Ludwigshafen
Corona und das Jobcenter: Anzahl der Anträge auf Grundsicherung verdreifacht
„Wir sind für diejenigen da, die ihren Lebensunterhalt und beispielsweise ihre Miete nicht zahlen können“, erklärt Anja Hölscher, Geschäftsführerin des Jobcenters Vorderpfalz-Ludwigshafen. Grundsicherung kann also auch beantragen, wer ein Einkommen aus Arbeit hat, das ihm und seiner Familie jedoch nicht zum Leben reicht. Oder derjenige, der aktuell Kurzarbeitergeld erhält – sofern das zu wenig ist. Wer seine Arbeit plötzlich ganz verliert, ist natürlich noch stärker gefährdet, hilfebedürftig zu sein. Wenn das Arbeitslosengeld nicht ausreicht, greift die Grundsicherung.
All das scheint in der Corona-Krise oft vorzukommen. Anja Hölscher berichtet, dass sich die Anzahl der Neuanträge auf Arbeitslosengeld II (landläufig „Hartz IV“) zwischen Ende März und Mitte Mai verdreifacht hätte. Statt 100 Neuanträge in der Woche seien es in dieser Zeit rund 300 gewesen. Inzwischen sei man wieder auf einem normalen Niveau.
Auch Selbstständige betroffen
17.074 Menschen waren im Mai im Bezirk der Arbeitsagentur Ludwigshafen arbeitslos. Davon sind 10.075, also der Großteil, beim Jobcenter registriert. Das sind laut Arbeitsagentur 667 mehr als im Monat April. In der Stadt Ludwigshafen ist das Jobcenter für 6213 Kunden zuständig (plus 406), im Rhein-Pfalz-Kreis für 1649 (plus 106). Betroffen seien vor allem Menschen, die auch schon vor Corona ein niedriges Einkommen hatten, erklärt Hölscher. Ganz weggebrochen sei es dann vor allem bei Angestellten in der Gastronomie, im Handel und im Dienstleistungsbereich. Doch unter den Neuantragstellern seien auch Selbstständige. Künstler beispielsweise seien in der Finanzkrise „kein Thema“ beim Jobcenter gewesen – jetzt schon.
Und es gibt weitere Besonderheiten der Corona-Krise. Einige Antragsteller hätten schnell gesagt: „Ab nächstem Monat brauchen wir keine Hilfe mehr.“ Das berichtet Bereichsleiter Yavuz Celik. Als Beispiel nennt er Fahrschulen. Denn für viele Betriebe geht die Arbeit nach einem vorübergehenden Einbruch wieder weiter.
Antragstellung vereinfacht
Der erste Kontakt mit dem Jobcenter kann eine Überwindung sein. Aktuell sei das anders. „Man hat nicht das Gefühl, man selber hat versagt“, berichtet Hölscher. Schließlich sei es die allgemeine Situation, die an der persönlichen Lage Schuld ist. Auch würden viele positiv überrascht. „Die, die das erste Mal mit uns zu tun haben, hatten sich das bürokratischer vorgestellt“, sagt Celik. Doch derzeit gebe es einige Vereinfachungen, etwa bei der Vermögensprüfung.
Auch beim Jobcenter intern hat sich seit Corona einiges geändert. Mitte März habe man schlagartig vom persönlichen Kundenkontakt aufs Telefon und auf die digitale Kommunikation umstellen müssen. Ungewohnt, denn „das Jobcenter hat eine sehr hohe Kundenfrequenz“, so Hölscher. Ein Vorteil für das Jobcenter Vorderpfalz-Ludwigshafen sei dabei gewesen, dass man ohnehin „Vorreiter in der Digitalisierung“ sei. So wurde schon vor mehr als zwei Jahren die E-Akte im Haus eingeführt. Sie ermöglicht Homeoffice. Mit Papierbergen an Unterlagen wäre das nicht möglich.
400 Mitarbeiter in fünf Gebäuden
Das Jobcenter hat rund 400 Mitarbeiter. Sie sind verteilt auf eine Geschäftsstelle in Frankenthal, eine in Speyer sowie drei Gebäude in Ludwigshafen. Zwischen den Gebäuden gebe es seit Corona keinen persönlichen Kontakt mehr, berichtet Anja Hölscher. Da das Jobcenter auch vermittelt, werde bei einem Neuantrag in einem ersten Gespräch ausgelotet, welche Alternativen es gibt. Schließlich werde in einigen Branchen, etwa Lager und Logistik, durchaus noch eingestellt. Doch viele seien in ihrer bisherigen Branche sehr glücklich – und hoffen einfach darauf, irgendwann dort wieder normal arbeiten zu können.