Mannheim
Das digitale Familienkonzert „Mara tanzt durch München“
Statt gemeinsam ins Mannheimer Opern- oder Schauspielhaus zu pilgern, klappt man also einfach den Laptop auf und sagt zum Beispiel: „Kommt, wir schauen uns jetzt ein Familienkonzert an.“ So geschehen und gleich mehrfach in den vergangenen Tagen, nachdem man die Webseite des Nationaltheaters Mannheim aufgerufen hat, um das neue digitale Kinderkonzert „Mara tanzt durch München“ daheim auf dem Bildschirm kennenzulernen.
Die auffälligen, mit herrlich leichter Hand gezeichneten Illustrationen schuf der aus Mexiko-Stadt stammende Künstler Ernesto Lucas, der sich seit der Pandemie längst in der deutschen Theaterwelt einen Namen macht. Den Text und das Konzept erstellte Oliver Riedmüller. Die Blasmusiker Nikolaus Friedrich, Eberhard Steinbrecher, Felix Hüttel, Rüdiger Kurz und Karsten Parow spielten die Musik ein.
Kunstvolles Kleinod
Kaum hat man als Erwachsene staunend die ersten so kunst- wie liebevoll gezeichneten Szenen dieses herrlichen Kleinods genossen und verstanden, dass Mara ein Raketenmädchen ist, das durch die Welt fliegt und in den 1930er-Jahren Station macht im Musikzimmer des Komponisten Karl Amadeus Hartmann in München, begleitet durch die ersten Takte der von ihm 1931 verfassten „Tanzsuite“, kräht die nächste Generation unwillig: „Ich mag das nicht hören, das ist etwas für kleine Babys.“ Der Versuch, den jungen Zuschauer zu halten, misslingt. Nach zehn Minuten klappt man den Laptop zu.
Allein gelassen, hört man sich nochmals diese ersten zehn Minuten an und versteht: Die dramaturgisch richtig gelöste Notwendigkeit, das erste Drittel von Hartmanns vielseitiger, alle Kunstströmungen jener Zeit unbekümmert aufnehmender Musik mit der Einführung der Mara-Figur zu verbinden und dabei auch noch sowohl Erwachsene als auch Kinder zu erreichen, war für die an kurze Aufmerksamkeitsspannen gewöhnte Glotz-Gemeinde, die sich in den Kinderzimmern über die Monate der Pandemie entwickelt hat, zu langatmig. Statt Action und Geschrei zu liefern, flog die Figur wie eine Biene Maja durch eine gezeichnete Stadt. Wäre man im Theater, wäre der Protest nicht so schlimm ausgefallen. Das Gesamterlebnis aus Sitzen, Atmen, Schauen, Flüstern, Hören verbraucht Zeit. Theater gehört zu den langsamen Prozessen. Theater entschleunigt. Ist die Aufführung vorbei, ist sie aber auch unwiederholbar.
Immer im Takt
Beim digitalen Familienkonzert aber startet man am nächsten Abend einen neuen Versuch und steigt gemeinsam mit dem Nachwuchs gleich ab Minute elf ein, in dem Moment, als der Komponist erzählt, dass er einen Teil der Musik vergessen hat, die er niederschreiben wollte. Der Laptop steht nun beiläufig im Küchenregal. Die Geschichte lockt das junge Publikum an. Es hört mit Interesse, dass Mara dem Komponisten helfen möchte. Mit ihrem Gedankenradar vermag sie in Hartmanns Kopf hineinzusehen, und sie weiß, sie muss in diesen hinein, um den vergessenen Musikteil für ihn zu finden. Hierfür bedarf es eines besonderen Rhythmus’. Spätestens jetzt guckt das Kind mit wachen Augen auf den Bildschirm und klatscht in die Hände. Es holt das Cajón und sagt, dort gehe es besser mit dem Schlagen. Zigmal wird ab jetzt der Rhythmus geklopft und geklatscht. Minute 17 bis 20, immer wieder im „Stop, back and go“-Modus angeklickt, haben die Wende gebracht, ebenso die Möglichkeit, mitzumachen.
Aufmerksam schauen nun alle gemeinsam auf die Instrumente, die in der Geschichte nach und nach vorgestellt werden. Natürlich geht diese so aus, dass Mara den Musikteil findet und Hartmann glücklich seine Tanzsuite vollenden kann. Das Publikumsgespräch findet gleich danach im Anschluss statt. Es wird rekapituliert und noch ein wenig getrommelt und gesprochen. Hartmanns Tanzsuite klingt in einem stärker nach, als wenn man vom Theater kommen würde. Der Rest: schon wieder vergessen. Was will man mehr?
Termine
Das Familienkonzert „Mara tanzt durch München“ ist noch bis Sonntag, 17. Oktober, kostenfrei auf der Webseite des Nationaltheaters abrufbar: unter www.nationaltheater.de in der Rubrik „Oper“. Das nächste Familienkonzert im Opernhaus findet am Sonntag, 7. November, 11 Uhr, statt, ein weiteres am Sonntag, 19. Dezember, 11 Uhr.