Großmutter kratzte das Geld für die zweitägige Busfahrt nach Kapstadt zusammen – „und als dann der Brief mit der Zusage kam, haben wir beide vor Freude laut geschrien“, erinnert sich die temperamentvolle Frau. Seit 15 Jahren lebt die Sopranistin nun ihren „Traum“, singt und schlüpft in Opernrollen oder geht mit den African Angels – wie die Chormitglieder im Volksmund genannt werden – international auf Tour mit berühmten Opernchören, Gospels und Traditionals wie jetzt in Deutschland. Denn die sechs heimischen Produktionen pro Spielzeit allein vermögen die Opernkassen nicht zu füllen, staatliche Subventionen gibt es nur für die Jugendförderung. Diese hat weit mehr als Musikvermittlung zum Ziel: „Durch ein Chorprojekt mit Mädchen und Jungen aus allen Schichten, aus den Townships wie von Privatschulen, nahmen die Jugendlichen auf einmal Kontakt zueinander auf“, erinnert sich Matthew Wild, der künstlerische Leiter des Opernhauses. „Manchmal kann es so einfach sein, die sozialen Grenzen einzureißen.“ So auch auf ihren Reisen durchs Land, wenn die Sänger selbst in den entlegensten Winkeln Schulen besuchen, um die Begeisterung für die Oper zu entfachen. Zumal die Chorsänger selbst dort inzwischen als kleine Stars gefeiert werden und als Vorbilder gelten: „Als wir ihnen erzählt haben, dass es unser Job ist zu singen und wir mit dem Chor die halbe Welt bereisen, hat das viele unglaublich motiviert“, erzählt Velem. Zumal es da ja dann auch noch ihr eigenes Idol gibt: Pretty Yende. Ihre ersten Auftritte hatte die schwarze Sopranistin einst in Kapstadt – heute wird sie an der Met in New York gefeiert. „Seither weiß hier jedes Kind, dass man auch mit Gesang Karriere machen kann.“ Termin Cape Town Angels am Sonntag, 9. April, 19 Uhr, im Mannheimer Rosengarten.

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