CD-Tipp
Claus Boesser-Ferraris eigenwillige Hommage an Jimi Hendrix
Es ist der 11. März 1967. Im pfälzischen Bellheim hat der 14-jährige Claus Boesser die Sendung „Beat Club“ eingeschaltet. Auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher erscheint Jimi Hendrix und spielt „Hey Joe“ zusammen mit Mitch Mitchell und Noel Redding. Beim Solo nimmt Hendrix seine E-Gitarre hoch und zupft mit den Zähnen. Das zweite Stück ist „Purple Haze“. Für dieses Solo dreht sich Hendrix zu seinem Verstärkerturm um, die Gitarre beginnt in einer Rückkopplung zu heulen. Mit dem Vibratohebel lässt der Gitarrist die Töne abstürzen und macht dazu aus der Hüfte eindeutig zweideutige Bewegungen. Claus ist wie vom Donner gerührt. Aus der Küche ruft seine Mutter: „Wenn das möglich ist, ist die Welt verloren.“ Doch für Claus hat sich gerade eine neue Welt aufgetan.
„Mir wurde klar, dass es in der Musik um mehr geht, als schöne Töne zu spielen, dass ganz andere, existenzielle Dinge dahinterstecken“, erzählt Boesser-Ferrari. Der in Ladenburg an der Bergstraße lebende Musiker hat selbst neue Klang- und Spielweisen erschlossen. Er spielt vorwiegend akustische Gitarren, aber „elektrifiziert“. Mit Hall, Echo und Verzerrung erweitert er die natürlichen Klänge, mit Klopfen, Kratzen, Schaben und verschiedenen Utensilien erzeugt er Geräusche. Doch er spielt auch klassisches Fingerpicking, kann ganz melodisch und „schön“ klingen, wenn er will. Seine Auftritte sind seit vielen Jahren improvisiert, und fast immer schleicht sich da ein Hendrix-Zitat ein. Und eigentlich war schon immer klar, dass eines Tages ein Hendrix-Album von ihm kommen würde.
Selbsternannte Gralshüter vor den Kopf gestoßen
Auf dem Album sind Boesser-Ferraris Lieblingsstücke versammelt. Allerdings spielt er nicht einfach Hendrix-Licks und -Akkorde, er erklärt ausdrücklich, das Album sei kein „Tribute-Album“. Bei allen Stücken hört man zuerst Boesser-Ferrari und seine typische Klangästhetik, dann aber kristallisieren sich gerade die Schnipsel heraus, die beim Hören den „Aha! Hendrix!“-Moment auslösen. „Ich habe versucht, die DNA der Stücke bloßzulegen“, erklärt er dazu.
Es gibt viele Gitarristen, die Hendrix beschwören. Andere nehmen die melodischsten Stücke und spielen sie akustisch „wohlklingend“ nach. Boesser-Ferrari hat einen anderen Weg gewählt: Bewusst stellt er heraus, was Hendrix für ihn als Künstler bedeutet. Und bewusst macht er das in seiner eigenen Klangsprache und nimmt in Kauf, selbsternannte „Gralshüter“ damit vor den Kopf zu stoßen. „Es sind schon Leute nach Konzerten zu mir gekommen, um mir zu sagen: ,Das geht gar nicht!'. Aber damit werde ich leben müssen“, sagt er.
Sämtliche Aufnahmen sind live improvisiert und ohne zusätzliche Overdubs eingespielt, teils vor Publikum und mit Tänzerinnen. „Ich wollte mit dem Tanz eine weitere Ebene der Musik für mich erfahrbar machen“, sagt der Gitarrist. Und so hat er, gleichsam nebenbei, ein Album geschaffen, das viel mehr von Hendrix' Geist und Haltung vermittelt, als alle Kopisten und Nachspieler je erreichen werden.
CD-Tipp
„The Wind Cries Mary“ von Claus Boesser-Ferrari ist bei Acoustic Music Records erschienen.