Ludwigshafen Chaos auf der Kurischen Nehrung

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Um eine wichtige Frage vorwegzunehmen: Die Kurische Nehrung ist eine grob 100 Kilometer lange Landzunge, die zur Hälfte zu Litauen, zur Hälfte zur russischen Exklave Kaliningrad gehört. Sie trennt das Kurische Haff – eine riesige Ansammlung vereinsamten Brackwassers – von der Ostsee. Chaos gab es da nur ein ganz kleines, subjektives. Meines nämlich, als ich auf einer recht spontanen Reise durch das Baltikum einen Zwischenstopp auf der malerischen Halbinsel einlegte. Ich vertrete die Meinung, dass das Gefühl absoluter Freiheit im Urlaub keine Planung verträgt, bin deshalb einfach mal aufgebrochen und war irgendwann sehr froh, niemanden mitgenommen zu haben. Weil der angesichts meiner völligen Orientierungslosigkeit vermutlich bereits an Tag drei einen Nervenzusammenbruch erlitten hätte. Außerdem wäre mir das Ganze irgendwann sicher peinlich geworden. Mit „das Ganze“ meine ich etwa die Tatsache, dass meine Reise fast schon am Flughafen Vilnius geendet hätte, weil meine Kreditkarte sich partout weigerte, den freundlichen Europcar-Herrn Geld von meinem Konto abbuchen zu lassen. Ich meine auch, dass ich beim Versuch, meine Unterkunft in der Altstadt zu betreten, im Kampf gegen ein High-Tech-Türschloss unterlag, das einen Sicherheitscode von mir verlangte. Ich kam erst nicht rein und dann – nachdem ich mich heimlich hinter einem Mütterchen mit Kopftuch in den Flur geschlichen hatte – leider nicht wieder raus. Ich meine Zwischenfälle wie den, als ich stundenlang nach dem geografischen Zentrum Europas – jawohl, das liegt in Litauen – suchte, weil es dazu nun mal keine Adresse gab. Oder den, als ich auf dem Weg von Kaunas nach Klaipeda an sämtlichen Sehenswürdigkeiten vorbeirauschte, weil ich erst auf der Autobahn realisierte, dass die Hinweisschilder für Touristen alle in der Landessprache verfasst sind – ohne englische Übersetzung. Oder den, als das Navi im lettischen Hinterland nervöse Zuckungen bekam und der Pfeil sich nur noch hilflos im Kreis drehte. Oder den, als ich, den Wetterbericht wacker missachtend, stundenlang triefnass durch ein estnisches Hochmoor irrte. Das Schlimmste aber – und daher der Titel – ist ein Vorfall auf der Kurischen Nehrung gewesen. Da suchte ich nach einer der größten Dünen Europas. Nicht lachen jetzt! Die versteckt sich, sonst hätte sich das österreichische Seniorenpaar sicher auch nicht an meine Fersen geheftet. Ich bemerkte die beiden leider viel zu spät. Vermutlich schlossen sie sich mir schon auf dem Parkplatz in Strandnähe an. Weil sie mich wegen des baltischen Nummernschilds für halbwegs ortskundig hielten. Ich vermute außerdem, dass sie schwer enttäuscht waren, als sie nicht etwa auf der Düne, sondern an einem litauischen Nacktbadestrand landeten. Den wollten sie bestimmt ebenso wenig wie ich besuchen Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Mein Urlaub war genial. Ich kann das Baltikum mit historischen Städten, wunderbaren Landschaften und technischen Finessen nur empfehlen. Allerdings muss ich noch mal hin, um alles zu sehen. Außerdem schätze ich mich glücklich, den Weg zurück nach Ludwigshafen gefunden zu haben und bin sicher: Egal was sich die Stadt an Baustellen noch einfallen lässt, ich werde nicht verlorengehen! Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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