Ludwigshafen Das richtige Tempo finden
„Ich spiele seit 43 Jahren Gitarre und merke immer mehr, was ich alles nicht kann“, sagt Michael „Kosho“ Koschorreck über sich, als er sich den jungen Musikern des Max-Planck-Gymnasiums (Friesenheim) vorstellt. Innerhalb des Festivals Enjoy Jazz gab es für Schüler auch in diesem Jahr wieder die Gelegenheit, von einem der Musiker etwas zu lernen. Bei Kosho ging es um das Gefühl für Groove. Mit geschlossenen Augen stehen die Schüler und ihr Musiklehrer Michael Hilprecht im Kreis. Seinen Schwerpunkt finden, locker stehen und dann den Puls fühlen – nicht den eigenen, den eines ziemlich sturen Mitspielers. „Viele kennen ihn, er ist sehr einseitig begabt, er hört nicht auf uns und viele mögen ihn nicht. Darf ich vorstellen: Herr Metronom“, sagt Gitarrist Kosho. Ein Metronom ist ähnlich wie ein Uhrwerk gebaut – mit dem Unterschied, dass er nicht nur mit 60 Schlägen die Sekunden pro Minute zeigt und hörbar macht, sondern Schläge in beliebigem Tempo markieren kann. Die mechanische Sturheit ist für junge Musikschüler oft nervend. Ohne Metronom merkt man nämlich die eigenen kleinen Temposchwankungen nicht. Leichte Stellen spielt man gerne schneller, schwere Stellen etwas langsamer. Doch für einen guten Groove ist es wichtig, dass alle Musiker möglichst präzise und mit demselben exakten Timing spielen. „Ich übe selbst mit dem Metronom, um in meinem Spiel noch freier zu werden“, erklärt Kosho. Freiheit und Präzision scheinen zunächst Widersprüche zu sein, doch nur wer den Puls der Musik in sich spüre, könne auch sein Spiel rhythmisch variieren und improvisieren. 40 Schläge pro Minute gibt Koshos Metronom vor. Nacheinander lässt der Dozent die Schüler erst einen Schlag, dann zwei und dann immer mehr Schläge auf jeden Pulsschlag des Metronoms klopfen. Schon anspruchsvoller wird es, als er dann noch Akzente auf die Kopfrhythmen verteilen lässt. Da wird es schwieriger, locker zu stehen und entspannt zu atmen. Variiert werden zum Beispiel Triolen, also drei Noten auf einen Schlag. Das lässt Kosho auch sprechen: Mal als „ti-ta-ta ti-ta-ta“, dann als „ta-ti-ta ta-ti-ta“ und so weiter. Das wird dann langsam knifflig. Es ist gar nicht so einfach, mehrere Rhythmen übereinander zu legen. „Na, ist euch schon warm geworden?“, fragt Kosho und bekommt Zustimmung. Im zweiten Teil des Workshops nehmen die Schüler ihre Instrumente. „Wir gehen jetzt an ein berühmtes Riff aus einem Klassiker der Rockmusik“, kündigt Kosho an: „Kashmir“ heißt das Stück und ist von Led Zeppelin. Große, fragende Augen bei den Kindern – und Schulterzucken. Die 70er-Jahre-Heroen des Hardrocks sind bei ihnen offensichtlich nicht bekannt. Und dass der Rapper Puff Daddy das Riff zitiert hat, ist auch schon 17 Jahre her. Die Struktur des sich wiederholenden Motivs ist in ihren Einzelteilen eigentlich einfach. Der geniale Kniff von Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page und Schlagzeuger John Bonham war es, den Drei-Viertel-Takt der Gitarre über einen Vier-Viertel-Takt des Schlagzeugs zu legen. Kosho lässt erst ohne Drums und Percussion üben, dann fügt er mit den Jugendlichen die beiden Rhythmen zusammen. Das Ergebnis ist ein spannendes Riff, das durch seine ständigen Akzentverschiebungen immer weiter voran treibt. Kosho ist am Montag mit seinem Trio Cobody, mit Organist Jo Bartmes und Schlagzeuger Erwin Ditzner, im Nationaltheater Mannheim aufgetreten. Der Mannheimer Musiker, Jahrgang 1962, arbeitet als Gitarrist, Komponist und Produzent und unterrichtet an der Popakademie. Seit 16 Jahren ist er Mitglied der Söhne Mannheims. In jüngerer Zeit spielt er seine eigene Musik vorwiegend akustisch und hat einen besonderen Stil aus Latin, Jazz und Funk-Elementen entwickelt. Er ist ein bekannter Musiker in der Rhein-Neckar-Region und neben seinen eigenen Projekten auch auf Plattenaufnahmen von Xavier Naidoo und Nena zu hören. Vielleicht tritt ja eines Tages einer der Max-Planck-Schüler in seine Fußstapfen.