Ludwigshafener Geschichte(n)
Brau-Giganten in der Innenstadt: Als Ludwigshafen eine Bier-Metropole war
Als ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Industriestadt Ludwigshafen rasant wuchs, war immer mehr Bier in aller Munde – vor allem bei den Arbeitern. Der preiswerte Gerstensaft wurde überwiegend in der Stadt selbst produziert und ließ zunächst kleine Brauereien von einfallsreichen Landwirten wie Peter Frank, Johann Deutsch oder Heinrich Stauffer entstehen. In wenigen Jahren entwickelte sich die junge Stadt mit zwei Großbrauereien zu einer „Biermetropole“, die um 1900 die gesamte Umgebung rechts und links des Rheins mit dem Gerstensaft versorgte.
Dazu trug wesentlich der Münchener Unternehmer Georg Pschorr (1830-1894) aus der legendären bayerischen Brauereifamilie bei: Der Brauerei- und Gutsbesitzer gehörte 1861 neben dem damaligen Ludwigshafener Kaufmann und Bürgermeister Heinrich Wilhelm Lichtenberger (1811-1872) und dem Industriellen Franz Paul Giulini (1796-1876) zu den Gründern der „Aktienbrauerei Ludwigshafen“, damals die erste Brauerei-AG Bayerns.
Mehr als 100 Mitarbeiter
Pschorr übernahm als Experte die technische Oberleitung und sorgte mit der Braustätte im Stadtquadrat auf dem Gelände des heutigen Pfalzbaus für eine moderne Anlage mit zunächst 40 Mitarbeitern, die bald von vielen interessierten Fachleuten besucht wurde. Alle damals bedeutenden Fortschritte und Errungenschaften auf dem Gebiet der Brauerei und Mälzerei wurden sofort in der Ludwigshafener Brauerei realisiert.
Die „Ax“ – wie die Brauerei noch nach dem Zweiten Weltkrieg im Volksmund hieß – war mit einem Gründungskapital von 320.000 Gulden vor allem für Grunderwerb, Betriebsanlagen und Fuhrwerke ausgestattet und verarbeitete mit meist mehr als 100 Mitarbeitern überwiegend Gerste aus der Vorderpfalz. Für die Landwirte rund um Ludwigshafen war der Brauereibetrieb lukrativ, denn nach einer Auflistung des Stadtverwaltung um 1900 wurde im Laufe der Jahre in der Mälzerei bei relativ kurzen Anlieferungswegen Gerste für zwölf Millionen Mark verarbeitet. Der Staat Bayern kassierte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts von der Brauerei über fünf Millionen Mark Malz- und Biersteuern. Die Stadt Ludwigshafen freute sich über jährlich über 25.000 Mark Lokalmalzaufschlag. Und den Kunden schmeckte das „Ax“-Bier: Der Bierausstoß in den rund 40 Jahren nach der Gründung der Brauerei verachtfachte sich bis zum Jahr 1900 auf etwa 90.000 Hektoliter pro Jahr.
Zwei Brauereien in der City
Der wirtschaftliche Erfolg der Aktienbrauerei ließ andere Unternehmer nicht ruhen. Doch erst im April 1890 entstand mit der „Aktiengesellschaft Bürgerbräu“ mitten in der Innenstadt eine zweite Brauerei von Rang. Aktionär war neben anderen Investoren der Verleger Julius Waldkirch (1840-1911). Die neue Braustätte übernahm im Februar 1901 die eigentlich erfolgreiche Privatbrauerei von Peter Fuhrer, der als Aufsichtsratsvorsitzender weiter dabei war und seinen Sohn Heinrich zum Braumeister machte. Das Bürgerbräu startete 1890 mit einem Jahresausstoß von 9320 Hektolitern. Zehn Jahre später waren es schon 67.400 Hektoliter. Schließlich überholte das Bürgerbräu die Konkurrenz mit einem Jahresbierausstoß von rund 120.000 Hektoliter kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Dazu trugen auch zwei beliebte hauseigene Gaststätten bei: Das „Große Bürgerbräu“ mit Nebenräumen und mehr als 600 Plätzen in der Ludwigstraße und das „Kleine Bürgerbräu“ in der Bismarckstraße.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden innerhalb weniger Jahre die beiden einstigen Ludwigshafener Groß-Brauereien Opfer der Konzentration großer Brauereikonzerne in Deutschland wie der Henninger-Bräu in Frankfurt. Zunächst versuchten die Ludwigshafener am 31. Januar 1952, mit der Fusion ihrer beiden Brauereien der Entwicklung noch entgegenzusteuern und erweiterten im März 1954 sogar die Bürgerbräuanlagen. Doch am 18. März 1971 kam mit der Produktionseinstellung das Aus und der Übergang an die Henninger-Bräu, später an die Eichbaum-Brauerei. Aus dem ehemaligen Bürgerbräu-Gelände wurde der „Bürgerhof“, auf dem früheren „Ax“-Gelände entstand der Pfalzbau.
Biergarten an der Wormser Straße
Im 1938 eingemeindeten Oggersheim bestanden schon Jahrzehnte früher als im aufstrebenden Ludwigshafen Bierbrauereien. Bereits im Jahr 1760 betrieb Johannes Schalk eine Braustätte, die im Jahr 1800 von Michael Gauß gekauft und weiter ausgebaut wurde. Seine Nachfahren Carl Wilhelm (1802-1875), Eduard (1831-1893) und Georg (1854-1902) waren nicht nur angesehene Brauer, sondern allesamt zeitweise auch Bürgermeister von Oggersheim. 1880 verkauften die Gauß-Brauer Brauerei und Einrichtungen am Schillerplatz sowie Biergarten und Lagerkeller an der Wormser Straße an Heinrich Wilhelm Treiber, der mit der Brauerei „Feldschlösschen“ erfolgreich in ihre Fußstapfen trat. Der 2005 verstorbene Urenkel Walter Treiber, seit 1962 Chef des Hauses, sorgte schließlich für das „Aus“ der Brauerei, als er sie 1982 an die Pfungstädter Brauerei verkaufte. Von der einstigen Brauerei an der Wormser Straße ist nichts mehr vorhanden. Das Gebäude wurde abgerissen.
Den Oggersheimern blieb noch die heutige Privatbrauerei Gebrüder Mayer mit ihren markanten historischen Bauten und der „Hauswirtschaft“ an der Schillerstraße. Das 1846 gegründete Brauhaus ist mittlerweile die älteste Brauerei der Pfalz und das älteste noch aktive Wirtschaftsunternehmen der Stadt Ludwigshafen. Zwischendurch gab es auch noch die legendäre Weizenbierbrauerei Rheingönheim, die 1910 in der Oggersheimer Straße samt eigenem Ausschank entstand und mit dem Weizenbier auf Anhieb erfolgreich eine Neuheit auf den Markt brachte. 1925 wurde die Brauerei nach Rheingönheim verlegt, wo sie als „Weezebeez“ noch heute ein Begriff ist, obwohl sie 1992 an die Parkbrauerei Pirmasens verkauft wurde. Von den einst weit über 200 Brauerei-Beschäftigten in Ludwigshafen sind aktuell noch 30 in Oggersheim übrig geblieben. Nur die Privatbrauerei Mayer ist in der einstigen Bierhochburg Ludwigshafen noch aktiv.