Ludwigshafen Das Geheimnis des Gewöhnlichen
„Lost in Space“ nennt der Fotograf Günther Wilhelm die neue Ausstellung in seinem Atelier im Ludwigshafener Hemshof. Den Titel hat er von einer Reihe des Doku Centers Ramstein übernommen, zu deren Auftakt 2012 er in den verlassenen amerikanischen Stützpunkten Sembach und Husterhöhe fotografiert hat. Diese Arbeiten bilden die Hauptmenge in einer Gesamtschau seines fotografischen Werks.
Von Hause aus ist Günther Wilhelm Radierer, und so haben seine Fotobilder sehr viel mit Grafik zu tun, sind aber – paradoxerweise, möchte man sagen – malerischer als Grafik und als Fotografie. Das liegt an der Unschärfe der Konturen und der delikater Einfärbung. Wer im Foto das Grafische hervorheben möchte, hat heute neben der Wahl von Motiv und Belichtung auch diverse digitale Bearbeitungsmöglichkeiten. Doch all dieses interessiert Günther Wilhelm nicht. Er hat sich den Techniken aus der Frühzeit der Fotografie zugewandt, arbeitet und experimentiert mit Lochkamera, Heliogravüre, Cyanodruck, Salzdruck, Gummidruck. Besonders häufig wählt er den Gummidruck. Dazu wird Gummi Arabicum auf das Papier aufgetragen. Belichten, trocknen lassen, abermals belichten – bis zu viermal. Das ist ein langwieriger und arbeitsaufwendiger Prozess. Spuren davon sind an den Bildrändern zu erkennen. Das Ergebnis ist ein Unikat mit einer höchst eigenen Anmutung. Einerseits altertümlich, denn in Unschärfe und Tonung hat es viel mit alten Fotos gemein. Andererseits wirken Bildinhalte und Aura durchaus zeitgenössisch. Wilhelm fotografiert vorzugsweise banale, eigentlich hässliche Architekturen, sowie gewöhnliche Bäume und Gebüsche. Aber sie kommen so gar nicht dokumentarisch heraus; sie sind romantisch transformiert und sprechen das Gefühl an, jedoch ohne Anflug von Nostalgie. Aus dem Unscheinbaren und Gewöhnlichen ist etwas Geheimnisvolles entstanden. In besonderem Maße gilt diese Ambivalenz für das Projekt über die verlassenen amerikanischen Militäranlagen. Manche hat Wilhelm infrarot aufgenommen: Die aufgetragene Filmschicht reagiert auf Infrarot. „Man selbst sieht nicht, was man fotografiert“, erklärte Wilhelm dieses Verfahren, das Resultate hervorbringt, die geradezu außerirdisch wirken. Da sieht ein Hangar wie ein fremdartiger Monolith aus und wird von fahlem Gebüsch gespenstisch umweht. Das Abschreckungspotenzial aus dem Kalten Krieg präsentiert sich als leere, heruntergekommene Baracken, als Gewirr von Zäunen, als Reihe trister Fassaden, als nicht mehr erkennbare Anlagen, die vom Wald zurückerobert werden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen hier auf eine stille, schwebende, melancholische Weise aufeinander, die zu denken gibt über Zeit, Raum und die Nutzlosigkeit menschlichen Tuns. Die Aufnahmen entstanden auf der ehemaligen Sembach Air Base. Diese war Flugplatz der französischen Besatzung, dann Fliegerhorst der Wehrmacht, wieder Standort der Franzosen, zuletzt der Amerikaner und bietet damit eine Pfälzer Militärgeschichte der letzten 100 Jahre. Fotografiert hat Wilhelm auch auf dem zugehörigen Kasernen- und Wohnkomplex Husterhöhe bei Pirmasens und der verwunschen in den Wäldern liegenden Radarstation Langer Kopf. Die Bilder pflastern die Teile der Wände, die in Wilhelms vollgestopftem Atelier bisher noch nicht besetzt waren. Allein dieses Atelier ist eine Besichtigung wert. Die Bilder aus älteren Fotoreihen kann man auch in mehreren Fotobüchern ansehen. Termine —Hartmannstraße 45 in Ludwigshafen, bis 2. Oktober, Sa, So, Mo 14-18 Uhr, 23./24. September 14-19 Uhr (offene Ateliers). —Heute 14-23 Uhr, Lange Nacht der Fotografie, 17 Uhr Lesung mit Udo Pagga.