Ludwigshafen Blickpunkt: Verwaister Strassenbahntunnel: Keine Abfahrt von Gleis 6
Ironisch, dass es gerade eine Brücke ist, die teilt. Und auf diese Weise verrät, dass von Gleis 6 niemand mehr abfahren wird. Die Linie 12 hat an der Haltestelle Rathaus am 13. Dezember 2008 das letzte Mal ihre Türen geöffnet. Hat hier, auf der gelb gekachelten C-Ebene Ludwigshafener ausgespuckt, die von Rheingönheim kommend in Richtung BASF unterwegs waren – oder von Oppau aus in den Ludwigshafener Süden. Die Brücke, eine provisorische Holzkonstruktion, führt jetzt mitten über die Gleise, erlaubt den anderen Bahnsteig zu erreichen, ohne ins Gleisbett zu treten, gleich einem ausgetrockneten Flussbett. Das Quietschen der Schuhsohlen auf dem schwarzen Gummibelag scheint das einzige Geräusch hier unten zu sein, hallt lange nach. Dann tauchen doch plötzlich Menschen auf. Keine Fahrgäste, sondern die Mitarbeiter in der Tunnelleitstelle. Die Verkehrsbetriebe Rhein-Neckar kontrollieren hier im Schichtdienst die Einfahrt der Züge unter dem Hauptbahnhof hindurch und unter dem Rathaus-Center. Blinkende Lichter auf bunten Bahnen, die eine große Tafel schmücken, verraten, wo sich die Züge befinden. Der ausgetrocknete Straßenbahnfluss der Linie 12 ist längst abmontiert worden. Hier ist nichts mehr zu kontrollieren. Oder doch, erklärt Martin Freudenberg vom Tiefbauamt der Stadt. Schließlich sind zwar die Straßenbahnen auf Ebene C verschwunden. Doch das Bauwerk steht immer noch, stemmt sich gegen Erschütterungen und Wassereintritt. Regelmäßig wird der Tunnel abgegangen, die Stadt ist Baulastträger. Freudenbergs Lampe erhellt reparierte Risse in der Wand, an einer anderen Stelle ist der Boden leicht feucht. Der Tunnel wirkt so, als könne jederzeit wieder eine Bahn hindurchfahren. Freudenberg schließt eine kleine Tür auf, zeigt Pumpanlagen, die das einsickernde Regenwasser aus der Tiefe über die Straßenentwässerung in die Kanalisation transportieren. Über eine steile Treppe geht es über einen Notausstieg ans Tageslicht, die Treppe endet direkt unter der Hochstraße Nord, die zur Kurt-Schumacher Brücke führt. Der Abriss der Hochstraße, der Bau der Auffahrten von der ebenerdigen Stadtstraße aus werden nicht nur die Straßenebene, sondern auch den Untergrund neu ordnen. Freudenberg schätzt, dass es bei dieser Gelegenheit dem stillgelegten Tunnel an den Kragen gehen könnte. Schließlich baue niemand über den stillgelegten Gleisen. Die rotten an der Stelle, an der sie schließlich hinter dem Würfelbunker das Tageslicht erblicken, langsam vor sich hin. Schmetterlingsflieder hat den Schotter durchbrochen, blüht entlang der Schwellen. Dann hören die beiden Stränge auf, kurz bevor sie die Trassen der Linien 7 und 8 erreichen. „Aus Sicherheitsgründen wurde die Weiche schließlich entfernt“, sagt Freudenberg. Die Tunneleinfahrt selbst versperrt ein Eisentor, Graffitisprayer haben sich ganz in der Nähe ausgetobt. Der Tunnel und seine Einfahrten sind ein unwirklicher Ort, fast menschenleer, jenseits der Oberfläche. Sie faszinieren deshalb nicht nur die Sprayer, sondern auch Besucher, die sich von Freudenberg und Ulrich Stumm viermal im Jahr durch den Untergrund führen lassen. „Stumm hatte die Idee, hat mich gefragt, ob ich mir das auch vorstellen kann“, sagt Freudenberg. Und die Führungen kamen an, sind seitdem immer früh ausgebucht. „Es ist die Möglichkeit, Orte zu sehen, an die man sonst im Alltag nicht hinkommt“, sagt der Ingenieur, der früher für den Bereich Straßenbahn zuständig war. Inzwischen hat er mit den großen Projekten Hochstraße und Hochwasserschutz zu tun. Vor allem die komplett stillgelegte Haltestelle Danziger Platz fasziniere mit ihren roten Fliesen die Exkursions-Teilnehmer. Dagegen könne er mit Fledermäusen oder anderen Tieren nicht dienen. Manch ein Besucher hat selbst Erinnerungen an die Straßenbahnen. „Ich selbst lerne immer noch etwas dazu“, sagt Freudenberg. Das Ende der Tunnelführungen – daran denkt er noch nicht. „Das ist noch so lang hin.“ Fest steht, dass kurz vor der Stilllegung nur noch rund 1000 Fahrgäste pro Tag die Linie genutzt hatten, sie deshalb unwirtschaftlich wurde. Dabei war das Straßenbahnnetz, wie es heute existiert, ohnehin schon dem Spardruck geschuldet. Noch Ende der 1960er-Jahre waren 33 Kilometer U-Bahn in Planung. Achse sollte unter anderen die Bismarckstraße sein, sagt Freudenberg. Das verrät heute noch die ursprünglich provisorisch angelegte Rampe bei der Ausfahrt aus dem Rathaus-Center Richtung Ludwigstraße – die längst kein Provisorium mehr ist. Als die Gewerbesteuereinnahmen zurückgingen und die Kassen knapper wurden, nahm man Stück für Stück von den großen U-Bahn-Plänen Abschied. „Lediglich fünf Kilometer Tunnel wurden schließlich verwirklicht, drei davon werden noch genutzt.“ Wie die Realität die ursprünglichen Pläne einholte, zeigt Freudenberg an drei Stufen, die im ersten Untergeschoss von der Rolltreppenebene zum Gleis hinunterführen. Auf Höhe des Rolltreppenendes hätten echte U-Bahn-Waggons fahren können, die einen höheren Einstieg haben. Während des Baus habe man sich aber umentschieden und mit den Stufen das Niveau an Straßenbahnen angepasst. Auf der stillgelegten Tunnelebene ist eine Seite der Rolltreppe tatsächlich so konstruiert, dass sie direkt auf Höhe der S-Bahn endet. Die aber hier nicht mehr fährt. Das U-Bahn-Schild am Eingang des Rathaus-Centers sei deshalb streng genommen verkehrt, sagt der Ingenieur. Weil nur Straßenbahnen fahren würden – wenn auch teils im Untergrund. Vielleicht aber bleibt das Schild bewusst hängen – als eine Erinnerung an eine andere Zeit, ein Mahnmal oder Ansporn für künftige Generationen. Auf Ebene C, ganz unten auf dem stillen Gleis, ist die Zeit jedenfalls stehen geblieben – 15.01 Uhr zeigt der Zeiger. Niemand mehr sucht Hilfe am Streckenplan, der noch immer im Schaukasten hängt, letztes Überbleibsel der Linie 12, die dort noch dick eingezeichnet ist. Die Rollläden des Kiosks daneben sind heruntergelassen, die Toilettentüren geschlossen, die Tüte im Mülleimer ist sauber. Wer sollte hier etwas wegwerfen? Ein Stockwerk höher nimmt niemand Notiz von uns, als wir durch eine Eisentür zurück auf den belebten Bahnsteig treten. Der Rolltreppenabgang ist längst ummauert, macht sich dadurch fast unsichtbar. Gut möglich, dass manch einer noch nie etwas von dem toten Gleis gehört hat. „Hauptsache ankommen“, scheinen die meisten Fahrgäste angesichts der Bauarbeiten in der Stadt zu denken.