Mannheim
Das neue Format „Sprechlabor“ am Theaterhaus G7
Vier Labore stehen bis Ende November auf dem Spielplan – vom „Labor für Beklemmung und Betroffenheit“ (16./17. Oktober) über das „Labor für Kontrollverlust“ (6./7. November) bis zum „Labor für Auflösung und Trost“ (27. November). Sie umkreisen in Choreografien, Installationen, Performances und Gesprächsrunden Hemmnisse, Fallstricke und Möglichkeiten zwischenmenschlicher Kommunikation und machen sie sinnlich und diskursiv sichtbar. Den aufwühlenden Auftakt gestaltete das „Labor für Eskalation“. Die erfahrene Tanztheater-Choreografin Catherine Guerin aus Heidelberg hatte dazu für und mit Miriam Markl und Lorenzo Ponteprimo eine Choreografie entworfen, die sich nicht scheute, über die Grenze des Aushaltbaren zu gehen.
Meer und Möwengeschrei
Schon der Beginn bot ein schräges Bild. Vor einem Kreis aus Steinen hocken im Dämmerlicht ein Mann und eine Frau mit verbundenen Augen nebeneinander auf Emaille-Eimern, während aus den Lautsprechern Möwengeschrei und das Meer zu hören sind. Plötzlich erklingt eine Tischklingel. Die Szene, die bereits auf sehr feine Art eine Grenzüberschreitung assoziieren lässt, löst sich auf. Die beiden nehmen ihre Augenbinden ab, greifen nach den Eimern und lassen die Steine hineinfallen. Jeder Aufschlag auf dem Metallboden gerät einen Tick zu laut. Aufkeimende Gefühle von Aggression schieben die beiden beiseite. Freundlich wirft der Mann den letzten Stein in ihren Eimer. Sie hatte ihn haben wollen, doch er war schneller gewesen. Eine Stunde später wird Markl, nachdem sie Ponteprimo fast ausgezogen und zu Boden gerungen hatte, auf ihm reiten und seine langen Haare als Zügel nehmen. Sie hat ihn „fertig gemacht“, könnte man auch sagen, als Rache dafür, dass er sie fast zu Tode gewürgt hatte. Nur die Hoffnung ist seelisch nicht gestorben. Während der Mann schweißnass und seiner Ehre beraubt im Dämmerlicht entschwindet, kniet die Frau vorne und summt fix und fertig Wortfetzen aus dem Song „Somewhere over the rainbow“.
Ringrichterin in der ersten Reihe
„Raging Bullshit“ nennt Catherine Guerin in Anlehnung an einen Boxkampf das von ihr in knapp zehn Szenen inszenierte eindringliche Kammerspiel, das zeigt, was sonst in Deutschland hinter mancher verschlossener Tür so oder ähnlich passiert: die Eskalation hin zur Gewalt. Dank der hervorragenden Darstellung der Tänzer Miriam Markl und Lorenzo Ponteprimo wird auf offener Bühne gespielt, wo die Gründe für Eskalation und damit für Gewalt in jeglicher Form liegen: in mangelnder Empathie, fehlender Kompromissbereitschaft und Rechthaberei.
Den anderen in der Hinsicht wahrzunehmen, was das eigene Reden und Handeln in ihm auslösen könnte, das gelingt den Figuren dieses meisterhaften, dramaturgisch perfekt gebauten Duetts kaum. Als beide – symbolisiert durch einen kleinen Tisch, auf dem sie die Steine wie ein Brettspiel platzieren – dabei sind, ihre gemeinsame Wohnung einzurichten, korrigieren sie die Entscheidungen des anderen, anstatt an einem Strang zu ziehen. So lange, bis Markl den Tisch umwirft und das gemeinsame Vorhaben aus seiner Sicht zerstört. Symbolische Reichweite hat auch das intelligente Regiekonzept. Guerin sitzt in der ersten Reihe und läutet, sobald eine Szene den jeweiligen Siedepunkt erreicht hat, per Schlag auf die Klingel deren jeweiliges Ende ein. Nur zum Schluss muss sie öfter klingeln. Im echten Leben gibt es eine solche Instanz kaum.
Gespräch über das Unsagbare
In der anschließenden Gesprächsrunde erzählten die Mediatorin Claudia Funke, die Autorin, Bildungsreferentin und Aktivistin Melanelle B.C. Hémêfa und der Polizist Dominik Dommer von Situationen und Strategien aus ihrem Arbeitsleben, in denen es darum geht, Eskalation zu vermeiden. Moderiert wurde die Runde von Philipp Bode, an dessen Neigung zur Langatmigkeit es allerdings lag, dass die Diskussion inhaltlich doch zu kurz sprang. Zu wenig wurden jene Faktoren benannt, die zu Eskalation führen können: hierarchisches und machtorientiertes, diskriminierendes Denken oder Klassendenken im Speziellen. Nur Melanelle B.C. Hémêfa gelang es, ahnbar zu machen, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, in der im Unterbewusstsein rassistische Denkmuster kursieren: „Ich denke eigentlich jeden Tag daran und darüber nach und merke, dass meine Hautfarbe schwarz ist“, sagte sie, nachdem Bode bemerkt hatte, er habe nie darüber nachgedacht, dass er weiß sei.