Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Christoph 112: Fliegende Intensivstation für Covid-19-Patienten in Oggersheim stationiert

Pilot Norbert Spohn von der ADAC-Luftrettung.
Pilot Norbert Spohn von der ADAC-Luftrettung.

Für den riskanten Transport von Covid-19-Patienten ist an der BG Klinik in Oggersheim seit Kurzem neben Christoph 5 ein zweiter Rettungshubschrauber stationiert worden. Christoph 112 können Leitstellen in allen Bundesländern anfordern. Zentral ist der Standort Ludwigshafen aber vor allem für den Südwesten Deutschlands.

Von Andrea Döring

„Der Transport eines beatmeten Covid-19-Patienten ist ein heißer Ritt“, sagt Paul Alfred Grützner. Der Professor ist Ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen (BG) Klinik in Oggersheim. Um die schwierigen Wege von einem Krankenhaus zum anderen, bei denen sich der Zustand der Kranken oft verschlechtert, besser bewältigen zu können, ist am Hangar der Klinik auf Initiative des rheinland-pfälzischen Innenministeriums seit 6. April der Intensivtransporthubschrauber Christoph 112 stationiert, zusätzlich zu Christoph 5.

Vorerst bis September im Einsatz

Christoph 112 ist der erste Rettungshubschrauber des ADAC für Transporte von Covid-19-Patienten, den Leitstellen in allen Bundesländern anfordern können. Die Stationierung in Ludwigshafen ist für den Südwesten Deutschlands zentral. Bereits siebenmal war Christoph 112 seit Anfang April im Einsatz, darunter fielen drei Transporte von Covid-19-Patienten. Bis Ende September soll er hier vorerst im Einsatz bleiben, eine Verlängerung ist möglich.

Speziell ausgebildete Techniker

„Die Patienten erleiden oft einen dramatischen Verfall“, begründet Grützner, warum die notwendigen Verlegungen für beatmete Covid-19-Patienten so gefährlich sind. Der neue Hubschrauber ist eine fliegende Intensivstation, die die Gefahr mildern kann. In seinem Innern ist genug Platz, um während des Flugs eine Lungenersatztherapie durchzuführen. Extra-Corporale Membran-Oxigenierung, kurz: ECMO, heißt das Verfahren. Mit Hilfe von zwei Kanülen entfernt das Gerät außerhalb des Körpers Kohlendioxid aus dem Blut, reichert es mit Sauerstoff an und führt es wieder zurück.

3,7 Tonnen maximale Startmasse

Nicht nur Platz braucht man zum Bedienen der ECMO-Ausrüstung, sondern auch speziell ausgebildete Techniker. „Zusätzlich zum Piloten, dem Notarzt, dem Rettungssanitäter, der normalen Besatzung von Christoph 5, können noch zwei weitere Mitarbeiter mitfliegen“, erklärt Rüdiger Neu, Pilot und Flugbetriebsleiter Südwest der ADAC-Luftrettung. 3,7 Tonnen maximale Startmasse kann Christoph 112 mitführen.

Empfindliche Nachtsichtgeräte

Viel Sprit passt in den Tank, sodass der Hubschrauber weite Strecken zurücklegen kann. Mit Hilfe von Night-Vision-Brillen (NIVS) und einer dimmbaren Beleuchtung, die der Pilot auch mit den empfindlichen Nachtsichtgeräten ablesen kann, können die Piloten Christoph 112 auch nachts starten und landen. Der H 145 der Firma Airbus ist technisch auf dem neuesten Stand. „Das sind zwei Hubschrauber in einem, zwei Turbinen, doppelte Hydraulik und ein Vier-Achs-Autopilot. In fliegerischer Hinsicht geht mir das Herz auf“, schwärmt Pilot Norbert Spohn, Stationsleiter Luftrettungszentrum.

Piloten, Ärzte, Sanitäter und Techniker müssen zum Schutz vor Corona noch aufwendigere Hygienevorkehrungen als sonst treffen. Vollschutz, Brille, Helm, Handschuhe und Ganzkörper-Schutzanzug muss die Mannschaft wegen der Ansteckungsgefahr tragen. Spohn ist durch einen Kunststoffvorhang noch zusätzlich abgeschirmt. Nach jedem Flug wird der Hubschrauber – wie bei anderen Einsätzen - gründlich desinfiziert.

Zusätzlich Intensivmediziner

„Beim ersten Einsatz war ich ein bisschen angespannt“, erinnert sich Mediziner Alexander Schellhaaß. „Durch die Kombination von Brille und Schutzbrille ist das Sichtfeld eingeschränkt, und die Brille beschlägt oft“, berichtet er. Er will verschiedene Schutzbrillen-Modelle testen. Heute trägt er Kontaktlinsen. „Aus dem Schutzanzug kommt man alleine gar nicht heraus. Die Kollegen müssen einen herausschneiden“, erzählt er. Wie alle Ärzte, die beim Transport von Covid-19-Patienten im Einsatz sind, ist der Oberarzt nicht nur Notarzt, sondern zusätzlich auch Intensivmediziner.

„Weltweiter Stresstest“

„Das kann kein junger Notarzt machen, der noch lernen muss“, erklärt Grützner. Die Corona-Pandemie zeige, dass Spezialisierung wichtig sei. „Heute kann nicht mehr jeder alles machen“, meint er. „Die Pandemie ist ein weltweiter Stresstest für Medizin- und für Wirtschafts-Systeme, aber auch für die Demokratie“, betont Grützner. Innenminister Roger Lewentz, der ein Grußwort spricht, dankt Grützner für die schnelle und unbürokratische Bereitstellung des Hubschraubers. Er richtet aber auch einen Appell an den Sozialdemokraten als Politiker, das Recht auf Freiheit nicht aus dem Blick zu verlieren.

Weniger Freiheit als sonst gibt es während der Corona-Pandemie auch bei der Erstellung der Dienstpläne. Es gibt – wie in zahlreichen anderen Firmen in Corona-Zeiten – feste Teams, die für vier Tage gemeinsam im Einsatz sind. Damit will man hohe Ausfallzahlen im Falle einer Ansteckung vermeiden.

„Sonst wird der heiße Ritt noch viel heißer“

Dass der alte Hangar noch nicht – wie geplant – abgerissen ist, macht den Einsatz eines zusätzlichen Hubschraubers möglich und erleichtert die Trennung der Teams. Doch nicht nur an Schutz vor Corona denken die Verantwortlichen beim Einsatz im neuen Hubschrauber. Christoph 112 verfügt über eine Klimaanlage gegen die Hitze. Das ist wichtig für die Mannschaft, die auch im Sommer im Vollschutz arbeiten muss. Grützner trocken: „Sonst wird der heiße Ritt noch viel heißer.“

Christoph 112 am Start- und Landeplatz. Rechts dahinter der Standard-Rettungshubschrauber Christoph 5.
Christoph 112 am Start- und Landeplatz. Rechts dahinter der Standard-Rettungshubschrauber Christoph 5.
Minister Lewentz (links) blickt ins Cockpit des Hubschraubers.
Minister Lewentz (links) blickt ins Cockpit des Hubschraubers.
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