Ludwigshafen
Blindes Verständnis: Richie Beirach und Regina Litvinova bei „Jazz am Rhein“
Richie Beirach und Regina Litvinova spielten am Samstag nicht wie üblich bei „Jazz am Rhein“ auf der Parkinsel, sondern auf dem Karl-Kornmann-Platz vor dem Jugend- und Kulturzentrum „das Haus“. Das von der Stadt Ludwigshafen veranstaltete Hochfest des Jazz, entstanden als Teil des Ludwigshafener Kultursommers, wurde von Schlagzeuger Christian Scheuber als künstlerischem Leiter entscheidend geprägt. Er lebte zusammen mit Litvinova und Beirach in einer Art Musik-WG auf einem Bauernhof in Heßheim bei Frankenthal. Zusammen nahmen die drei unter anderem die CD „Gaia“ auf.
Regina Litvinova, die ihre Klavierausbildung in Moskau startete und dann entscheidende Impulse beim Jazz-Studiums Jörg Reiter in Mannheim erhielt, spielte mit Scheuber auch schon im „Extreme Trio“, dem auch noch Markus Schieferdecker am Bass angehörte. Gemeinsam mit ihrem Schüler und Schlagzeuger Tobias Frohnhöfer führt sie nun die musikalische Institution „Jazz am Rhein“ fort.
Das Wetter bleibt immer ein Risiko
Das Charme des Ludwigshafener Festivals ist vielleicht der freie Eintritt, der es Neugierigen und Einsteigern erlaubt, sich in puncto Jazz ganz einfach einen ersten Überblick über die nach wie vor lebendige Rhein-Neckar-Jazz-Szene zu verschaffen. Es findet open-air statt, was immer ein gewisses Wetterrisiko mit sich bringt, aber kulturfeindlichen Viren deutlich weniger Chancen zum Angriff bietet.
Der US-Amerikaner Richie Beirach war auch schon früher in der Jazzlandschaft kein Unbekannter. Er traf im Laufe seiner musikalischen Karriere große Namen der Jazz-Szene, angefangen von Charlie Mariano, bei dem er studierte, über Stan Getz, Dave Holland, Jack DeJohnette oder Dave Liebmann, um nur ein paar zu nennen. 2000 bis 2014 unterrichtete Bairach an der Hochschule für Musik in Leipzig. Er vertont auch Filmmusiken.
Jazzfans sind hart im Nehmen
Beirach ruht in sich selbst und begrüßt die Zuhörer mit feinem Humor bei leichtem Nieselregen. „Hier sind die wahren Jazzfans geblieben, die Klassik-Fans sind schon gegangen.“ Das Publikum hat es sich auf dem mit Bierbänken und wenigen Tischen bestückten Platz gemütlich gemacht, die Bühne ist ein ausklappbarer Anhänger. Eine vorbeihupende türkische Hochzeit kommentiert Beirach trocken: „Die haben geheiratet – ein grosser Fehler – willkommen in Deutschland.“
Nachdem die Vorgruppe „Bilderband“ aus fünf Mannheimer Musikstudenten mit erfrischenden Kollektivimprovisationen das Auditorium eingestimmt hat, startet Richie Beirach in klassischer folkloristischer Stimmung, die ein wenig melancholisch wirkt. Regina Litvinova greift seine Vorlagen zunächst am E-Piano auf. „,Peace-Piece’ ist ein Stück von Miles Davis und Bill Evans, aber Bill Evans hat es wirklich geschrieben“, erläutert Beirach, und man könnte es im aktuellen Kontext als mahnende Erinnerungen an den unsäglichen Ukraine-Krieg verstehen.
Klassisches trifft Modernes, Neues, Eigenes auf Standards
Beirach wählt den sowjetisch-armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan, der in seinen Werke oft Elemente der kaukasischen Volksmusik aufgriff, Litvinova versucht am Synthesizer, einen Dialog in Gang zu bringen. Das ist eine echte Herausforderung, weil der Flügel mit Decken gegen die mögliche Unbill des Wetters geschützt ist, was die direkte visuelle Kommunikation zwischen den beiden schier unmöglich macht. Sie erlassen sich auf ihre langjährige Freundschaft und das gegenseitige musikalische Verständnis, das im Zuge des Abends immer besser wird.
Johann Sebastian Bach hat vor knapp 300 Jahren gelebt, ist aber - nicht nur im Jazz - immer noch präsent und eine dankbare Grundlage für Improvisationen, von klassisch, über wehmütig klagend bis frei improvisierend, wobei Litvinova die Vorschläge von Beirach mit allerlei elektronischen Effekten und Elementen kommentiert. Beirach bleibt klassisch und entfesselt zunächst keine Free-Jazz-Gewitter, die den Jazz für bestimmte Hörerschichten lange Zeit ungenießbar gemacht haben, nein solche Bedenken swingt er einfach weg, und Litvinova liefert ihm die Bassläufe dazu. Auch wenn die Klassikfreunde längst gegangen sind, selbst Beethovens Sonate E-Dur passe in den Jazz, betont Beirach danach, intensiviert das Zusammenspiel. Und Regina Litvinova hat auch noch einen Walzer komponiert, der das musikalische Eis endgültig brechen lässt.
Eine Musik, die das Gemeinsame sucht - die Politik kann sich daran ein Beispiel nehmen
Der Ungar Béla Bartók war schon zu Lebzeiten sehr „modern“, brachte die ungarische Volksmusik mit der modernen Klassik zusammen und nahm vermutlich irgendwie auch bereits das Wesen des Jazz vorweg. Jetzt bilden seine Kompositionen die Basis für Improvisationen der beiden Pianisten. Insgesamt bleiben Litvinova und Beirach ihrem Motto treu, Klassisches und Modernes, Eigenes, Fremdes, Neues und Althergebrachtes miteinander zu verbinden und trotz unterschiedlicher Wurzeln das Gemeinsame, Verbindende zu finden. Vielleicht sollte sich die Weltpolitik daran ein Beispiel nehmen. Und auch der Nieselregen sah bald ein, dass er gegen wahre Jazzfans keine Chance hat